USA

Der andere Babka-King

Herr Caresnone, Tausende jüdische Menschen folgen Ihnen seit dem »Rugelasch«-Video. Sie haben den Gebäcknamen falsch ausgesprochen und damit Herzen erobert!
Oh Mann, das Verrückte ist, dass ich mir wirklich Mühe gegeben haben, es richtig auszusprechen. Rugelachchch …

Das Motto Ihrer Clips lautet: »In Vielfalt vereint«. Wie sah der Weg dahin aus?
Ich habe schon so lange Content gemacht, eher so für mich, und dann habe ich dieses Zitat gelesen: »Erschaffe nicht den Inhalt, sei der Inhalt.« Da habe ich begriffen, dass das, was die Menschen am meisten interessiert, Geschichten sind. Wir erzählen einander Geschichten, wir geben viel Geld dafür aus, um Filme zu sehen. Genau genommen, sind alle religiösen Schriften Geschichten. Ich habe dann an meinem Storytelling gearbeitet. Und welche Geschichte kennt man am besten? Die eigene! Früher habe ich es mit Comedy probiert, alberne Sachen, dann habe ich Achtsamkeit gelernt, angefangen zu meditieren. Ich habe gelernt, gelernt, gelernt. Man lernt übrigens am besten, wenn man lehrt. Heute weiß ich: Ich bin der Typ, der in die Höhle geht.

Wie bitte?
Stellen Sie sich eine tiefe Höhle vor, die so dunkel ist, dass man nichts sehen kann. Aber ich habe eine Taschenlampe. Ich gehe rein in die Höhle, gucke, was drin ist, komme wieder raus und erzähle allen, die es wissen wollen, was drin ist. Ob sie selbst hineingehen können oder besser nicht. »Der Schatz, den du suchst, ist in der Höhle, in die du dich nicht zu gehen traust.« Das ist ein anderes wichtiges Zitat. Ist aber nicht von mir.

Aber ein schönes Bild.
Jedes Mal, wenn ich vor etwas Angst hatte und es trotzdem gemacht habe, ist etwas Gutes dabei herausgekommen!

Wie sind Sie aufgewachsen?
Meine Mutter ist gestorben, als ich 14 war, und meinen Vater kenne ich nicht …

Das tut mir sehr leid.
Meine Großmutter hat mich adoptiert, und sie war ganz wunderbar! So hatte ich eine Mutterfigur. Wissen Sie, Menschen haben immer Mitleid, wenn ein Leben nicht »normal« verläuft, aber genau genommen haben mich diese Erfahrungen zu dem gemacht, der ich heute bin.

Ja, das ist die andere Seite der Medaille.
Ich bin froh, dass ich das Trauma in jungen Jahren durchmachen musste, sodass ich heute mehr aushalten kann. 2020 wurde bei mir Krebs festgestellt, CLL, eine Art Leukämie. Ich glaube, ohne das Trauma meiner Kindheit hätte es mich heftiger erwischt, als ich die Diagnose bekam. Aber schlimm war es natürlich trotzdem.

Und wie geht es Ihnen jetzt?
Nach drei Tagen voller Tests wurde mir gesagt, dass man damit ein langes, schönes Leben haben kann. Ich bekam eine zweite Chance. Man denkt immer: »Wenn ich nur das Geld oder die Frau oder die Follower hätte, dann wäre ich glücklich.« Aber in dem Moment, als ich dachte, dass es mit mir vorbei ist, habe ich nur daran gedacht, dass ich bald nicht mehr hier sein würde, um mein Leben zu erleben. Aber ich wollte doch leben! Und das genieße ich jetzt!

Das Geschenk des Lebens.
Und ich kann Ihnen beweisen, dass es Ihnen genauso geht. Wenn ich Ihnen eine Million Dollar anbieten würde, ohne irgendwelche Bedingungen daran zu knüpfen, würden Sie sie nehmen?

Natürlich!
Und wenn ich 100 Millionen daraus mache, aber sagen würde, dass Sie am nächsten Morgen nicht mehr aufwachen?

Dann natürlich nicht.
Sehen Sie! Und damit sagen Sie, dass Ihr Leben, wie es heute ist, unbezahlbar ist! Lieber habe ich diesen Krebs, lieber kenne ich meinen Vater nicht, lieber habe ich meine Mutter verloren, als nicht zu existieren. Das ist ein großartiges Gefühl. Es muss nichts mehr passieren, damit ich glücklich werde, ich bin es bereits. Und ich will, dass es anderen genauso geht. Seit meiner Kindheit will ich, dass sich die Menschen um mich herum gut fühlen.

Und nun auch in der ganzen Online-Welt.
Genau, ich spreche gerade mit Ihnen in Berlin, in Deutschland! Ich glaube fest daran, dass es gut ist, Menschen zusammenzubringen. Auch wenn manche Leute in Amerika das gerade anders sehen. Es ist mir egal, wie du aussiehst oder wo du herkommst, solange du ein guter Mensch bist. Das Leben ist cool, weil jeder Mensch anders ist. Wären alle so wie ich, wie langweilig wäre das!

