Vatikan

Der Papst und das jüdische Flehen

In der Bibliothek des Vatikans Foto: picture alliance / EIDON/MAXPPP


Rund 2000 Bittschriften und Hilfeersuchen von Juden, die während der Naziherrschaft aus vielen Teilen Europas an Papst Pius XII. gerichtet wurden, können ab sofort auf den Webseiten des Vatikan-Archivs online gelesen werden. Damit verbunden ist das Schicksal Tausender Menschen, darunter, wie es in einer Erklärung des päpstlichen Außenministers, Erzbischof Paul Richard Gallagher, heißt, »getauften und ungetauften Juden«, die von Verfolgung und Deportation bedroht waren.

Von den insgesamt 170 alphabetisch sortierten Archiv-Ordnern der Serie »Ebrei« (Juden) sind mittlerweile 119 digitalisiert. Seit Juni können sie im Internet aufgerufen werden. Die fehlenden 30 Prozent der Akten würden derzeit bearbeitet und sollen in einem zweiten Schritt publiziert werden, erläuterte Gallagher in einer Verlautbarung im hauseigenen Nachrichten-Magazin »Vatican News«.

Zu den Motiven der Veröffentlichung schreibt der Erzbischof: »Die Bereitstellung der digitalisierten Version des gesamten ›Ebrei‹-Bestands im Internet soll es den Nachkommen derjenigen, die um Hilfe gebeten haben, ermöglichen, die Spuren ihrer Angehörigen in jedem Teil der Welt zu finden.«

VISA Die Bittsteller hofften, dass der Heilige Stuhl auf diplomatischen Wegen etwas zu ihrer oder zur Rettung von Familienangehörigen würde tun können. Ein 48-jähriger Wiener zum Beispiel schrieb im Dezember 1939 an Pius XII., dass er gut ein Jahr zuvor mit 10.000 weiteren Juden für grauenvolle 100 Tage im Konzentrationslager Dachau inhaftiert gewesen sei und bei der Entlassung von der Gestapo den Befehl erhalten habe, das Land zu verlassen. Für die USA habe er zwar für sich und seine Kinder Visa erhalten, nicht aber für die fast 81 Jahre alte Mutter. Der Bittsteller flehte den Papst an, dabei zu helfen, dass sie zwei oder drei Monate später nachreisen könne.

Ein zum Katholizismus konvertierter Prager Medizinstudent, dem als Jude unter der Naziherrschaft verweigert wurde, sein Studium zu beenden, wollte nach Kanada auswandern. Er benötigte Startkapital und Geld für die Einreisebewilligung. Er bat den Papst um finanzielle Unterstützung und schrieb, er wolle das Geld borgen. Am Schluss seines Briefes zitierte er verzweifelt die Bergpredigt im Matthäus-Evangelium: »Bittet, so wird euch gegeben.«

DIPLOMATIE Wie unterschiedlich die Anliegen waren, erfährt der Leser schon in den Erläuterungen zu den digitalisierten Akten. Manche Bittschriften kamen über diplomatische Kanäle, kirchliche Institutionen und andere Vermittler in den Vatikan. In den Schreiben sei es um Hilfen gegangen, etwa für Auswanderungs-Visa, die Gewährung von Asyl, die Vereinigung mit Familienmitgliedern, Entlassung von Gefangenen oder Verlegungen von einem Konzentrationslager in ein anderes. Es sei um Nachrichten zu verschleppten Angehörigen, um Nahrung, Kleidung, finanzielle und geistliche Hilfe gebeten worden. Viele Anfragen hätten aus unterschiedlichen Gründen nicht angenommen werden können. Zuweilen habe man aber etwas unternehmen können. In den meisten Fällen sei jedoch der Ausgang des Verfahrens völlig unbekannt.

Forschern stehen diese Akten bereits seit mehr als zwei Jahren in den römischen Archivräumen zur Verfügung. Der amerikanische Historiker und Sozialwissenschaftler David Kertzer hat in seinem kürzlich erschienenen Buch The Pope at War ein Fazit seiner Akteneinsicht in Rom gezogen. Demnach sei Papst Pius XII. wohl nicht von Antisemitismus getrieben gewesen, sondern habe aus Angst vor Gefahren für die katholische Kirche geschwiegen und auch dann noch die geräuschlose Kooperation mit den deutschen Nazis und den italienischen Faschisten vorgezogen, als unmittelbar vor den Vatikanmauern Juden für die Deportation nach Auschwitz zusammengetrieben wurden.

Dass sich Pius, wie seine Verteidiger behaupteten, hinter den Kulissen für die Verfolgten eingesetzt habe, so Kertzer, könne im Wesentlichen nur für zum Katholizismus konvertierte Juden bestätigt werden. Der Vatikan sei damit an der Auswahl derer beteiligt gewesen, die leben durften, und derer, die sterben mussten, so Kertzer.

Großbritannien

»Die Grünen sind jetzt eine extremistische Partei«

Ein Parteitagsbeschluss der englischen Grünen, in dem der Zionismus als eine Spielart des Rassismus bezeichnet und zur Befreiung Palästinas aufgerufen wird, ist nicht nur in Großbritannien auf heftige Kritik gestoßen

 05.10.2026

Nachruf

Weimer würdigt gestorbene Holocaust-Überlebende Irene Butter

Eine weitere jüdische Zeitzeugin des Holocaust ist tot. Irene Butter starb im Alter von 95 Jahren in den USA. Lange hatte sie nichts von ihren Erlebnissen im KZ erzählt. Dann berichtete sie jahrzehntelang Schülern von ihrem Leben

von Christoph Arens  05.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Madrid

Kritik an Zara wegen Halloween-Kostüm mit Ähnlichkeit zu KZ-Kleidung

Die Hintergründe

 02.10.2026

Gespräch

Jüdische Stimme am Vatikan

Viktor Eichner vom Jüdischen Weltkongresses hat ein großes Ziel: sich für die jüdische Gemeinschaft einzusetzen – vor allem beim Heiligen Stuhl

von Sabine Kleyboldt  02.10.2026

USA

Jüdischer Stolz auf der New York Fashion Week

Zum ersten Mal war eine exklusiv jüdische Modenschau Teil des berühmten Events. Mit Modest Fashion, Abendkleidern und Bikinis

von Sophie Albers Ben Chamo  01.10.2026

Großbritannien

Dame Esther Rantzen mit 86 Jahren gestorben

Die Journalistin setzte sich für Kinder, Senioren und eine Legalisierung der Sterbehilfe ein

 01.10.2026

New York

Mamdani legt Antisemitismus-Plan vor, jüdische Organisationen üben scharfe Kritik

Das Konzept des Bürgermeisters blende den Zusammenhang zwischen der Gewalt gegen Juden in New York und antiisraelischer Propaganda bewusst aus, sagt einer der Kritiker

 30.09.2026

Kiew

85. Jahrestag: Selenskyj gedenkt ermordeter Kyjiwer Juden

Vor 85 Jahren besetzten deutsche Truppen die heutige ukrainische Hauptstadt. Sie ermordeten zehntausende Menschen. Präsident Selenskyj stellt bei einer Gedenkfeier den Bezug zur Gegenwart her

 30.09.2026