Der Vater ist verzweifelt. Seine Tochter und die ganze Familie sind einem vermeintlichen milyoner, einem auf den ersten Blick sehr wohlhabenden Gentleman, auf den Leim gegangen. Der Vater hat ihm seine Tochter anvertraut, doch seit der Abreise nach der Hochzeitsfeier in einem kleinen Dorf in tiefster Provinz ist der Kontakt zum Kind abgerissen. Der Vater greift nach jedem Strohhalm. Eine jüdische Hilfsorganisation in Lemberg gibt Leybush Suchestow den ersten vernünftigen Rat zur Rettung seiner Rivke: »Jetzt kann nur noch einer helfen. In Wien arbeitet Max Spitzkopf, einer der bekanntesten Privatdetektive der Welt. Er hat ein paar der unlösbarsten Fälle aufgeklärt und einige der gefährlichsten Verbrecher in ihren Höhlen aufgespürt!« Spitzkopf kommt tatsächlich aus Wien nach Lemberg und nimmt die Spur des Mädchenhändlers auf. Der hat die Braut mittlerweile in ein Bordell nach Konstantinopel verschleppt.
15 Geschichten erschienen auf billigstem Papier in ganz Galizien als Groschenhefte
The Flesh Peddler (Der Fleischhändler) ist einer von 15 Fällen des jiddischen Sherlock Holmes, die der New Yorker Autor und Schauspieler Mikhl Yashinsky ins Englische übersetzt hat. Das jiddische Original stammt von Jonas »Yoyne« Kreppel und erschien 1908 zunächst als Sammelband Maks Shpitskopf der kenig fun di detektivs in Krakau, doch dann fanden die 15 Geschichten einzeln auf billigstem Papier in ganz Galizien Verbreitung, als Groschenhefte. Von den Originalen sind, wohl auch wegen der schlechten Papierqualität, nur noch wenige Exemplare erhalten.
Der »Wiener Sherlock Holmes« stand damals auf dem Cover. Der Verlag, White Goat Press, und der Autor haben den »jiddischen Sherlock Holmes« daraus gemacht, denn dass dieser Held und dieses Genre auf Jiddisch existieren, mache das Buch unverwechselbar, so Yashinsky.
»Max Spitzkopf ist ein Jude«, stand damals auf der Rückseite der Abenteuerhefte. Und in den Geschichten nutzte der Meisterdetektiv jede Möglichkeit, für Juden da zu sein. Sein Wiener Büro heißt »Agentur Blitz«, weil es genauso schnell arbeite. Es dauert immer nur ein paar Tage, bis Spitzkopf die Verbrecher gefasst hat. Dabei hilft ihm sein Assistent, der nicht Watson, sondern Hermann Fuchs heißt. Es ist ein Running Gag, dass der in den Storys immer wieder in die Bredouille gerät, unter anderem gefesselt in einem Keller, und sein Chef ihn retten muss.
Der tolpatschige »Watson« als Running Gag
Zwar sei Spitzkopfs Religiosität kaum Thema, so Yashinsky weiter, aber bei seinen Fällen handle es sich ausschließlich um jüdische Opfer: ein junges Mädchen, das zur Konversion gezwungen werden soll, oder einen Mann, der fälschlicherweise als Spion verhaftet wird. Der Beweis? Dass er Jude ist.
Max Spitzkopf ist auch ein Kämpfer gegen den alltäglichen Antisemitismus. Seine Leser waren mit den Lebensumständen, unter denen er ermittelte, bestens vertraut. Die Affäre Dreyfus steckte allen noch in den Knochen. Man hatte selbst Pogrome überlebt. In diesem gesellschaftlichen Klima gab der streng orthodox lebende Kreppel seinen Lesern »mit Max Spitzkopf einen Helden, der gegen die gewalttätigen Menschen vorgeht und den Juden hilft. Der für Gerechtigkeit sorgt, die es im realen Leben nicht immer gab«, sagt Yashinsky. Heute würde der Detektiv als »Superheld« gefeiert werden.