Wurden Sie religiös erzogen?
Meine Großmutter war Christin. Meine Religion ist, dass ich niemanden für seine verurteile. Ich will alle Menschen einbeziehen.

So wie Sie es in den Videoclips über das Essen tun.
Am Ende der Pandemie haben ein Freund und ich einen Clip gemacht über die besten Chicken Wings in Chicago. Der hat sehr gut funktioniert. Im vergangenen Jahr habe ich dann einen Clip gemacht, der hieß: »Hey, White People! Warum habt ihr mir nie gesagt, dass Apfel und Käse eine großartige Kombination sind?«

Ah, daher kommt der Erkennungsspruch.
Da haben Leute angefangen, mir zu schrei­ben, was ich noch alles ausprobieren muss. Das habe ich gemacht und Videos dazu aufgenommen. Und dann hat ein guter Freund von mir, der Jude ist, gesagt: Da gibt es etwas, das du auch probieren musst.

Rugelach!
Nein, das war Mishmash Soup, diese Suppe aus allem. Dann kam der Black-and-White-Cookie. Ich mag Seinfeld. Und dann haben mir immer mehr Leute jüdisches Essen geschickt.

Wie geschickt? Zu Ihnen nach Hause?
Ja. Ich werde nie vergessen, wie ich eines Tages ein Päckchen geöffnet habe, und plötzlich roch es nach Zimt und Schokolade. Mein erstes Babka! Ich hatte noch nie davon gehört. Schon der Geruch macht einen verrückt, es war so köstlich! Dann kamen auf einmal ganz viele Babkas. Und jetzt bin ich der Babka-King! Es kamen immer mehr köstliche Sachen. Unter anderem Rugelach!

Wie war die Reaktion Ihrer Follower?
Neun von zehn Kommentaren sind voller Liebe! Deshalb muss ich jetzt auch an meinem Ego arbeiten. (lacht) Gerade lese ich Eckhart Tolle.

Den bekanntesten Autor spiritueller Bücher in den USA.
»The Power of Now« ist das beste Buch, das ich je gelesen habe! Aber wenn Leute Bösartiges schreiben, hilft es mir dabei, mein Ego zu zügeln.

Sie haben wirklich ein Talent, alles ins Gute zu drehen.
Wenn du dein Hirn darauf trainierst, das Gute im ganzen Bullshit des Lebens zu sehen, kannst du nur gewinnen. Es heißt doch, Druck macht aus Kohle Diamanten.

Was haben Sie durch jüdisches Babka, mexikanische Burger und irisches Soda-Bread über das Leben gelernt?
Dass es gegen all diesen Hass und die Polarisierung hilft, übers Essen zu reden. Viele meinen ja, es helfe, darüber zu sprechen, wer gerade wie polarisiert. Aber das funktioniert nicht! Aber man kann Menschen zusammenbringen, indem man alle Menschen hervorhebt.

Sie meinen, weil Menschen bitter werden, wenn sie sich nicht gesehen fühlen.
Ganz genau! Und alle Menschen mögen Essen, nicht wahr? Etwas, das ich gelernt habe, während ich all die verschiedenen Gerichte, Sprachen, Kulturen und Restaurants ausprobiert habe, ist, dass es eigentlich überall das Gleiche ist. Wir sind gleich! Nur die Gewürze und die Zubereitung variieren ein bisschen. Wir essen das, wovon wir meinen, dass es gut schmeckt. Wir sitzen mit Familie und Freunden zusammen. Wir wollen gesund sein. Wir wollen die Zeit, die wir haben, genießen. So sieht es aus der Vogelperspektive aus. Würden Außerirdische kommen, sie sähen keinen Unterschied zwischen Schwarzen, Weißen, Asiaten oder Juden. Nur zwischen Außerirdischen und Menschen. Und noch etwas …

Ja?
Wenn man Angst hat, dass die anderen einen auslachen oder komisch finden, weil man seltsam aussieht oder weil man einen Senf-
fleck auf dem T-Shirt hat: Es ist ihnen egal, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, selbst Angst davor zu haben, komisch auszusehen. Ich habe das ausprobiert!

Ihr Lieblingsessen aus der jüdischen Küche ist Babka. Was steht am anderen Ende der Skala …?
Gefilte Fisch. Oh Mann, ich habe es wirklich versucht. Zweimal! Vielleicht muss ich es nochmal versuchen.

Mit dem 41-jährigen Influencer sprach Sophie Albers Ben Chamo.
Chris Caresnone heißt bürgerlich Chris Campbell und lebt in Chicago. Neben seinen Social-Media-Auftritten und dem Podcast »Be Dope« arbeitet er als Keynote-Speaker und Motivationstrainer. Auf TikTok hat er mehr als 420.000 Follower.

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