Schweiz

Easyjet und koscher Schoggi

In ihrem Buch »Die jüdische Schweiz« beleuchten die Autoren Naomi Lubrich und Caspar Battegay anhand von 50 Gegenständen die Geschichte der Juden im Land. Foto: PR

Schweiz

Easyjet und koscher Schoggi

Ein neues Buch zeichnet mit 50 Objekten die jüdische Geschichte des Landes nach

von Peter Bollag  19.06.2018 00:02 Uhr

Was hat ein aus Tierknochen hergestellter Würfel mit einem Schokoladenriegel oder einer schmucklosen Agenda aus dem Jahr 1993 gemeinsam? Auf den ersten Blick wenig bis gar nichts.

In ihrem Buch Jüdische Schweiz – 50 Objekte erzählen Geschichte schaffen es Naomi Lubrich und Caspar Battegay, selbst völlig schmucklose Dinge auftreten und ihre Rolle spielen zu lassen, wenn es darum geht, die Geschichte von Juden im Land zwischen Matterhorn und Bodensee zu beleuchten.

Die aus Tierknochen hergestellten Würfel: Sie sind – kaum jemand weiß das heute noch – ein Ausdruck der mittelalterlichen Diskriminierung vieler damaliger jüdischer Händler, die in Europa unterwegs waren. Sie mussten diese Würfel immer mit sich tragen – und nicht selten den Geldbetrag würfeln, den sie den Zollbeamten als eine Art Bestechungsgeld zu bezahlen hatten.

Nicht selten wurde der Betrag auf »30 Pfennig und drei Würfel« festgelegt, wie ein Dokument aus dem 16. Jahrhundert in Liechtenstein zeigt. Dies sei, so schreiben die Autoren, »eine antijüdische Demütigungsgeste« gewesen, denn sie habe auf Judas verwiesen, der angeblich Jesus für 30 Silberlinge verriet.

J-Stempel Natürlich fehlen in dem Buch auch nicht neuere Zeugnisse von Antisemitismus und Rassismus, wie der berühmte J-Stempel, dessentwegen während der NS-Zeit viele jüdische Flüchtlinge an den Schweizer Grenzen abgewiesen wurden und über dessen genaue Urheberschaft die Historiker noch immer streiten.

Oder da ist die Schreibmaschine von Otto Frank, dem Vater von Anne Frank, mit der er von Basel aus, wo er nach der Schoa mit seiner zweiten Frau Fritzi lebte, die Briefe aus aller Welt beantwortete, die ihn nach der Veröffentlichung des Tagebuches seiner Tochter erreichten.

Jüdische Schweiz zeigt jedoch durchaus auch eine andere, etwas lockerere Seite des jüdischen Lebens im Land. Da ist der »Ragusa«-Schokoladenriegel, den es in der Schweiz an jeder Ecke zu kaufen gibt und den darum auch fast jedes Kind und viele Erwachsene schätzen und lieben. Er ist, wenn man so will, eine jüdische Erfindung: 1929 gründete der Kaufmann und Schokoladenhändler Camille Bloch in Bern sein Unternehmen, das er später in den Berner Jura, also aufs Land, verlegte (wo die Firma noch heute ihren Sitz hat).

Ragusa Der Ragusa-Riegel entstand während des Zweiten Weltkriegs, als die neutrale Schweiz keinen Kakao importieren konnte und Bloch daraufhin auf die zündende Idee kam, die Schokoladenhülle mit Haselnüssen aus einer Nougatschicht zu umgeben: der Beginn einer Schweizer Erfolgsstory.

Weiter erzählt das Buch vom schmucklosen Taschenkalender der ehemaligen und bisher einzigen jüdischen Bundesrätin Ruth Dreifuss aus dem Jahr 1993. Als die engagierte Genfer Sozialdemokratin und Gewerkschafterin den Kalender zu Beginn jenes Jahres für ihre persönlichen Einträge zu nutzen begann, ahnte sie nicht, dass sie drei Monate später Ministerin der Schweizer Regierung sein würde. Dazu kam es nach einem »Aufstand der Schweizer Frauen«, die sich in der Regierung nicht ausreichend vertreten fühlten und die Wahl einer weiteren Frau mit dem Druck der Straße möglich machten.

Fehlen darf in Lubrichs und Battegays Buch auch nicht eine Spielzeug-Boeing der britischen Billig-Airline Easyjet, die seit einigen Jahren die Schweiz und Israel verbindet. Sie hat damit die Beziehungen zwischen beiden Ländern massiv beeinflusst, vermutlich ohne es zu wollen. Denn jenseits der Politik seien die Dinge des Alltags viel wichtiger, schreiben die Autoren augenzwinkernd. Und das gelte für beide Länder: »In Tel Aviv jammert man über die fehlende Pünktlichkeit, man vermisst Mayonnaise, Käse und Bratwürste. In Zürich, Genf und Basel dagegen wird die mangelnde Offenheit der Leute und die schlechte Qualität des Hummus beklagt.«

»Die jüdische Schweiz – 50 Objekte erzählen Geschichte«. Hrsg. vom Jüdischen Museum der Schweiz. Merian, Basel 2018, 231 S., 34 €

9/11

Das Gift des Terrors

Ein Vierteljahrhundert nach den islamistischen Anschlägen auf Amerikas Zentren der Macht findet tatsächlich ein Regime Change statt. Allerdings nicht in den Täterländern, sondern in den USA. Ein persönlicher Rückblick

von Hannes Stein  10.09.2026

Schweiz

Neues Holocaust-Memorial in Bern

In Bern soll bis Ende 2027 eine Gedenkstätte für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet werden, das den Namen »Unfolded minute« trägt

von Nicole Dreyfus  09.09.2026

Emirate

Generation Golf

Dubai boomt als Reiseziel für Israelis. Doch schon vor dem Beitritt zu den Abraham-Abkommen ist eine Gemeinde gewachsen, für die der jüdische Alltag in einem arabischen Land Normalität ist

von Mark Feldon  09.09.2026

Meinung

Ein Sonntag genügt!

Was gehen uns in der Schweiz die Wahlen in Sachsen-Anhalt an? Auf den ersten Blick nicht viel. Auf den zweiten wird klar: Das Problem ist nicht nur die Partei selbst

von Zsolt Balkanyi-Guery  08.09.2026

Nachruf

Gloria Steinem: Ein Leben im Dienst der Gleichberechtigung

Die Journalistin und feministische Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Mit ihrem Magazin »Ms.« veränderte sie den Blick auf Frauen nachhaltig

 04.09.2026

Schweiz

»Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen!«

Der neunjährige Nathan Hertig ist eines von 25 jüdischen Kindern des FC Hakoah Zürich, die die Profis des FC Zürich ins Stadion begleiten durften. Im Interview erzählt er von diesem Erlebnis

von Nicole Dreyfus  03.09.2026

Terezín 2050

Theresienstadt: Zwischen Gedenken und Weiterleben

Einst Habsburger Festung, dann NS-Ghetto, heute tschechische Kleinstadt: Terezín (Theresienstadt) ist Erinnerungsort und lebendige Stadt zugleich. Internationale Forscher suchen nach Perspektiven für den Spagat zwischen Vergangenheit und Zukunft

 03.09.2026

Ungarn

Jüdisches Leben nach Orbán

Die neue Regierung verspricht eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Judenhass – und Partnerschaft auf Augenhöhe

von György Polgár  03.09.2026

USA

Warum Punk so jüdisch ist

In New York fing es an. In London wurde es Modetrend. Aber was hat eigentlich Lenny Bruce damit zu tun?

von Sarah Thalia Pines  31.08.2026