Schweden

Exodus am Öresund

Leere Ränge: Tennismatch zwischen Schweden und Israel 2009 in Malmö Foto: dpa

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Exodus am Öresund

Muslimischer Antisemitismus vertreibt jüdische Familien aus Malmö

von Katharina Schmidt-Hirschfelder  22.03.2010 18:02 Uhr

Im neuen Heim der Familie Eisenberg in Stockholm stapeln sich bunte Tapetenrollen, Möbel und unausgepackte Koffer. Es riecht nach frischer Farbe und Neuanfang. Die Eisenbergs haben vor Kurzem ihrer südschwedischen Heimatstadt Malmö den Rücken gekehrt, so wie die meisten ihrer Jugendfreunde in den vergangenen 15 Jahren. Denn je mehr die muslimische Bevölkerung wächst, desto stärker wird der Antisemitismus in Schwedens drittgrößter Stadt. Laut Statistik der Sicherheitspolizei Säpo hat sich die Zahl antisemitischer Straftaten in der Region im Jahr 2009 verdoppelt: Es gab Friedhofsschändungen, Randale in koscheren Geschäften, Brandanschläge gegen jüdische Einrichtungen, und Muslime drohten jüdischen Jugendlichen, sie »halal zu schlachten«.

»In der Mini-Gemeinde von rund 800 Mitgliedern hatte unsere Generation ohnehin ein sehr begrenztes jüdisches Leben«, sagt Daniel Eisenberg, dessen Großeltern sich nach dem Krieg in Malmö niederließen. »Aber seit ein paar Jahren ist es richtig ungemütlich geworden.«

Dabei funktionierte das Leben der jungen Familie eigentlich reibungslos – mit festen Jobs als Hebamme und Computerfachmann, einem großen Haus, Eltern und Freunden gleich nebenan und dem jüdischen Kindergarten um die Ecke. »Meistens haben wir uns in eher ruhigen Vierteln der Stadt bewegt«, erinnert sich Daniel Eisenberg. Doch schon damals habe es ihn gestört, Kippa und Davidstern nicht öffentlich tragen zu können. »Wenn man seine Identität schützen muss, dann ist etwas faul«, sagt Eisenberg und fährt sich mit der Hand übers Gesicht, als wollte er das Gefühl von Unbehagen abschütteln.

Feuer Von brennenden Autos und antisemitischen Pöbeleien bekam die Familie anfangs nicht viel mit. Das änderte sich schlagartig nach dem Davis-Cup-Turnier im vergangenen Jahr. »Aus Sicherheitsgründen« hatte Bürgermeister Ilmar Reepalu das Tennismatch zwischen Schweden und Israel vor leeren Rängen austragen lassen. Schon damals war der Sozialdemokrat mit antisemitischen Äußerungen aufgefallen.

»Ilmar Reepalu ist ein Antisemit«, sagt Lena Posner-Körösi, Zentralratschefin der Juden in Schweden. »Er hört nicht auf, Israel und Innenpolitik in einen Topf zu werfen. Bald sind Wahlen in Schweden, es leben eine halbe Million Muslime hier, ein Fünftel davon in Malmö. Und die Sozialdemokraten wollen zurück an die Macht«, bringt sie das Problem auf den Punkt. Sie bedauert es, dass immer mehr jüdische Familien Malmö verlassen.

Dabei zieht es längst nicht alle nach Stockholm. Marcus Eilenberg hat sein Hab und Gut nach Israel verschifft. Er ist säkular und glaubt an eine Zweistaatenlösung in Israel. »Dennoch sieht man mich als Repräsentanten für Israels gegenwärtige Regierungspolitik«, meint er kopfschüttelnd. Wie sein Freund Daniel Eisenberg ist er von Schwedens Politikern enttäuscht, die sich nicht klar vom Antisemitismus distanzieren. »Es gibt viele Vorfälle. Aber was die Statistik nicht zeigt, ist unsere Angst.« Weil Schwedens Regierung ihnen kein Gefühl der Sicherheit geben kann, sei Stockholm für ihn auch keine Alternative. »Das Problem ist ein gesamtschwedisches. In Malmö ist es nur greifbarer, weil hier alles so überschaubar ist.«

Hass Dabei könnte Malmö »ein fantastisches Beispiel für das Zusammenleben von Menschen aus 120 Nationen« sein, meint Zentralratschefin Posner-Körösi. Stattdessen schüre Bürgermeister Reepalu den Judenhass unter Islamisten und gäbe antidemokratischen Tendenzen Raum. »Bald ist Malmö ›judenrein‹, das will er«, sagt Posner-Körösi desillusioniert. Seit zehn Jahren macht die Zentralratschefin auf den wachsenden muslimischen Antisemitismus aufmerksam – mit mäßigem Erfolg. Denn aus Angst, als Rassist abgestempelt zu werden, wagt es kaum jemand, sich gegen antidemokratische Tendenzen bei Einwanderern abzugrenzen. »Typisch schwedisch« sei das, sagt Posner-Körösi: »Man plaudert und trinkt Kaffee, aber redet nicht Tachles.«

Parallele Einer, der sich immer wieder zu Wort meldet, ist Adam Cwejman. Die verbreitete Akzeptanz antijüdischer Ausschreitungen bringt den 25-Jährigen auf die Palme. Cwejman ist Chef der Jungen Liberalen und fordert in Blogs und Debatten eine Reaktion auf Reepalus Gleichsetzung von Antisemitismus und Zionismus. »Die schwedische Linke ist sich der Tradition nicht bewusst, in der sie steht. Als mein Vater 1968 aus Polen floh, klangen Gomolkas Brandreden über ›Juden und Zionisten‹ noch in seinem Ohr. Dieselben Töne hören wir heute von Reepalu«, empört sich Cwejman.

Auch wenn Reepalu inzwischen Abstand nimmt von Äußerungen wie »Wenn Malmös Juden nach Israel ziehen, ist das ihre Sache« und Gemeindevertreter trifft sowie den späten Rüffel seiner Parteichefin einsteckt und ein Dialogforum einrichtet – für Daniel Eisenberg und Marcus Eilenberg gibt es keinen Weg zurück.

Auch Mattias Dahlén ist resigniert. Im Gegensatz zu »Rassist« sei »Antisemit« ein wirkungsloses Schimpfwort geworden, sagt der jüdische Historiker, der Malmö bereits in den 90er-Jahren verlassen hat. »Es ist heute nicht besonders kontrovers zu sagen, dass Malmö keine jüdische Zukunft hat.« Vollkommen sinnlos sei es, gegen so viel Hass anzukämpfen. »Entweder man zieht weg, oder man hört auf, Jude zu sein«, meint er. Die Sorge, antisemitische Wortwahl könne zu einer Art Mantra werden, sieht er zunehmend bestätigt. »Wenn man etwas so lange wiederholt, bis es auch in Mittelklasse-Schichten einsickert – ›Israels Fehler‹ oder ›die Juden sind schuld‹ –, wird es irgendwann zur Wahrheit.«

Mit diesem neuen Typ von Antisemitismus müsse sich ganz Europa auseinandersetzen, sagt auch Daniel Eisenberg, während er in Stockholm seinen letzten Umzugskarton auspackt.

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