Großbritannien

»Einfach phänomenal«

Dass ausgerechnet sie die erste Jüdin überhaupt bei einer Krönungsmesse sein würde, hätte sich Gillian Merron bis vor Kurzem nicht träumen lassen. »Ich kenne die Hintergründe nicht und weiß nicht, warum ausgerechnet ich ausgewählt wurde. Ich weiß nur, es war eine gemeinsame Entscheidung der britischen Regierung und des Buckingham-Palastes war, in Absprache mit Lambeth Palace, dem Amtssitz des Erzbischofs von Canterbury«, sagt die 64-Jährige, deren offizieller Titel seit einigen Jahren Baroness Merron of Lincoln ist. Sie ist Mitglied des House of Lords, der britischen Oberhauses.

Zuvor war Merron hauptberuflich Geschäftsführerin des Board of Deputies of British Jews. Von 1997 bis 2010 war sie Unterhausabgeordnete für die Labour Party von Tony Blair und zuvor Gewerkschaftssekretärin. Sie stammt aus einer säkularen jüdischen Familie, erst im vergangenen Jahr feierte Merron ihre Bat Mitzwa.

SCHWERE ROBE Bei der feierlichen Krönung von König Charles III. in der Westminster Abbey am vergangenen Samstag wurde ihr als erster Frau und erster jüdischer Person in der Geschichte des Königreichs eine große Ehre zuteil: Merron durfte Charles die drei Kilo schwere Robe Royal überreichen – ein Kleidungsstück, das auch als »imperialer Mantel« bekannt ist und nur bei Krönungen zum Einsatz kommt.

Die 1821 erstmals verwendete Robe ist aus goldenem Stoff gefertigt, mit Motiven wie Lilien und Adlern verziert und wird mit einer goldenen Adlerspange über der Brust getragen. Damit soll die göttliche Natur des Königs symbolisiert werden.

Merrons Auftritt war zwar nur kurzer Natur. Sie überreichte das Gewand an den Erzbischof von Canterbury, der es wiederum dem König umlegte. Doch auch diese Nebenrolle sei eine große Ehre für sie gewesen, so Gillian Merron. Denn bislang waren britische Krönungsmessen rein anglikanische Angelegenheiten. Das hat auch seinen Grund, denn formell ist der britische König seit den Zeiten Heinrichs VIII. als »Defender of the Faith« Oberhaupt der Church of England.

Dass in den Gottesdienst nun auch jüdische, muslimische und hinduistische Vertreter eingebunden würden, wäre bei der letzten Krönung vor rund 70 Jahren noch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. »Es war eine Krönungszeremonie, die Großbritannien als eine Gemeinschaft verschiedener Glaubensrichtungen gewürdigt hat«, sagt Merron. Das sei auf ausdrücklichen Wunsch des neuen Königs geschehen, betont sie.

GENERALPROBE Merrons Auftritt war nicht die einzige Neuerung. Auch weitere Kollegen aus dem House of Lords hatten ihren Auftritt. So überreichte Lord Patel, ein Hindu, Charles den Herrscherring. Lord Kamall, ein Muslim, reichte dem König seine Armillen genannten Armbänder. Und Lord Singh, ein Vertreter der Sikh-Gemeinschaft, übergab dem Monarchen den Krönungshandschuh. Auch der Oberrabbiner des Vereinigten Königsreichs, Ephraim Mirvis, nahm aktiv an der Zeremonie teil – wegen des Schabbats allerdings ohne Mikrofon.

Auf ihren Auftritt musste Merron nicht etwa in der Sakristei der ehrwürdigen Kirche warten, sondern konnte den Auftritt wie die anderen Gäste auch im Kirchenschiff verfolgen. Von der Salbung des Monarchen mit »heiligem Öl« bekam die Politikerin allerdings wie alle anderen Zuschauer nichts mit, denn Charles wurde während dieser Prozedur mit einer Stellwand vom Rest der Festgäste in der Abtei von Westminster abgeschottet.

Da die pompöse Königskrönung ein Ereignis war, das auf der ganzen Welt mit Spannung verfolgt werden würde, musste Merron wie die anderen Beteiligten auch gleich mehrere Proben absolvieren. Am Vorabend der Krönung gab es die Generalprobe in voller Montur, auch der König sei dabei anwesend gewesen, ebenso Prince William und seine Frau Catherine, erzählt sie.

»Die Reaktion, die ich von der jüdischen Gemeinschaft nicht nur hier, sondern in der ganzen Welt erfahren habe, war einfach phänomenal. Die Menschen waren so stolz, sie waren interessiert und sie haben mich unterstützt und ermutigt. Ich denke, wir haben da ein Stück Geschichte für unsere Gemeinschaft geschrieben«, sagt Gillian Merron stolz.

Vielleicht wurde die Nachfahrin ukrainischer und russischer Juden nicht ganz zufällig für ihre Rolle bei der Krönungsfeier ausgewählt: Ihre Großeltern väterlicherseits waren Schneider und Näher und daher im Umgang mit feinen Stoffen vertraut.

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