Parlamentswahl

Der heimliche Star der französischen Linken

Foto: picture alliance / abaca

Parlamentswahl

Der heimliche Star der französischen Linken

Bei aller Sorge um die politische Zukunft des Landes sollte man Raphaël Glucksmann im Blick behalten

von Michael Thaidigsmann  09.07.2024 18:26 Uhr

Diesmal stand er selbst nicht zur Wahl. Und obwohl er keiner der großen Parteien des Linksbündnisses Nouveau Front Populaire (NFP) angehört, war Raphaël Glucksmann eines der Gesichter, das die Franzosen am Wahlsonntag häufiger in den Fernsehstudios zu sehen bekamen.

Seit 2019 ist der 44-Jährige Mitglied des EU-Parlaments. Zuvor hatte sich der Journalist politisch eher am Rande engagiert. Der Sohn des jüdischen Philosophen André Glucksmann (1937–2015) war in jüngeren Jahren vor allem in Afrika unterwegs, arbeitete für die Zeitung »Le Soir d’Algérie«, drehte in Krisenregionen Dokumentarfilme für das französische Fernsehen, publizierte Bücher, führte eine Werbeagentur und beriet Politiker wie den georgischen Präsidenten Michail Saakaschwili.

Seine 2018 erschienene Streitschrift »Die Politik sind wir!«, in der er für weniger Individualismus und mehr Gemeinwohl plädiert, wurde zum Bestseller und trug ihm Preise ein. In erster Ehe war Glucksmann mit einer georgischen Politikerin verheiratet, die 2007 als Justizministerin zurücktreten musste. Seit einigen Jahren ist er mit der französischen Journalistin Léa Salamé liiert, Tochter einer Armenierin und eines christlichen Politikers aus dem Libanon, ihrerseits praktizierende Katholikin.

Glucksmann könnte versuchen, Macron zu beerben

Bei der Europawahl am 9. Juni war Glucksmann wie schon 2019 Spitzenkandidat des Bündnisses der gemäßigten Linken. Er holte 13,8 Prozent der Stimmen, vor fünf Jahren waren es nur 6,2 Prozent. Sein politisches Gewicht auf der Pariser Bühne nimmt stetig zu, und obwohl Glucksmann nicht Mitglied der Sozialistischen Partei ist und viele bei ihm den »Stallgeruch« vermissen, gilt er mittlerweile als möglicher Bewerber für höhere Ämter und könnte sogar versuchen, 2027 die Nachfolge von Emmanuel Macron anzutreten. Stünde schon jetzt die Präsidentschaft zur Wahl, käme Glucksmann laut einer aktuellen Umfrage im ersten Wahlgang auf 14 Prozent.

2018 gründeten Glucksmann und Mitstreiter eine eigene Partei: »Place Publique« (Öffentlicher Ort). Innerhalb des nun formierten Linksbündnisses NFP, das aus der vorgezogenen Parlamentswahl als stärkste Kraft hervorging, ist Glucksmann wichtigster Gegenspieler des radikalen Linkspopulisten Jean-Luc Mélenchon von »La France Insoumise« (Unbeugsames Frankreich). Er ist pro-europäisch und vertritt die Haltung, dass Frankreich nur durch die Zusammenarbeit mit anderen demokratischen Parteien ordentlich regiert werden kann.

Lesen Sie auch

»Weder Jupiter noch Robespierre« würden künftig die französische Politik bestimmen, postulierte Glucksmann am Wahlabend. Mit Jupiter, dem obersten Gott der Römer, meinte er Macron, mit Robespierre, dem französischen Revolutionär, der Tausende seiner Gegner unter das Fallbeil schickte, Mélenchon. Letzterer – auch da war Glucksmann kategorisch – würde sicher nicht neuer Premier werden.

Nuancierte Position zu Israel

Im Europaparlament saß Glucksmann bislang im Auswärtigen Ausschuss, wo er sich – im Gegensatz zu den harten Linken – für die klare Unterstützung der Ukraine gegen die russischen Aggressoren einsetzte.
Glucksmanns 2023 verstorbene Mutter Françoise war nicht jüdisch.

Auf die Gretchenfrage antwortete er einmal, er sehe sich eher dem christlichen Menschenbild verbunden, seine jüdischen Wurzeln seien hingegen ein »kulturelles Erbe« denn Glaubensmaximen.

Im Gegensatz zu Mélenchon und vielen anderen Linken in Frankreich war Glucksmann in seinen Stellungnahmen zum 7. Oktober nuanciert. Er verurteilte die Massaker der Hamas gegen israelische Zivilisten scharf, beklagte aber auch einen fehlenden Willen Israels, Frieden mit den Palästinensern anzustreben, und setzt sich für die diplomatische Anerkennung eines Palästinenserstaates ein. Wiederholt verurteilte er Israels Kriegsführung in Gaza.

Dennoch wird Glucksmann, wohl wegen seines jüdischen Namens, stark angefeindet. Einen »pseudolinksliberalen Zionisten« nannte ihn ein nun für die NFP ins Parlament gewählter Politiker kürzlich. Glucksmann ließ die Beleidigung an sich abprallen.

Großbritannien

Kick it like Beckham

Brooklyn Beckham macht den Streit mit seinen Eltern öffentlich. Dabei geht es auch um ein jiddisches Tattoo

von Sophie Albers Ben Chamo  29.01.2026

Iran

Jüdischer Vertreter im Land kritisiert erstmals iranische Regierung

Bisher hat sich die jüdische Gemeinschaft zurückgehalten. Nun soll der Vertreter von Irans Juden im iranischen Parlament erstmals öffentlich die Regierung kritisiert haben

 29.01.2026

Holocaust-Gedenktag

»Mama, wo sind all die Menschen?«

Tova Friedman sprach im Deutschen Bundestag über ihre Deportation nach Auschwitz, das Grauen im KZ und darüber, was das Überleben mit ihr gemacht hat. Wir dokumentieren ihre Rede

von Tova Friedman  28.01.2026

Gespräch

»Israel ist stark und schützt uns«

Heute wird sie im Bundestag die Rede zum Holocaust-Gedenktag halten. Gemeinsam mit ihrem Enkel Aron Goodman spricht Tova Friedman im Interview über ihre Sicht auf Deutschland - und ihre Aktivitäten auf TikTok

von Michael Thaidigsmann  28.01.2026

Sydney

Australien verweigert jüdischem Islamgegner die Einreise

Australien hat in der vergangenen Woche seine Gesetze gegen Hassverbrechen verschärft. Ein jüdischer Influencer, der ein »Islamverbot« fordert, darf das Land nicht betreten

 27.01.2026

Studien

Trauma, Resilienz und Lebenswille: Warum manche Schoa-Überlebende so alt werden

Die Forschung ist einem bemerkenswerten Phänomen auf der Spur: Viele Überlebende des Holocausts werden auffallend alt

 27.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  26.01.2026

Europäische Rabbinerkonferenz

»Israel ist unverzichtbar für unseren Zusammenhalt«

Der Dachverband orthodoxer Rabbiner in Europa wird in diesem Jahr 70 - zu seiner 33. Generalversammlung in Jerusalem werden rund 400 Teilnehmer erwartet

 26.01.2026

Spanien

Grabschändung in Barcelona - Bürgermeister verurteilt die Tat

Die Stadt und das israelische Außenministerium reagieren mit scharfer Kritik

 25.01.2026