Und natürlich sind die Geschichten eine Hommage an Spitzkopfs berühmten Londoner Kollegen aus der 221B Baker Street. So stand damals denn auch auf dem Rückumschlag: »Jeder auf der Welt und in jeder Sprache kennt das Genie Sherlock Holmes. Aber weiß auch jeder, dass es einen jüdischen Sherlock Holmes gibt, der Max Spitzkopf heißt und in Wien lebt?«
Der Wiener setzt auf Action
Der größte Unterschied zwischen den beiden Superdetektiven ist wohl der, dass sich der Original-Sherlock ausführlich Zeit nimmt, um Spuren und Motive zu verfolgen. Der Wiener setzt im Vergleich dazu auf Action. Spitzkopf hat nicht viel Zeit, denn »die Gefahren lauern an allen Ecken und Enden«, sagt sein Übersetzer. Egal ob im Wiener Untergrund, in den Alpen oder in Monte Carlo.
Ein besonders düsterer Umstand ist die Tatsache, dass Spitzkopfs erste Reise zu Ermittlungen unter anderem nach Galizien in einen Ort mit Namen Oszpicin führt, Jahrzehnte bevor der deutsche Name der Kleinstadt zum Inbegriff der Schoa wurde: Auschwitz.
In einem Konzentrationlager endete auch das Leben des Erfinders von Max Spitzkopf. Jonas Kreppel wurde 1940 in Buchenwald getötet.
Kreppel stammte selbst aus Galizien und wuchs in einer chassidischen Familie auf. Schon früh interessierte er sich für Kultur und Sprachen, machte eine Lehre zum Schriftsetzer und schrieb bald für diverse jüdische Zeitungen und Magazine. Schließlich ging er nach Wien, wo er unter anderem im Pressesekretariat des Diplomatischen Dienstes arbeitete. Kreppel war ein kaisertreuer Patriot und stolz darauf, Österreicher zu sein. In den 20er-Jahren publizierte er vor allem ostjüdische Geschichten und Legenden in jiddischer und deutscher Sprache. In Wien erfand er nicht nur den Detektiv, er veröffentlichte auch das Handbuch Juden und Judentum von heute. Sein Hauptwerk, aus dem bis heute zitiert wird.
Das Leben des Erfinders von Max Spitzkopf endet im KZ
Kreppel war 63 Jahre alt, als er gleich nach dem »Anschluss« verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau verschleppt wurde. In Buchenwald zwangen die Nazis ihn, sich zu Tode zu arbeiten.
Dass sein literarischer Held Spitzkopf einen ganz besonderen Leser hatte, sollte Kreppel nie erfahren. Auch der einzige auf Jiddisch schreibende Literaturnobelpreisträger war Fan: Isaac Bashevis Singer. Der weltbekannte Autor habe die Heftchen als Kind am Zeitungskiosk gekauft, deren Geschichten ihn gefesselt und inspiriert hätten, berichtet Yashinsky. Er selbst entdeckte den jiddischen Sherlock, als er am Yiddish Book Center in Amherst im US-Bundesstaat Massachusetts arbeitete und zufällig auf Kreppels Krimiabenteuer stieß. Im Anschluss kümmerte er sich um deren vollständige Übersetzung.
Auch der spätere Literaturnobelpreisträger Isaac Bashevis Singer war ein großer Fan.
Und damit der jiddische Sherlock Holmes auch neue Fans findet, geht Yashinsky auf Lesetour. Dabei macht der 35-Jährige seine Auftritte zur Performance. Die Geschichten seien eine gute Basis für ein Theaterstück oder auch ein Musical, findet er.
Bleibt die Frage, warum Meisterdetektiv Max Spitzkopf aus Wien eigentlich so lange verschollen war. Yashinsky erklärt es sich mit der Massenproduktion der Groschenhefte. Die stellte man sich nicht ins Regal. Nach der Lektüre gab man sie weiter oder warf sie weg. Obwohl diese »Schundliteratur« wirklich »unterhaltsamer Abfall« sei, so der Übersetzer. Auf Deutsch klingt »Schund« ziemlich hart, auf Englisch spricht sich die Genrebezeichnung eleganter aus: »Pulp Fiction«. Vielleicht ein Hinweis, wohin Max Spitzkopfs Weg noch führen kann. Da gab es doch mal diesen Film.