Nachruf

Der Ritter unter den Schoa-Überlebenden

Ben Helfgott 2018 bei seinem Ritterschlag durch den damaligen Prinzen von Wales und heutigen König Charles Foto: picture alliance / PA Wire/PA Images

Nachruf

Der Ritter unter den Schoa-Überlebenden

In Großbritannien ist Sir Benjamin Helfgott im Alter von 93 Jahren verstorben

von Michael Thaidigsmann  19.06.2023 14:58 Uhr

Seine Eltern und eine seiner beiden Schwestern wurden in der Schoa ermordet. Er selbst entkam dem Grauen nur knapp. Ben Helfgott – seit seinem Ritterschlag 2018 offiziell Sir Benjamin Helfgott - war vor allem in Großbritannien einer der bekanntesten Holocaust-Überlebenden. Das lag auch daran, dass er in den 50er-Jahren gleich mehrfach die britische Meisterschaft im Gewichtheben gewann.

Für seine Wahlheimat nahm Helfgott an den Olympischen Sommerspielen in Melbourne 1956 und in Rom 1960 teil. Bei der Makkabiade, dem internationalen jüdischen Sportwettbewerb, gewann er dreimal Gold in der Leichtgewichtklasse. Bei den Commonwealth-Spielen in Cardiff reichte es einmal zu Bronze.

GHETTO Benjamin Helfgott wuchs in der im Landkreis Łódź gelegenen Kleinstadt Piotrków Trybunalski (zu Deutsch: Petrikau) auf. Er war neun Jahre alt, als die deutsche Wehrmacht in Polen einfiel. Seinen im Ausland eher unbekannten Heimatort hatte er übrigens mit dem israelischen Rabbiner Yisrael Meir Lau und mit Rena Quint gemeinsam. Alle drei überlebten die Schoa und brachten es im Anschluss zu internationaler Bekanntheit.

Benjamin und seine Familie wurden in das jüdische Ghetto von Piotrków eingewiesen. Bereits mit 12 Jahren musste er als Zwangsarbeiter in einer Glasfabrik arbeiten. Als 22.000 der 24.000 Bewohner des Ghettos nach Treblinka deportiert wurden, darunter sein Großvater, entkam er nur knapp. Er hatte eine Arbeitserlaubnis und durfte einer Tätigkeit nachgehen.

Wenig später wurden Bens Mutter Sara und seine jüngste Schwester Lusia zusammen mit über 500 Ghetto-Insassen in der Synagoge der Stadt zusammengetrieben und in ein Waldstück gebracht, wo sie erschossen wurden.

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Als 1944 das Ghetto aufgelöst wurde, wurde Benjamins Schwester Mala ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Ben kam stattdessen ins KZ Buchenwald in Thüringen, später ins Arbeitslager Schlieben-Berga in Brandenburg und schließlich nach Theresienstadt, im besetzten Tschechien.

Sein Vater wurde kurz vor Kriegsende bei einem Fluchtversuch auf einem der Todesmärsche von SS-Wachleuten erschossen. Auch Ben und Mala waren sehr geschwächt, überlebten aber – der Junge in Theresienstadt, das Mädchen in Bergen-Belsen.

GEWICHTHEBER Der Vollwaise Ben Helfgott war unter 732 Kindern, die nach Kriegsende von einer jüdischen Hilfsorganisation nach Großbritannien gebracht wurden. Helfgott gehörte zur Gruppe der »Windermere Children«. 1947 holte er seine um ein Jahr jüngere Schwester nach, die zunächst in Schweden gelandet war. Er holte seine Schulbildung nach, half bei der Gründung eines Clubs für jüdische Jugendliche, dem Primrose Club, und besuchte die Plaistow Grammar School in London.

Auf das Gewichtheben kam Helfgott, als er 1948 im Hampstead Heath, einem großen Park im Londoner Norden, mehreren Männern dabei zusah, wie sie Hanteln in die Höhe stemmten. Als er fragte, ob er versuchen dürfe, einige der Gewichte zu heben, gelang es dem 18-Jährigen mit Leichtigkeit, fast 90 Kilo zu stemmen. Er sei sofort als ein »Naturtalent« gefeiert worden, erinnerte sich Helfgott später, und seine Karriere als Gewichtheber nahm ihren Lauf.

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Zeit seines Lebens bemühte sich Ben Helfgott auch, die Erinnerung an den Holocaust wachzuhalten – auch und gerade im Sport. 2012 hielt eine Ansprache an die englische Fußballnationalmannschaft, bevor diese das Lager Auschwitz besuchte.

Vergangene Woche starb »Sir Ben« im Alter von 93 Jahren. Das ganze Land trauerte um ihn. Großbritanniens Oberrabbiner Ephraim Mirvis lobte »einen der inspirierendsten Menschen«, den er je gekannt habe. »Er war eine charismatische und leidenschaftliche Führungspersönlichkeit«, so Mirvis.

»Seine eigenen schrecklichen Erfahrungen inspirierten ihn dazu, sich unermüdlich für eine friedlichere und geeinte Welt einzusetzen, und er inspirierte uns, es ihm gleichzutun. Unsere Gedanken sind bei seiner Frau Arza, seinen Söhnen Maurice, Michael und Nathan sowie bei seiner unnachahmlichen Schwester Mala Tribich.«

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