Frankreich

Déjà-vu im Elsass

Vergangene Woche schmierten Unbekannte Hakenkreuze auf Grabsteine des jüdischen Friedhofs im elsässischen Westhofen – ein ähnliches Bild wie auf dem Friedhof in Quatzenheim Mitte Februar. Foto: Amir Wechsler

Eine prachtvolle Pappelallee führt nach Westhofen, das idyllisch am Fu­ß der Vogesen an der Elsässer Weinstraße liegt. Weder der erste Frost des Jahres noch die winterlichen Temperaturen können dem Selbstbewusstsein Westhofens etwas anhaben, mit dem das Ortseingangsschild an diesem Dezembertag den Besucher in der »Hauptstadt der elsässischen Kirsche« begrüßt.

Pittoreske Fachwerkhäuser in allen Farben säumen die engen Gassen. Eine von ihnen, die »Rue des Juifs« (Elsässisch: »Juddegass«), führt zum jüdischen Friedhof, der zwischen der Stadtmauer und Streuobstwiesen liegt.

»Juddegass« und Friedhof sind stumme Zeugen der jahrhundertealten jüdischen Geschichte Westhofens, einer der ältesten Landjudengemeinden im niederrheinischen Elsass. Erste Aufzeichnungen datieren von 1334.

ruhe Die ältesten erhaltenen Grabsteine stammen aus dem Jahr 1559. Mit Isaïe Schwartz (1876–1952) und Ernest Guggenheim (1916–1977) sind dort zwei Oberrabbiner bestattet. Während der Besatzung durch Nazideutschland kamen 25 Westhofener Juden in den Todeslagern ums Leben. Die Einwohner Westhofens schändeten derweil den Friedhof. Sie zertrümmerten zahlreiche der ältesten Grabsteine und nutzen sie für den Straßenbau, andere dienten den Deutschen als Panzersperren.

Danach ließ man den Friedhof 75 Jahre lang in Ruhe – bis man sich vergangene Woche erneut an ihm verging. Im Elsass endet das Jahr, wie es begonnen hat: Nach den Friedhöfen Herrlisheim im Dezember 2018 und Quatzenheim Anfang dieses Jahres wurde in der Nacht zum 3. Dezember nun auch der historische Westhofener Friedhof geschändet – der dritte jüdische Friedhof im Elsass innerhalb eines Jahres.

Alle drei Orte vereint nicht nur der unverwechselbar elsässische Klang ihrer Namen, sondern auch die Entfernung in einem Umkreis von 25 Kilometern von der Europa-Hauptstadt Straßburg. Die Taten reihen sich ein in eine Vielzahl von Schändungen jüdischer Friedhöfe in der Region. Die bislang schwerwiegendste traf den Friedhof von Sarre-Union nahe der Grenze zum Saarland. Dort wurden im Februar 2015 rund 250 der 400 erhaltenen Grabsteine geschändet.

Distanz Umgeben von historischen Fachwerkhäusern und Bausünden der späten 90er-Jahre, gewähren mehrere Balkone direkten Einblick auf den mitten im Dorfkern gelegenen jüdischen Friedhof von Westhofen. Doch wirken die Häuser an diesem sonnig-eisigen Dezembertag wie verlassen, lediglich ein kleines Mädchen getraut sich, durch den beiseite geschobenen Vorhang einen Blick auf das Getümmel vor dem Friedhof zu werfen.

Trotz der schwer bewachten Menschentraube, die sich an diesem Mittwoch dort eingefunden hat, um in Anwesenheit von Frankreichs Innenminister Christophe Castaner und dem Oberrabbiner von Straßburg, Harold Abraham Weill, an einer Andacht teilzunehmen, strahlt der Friedhof eine stoische und würdevolle Ruhe aus.

Innenminister Castaner (3.v.r.) und Oberrabbiner Weill (2.v.r.) am Tatort in WesthofenFoto: imago images/PanoramiC

Da die Grabsteininschriften entgegen der Richtung des Eingangs weisen, zeigt sich dem Besucher das Ausmaß der Schändung erst wenige Schritte weiter: schwarze Hakenkreuze, so weit der Blick reicht, 106 an der Zahl. Rund ein Drittel der zumeist weißen Marmorsteine ist geschändet.

Die schwarze »14«, die auf einem Grabstein am Friedhofseingang prangt, wirkt wie eine nach getaner Arbeit stolz hinterlassene Unterschrift. »14« steht für die »Fourteen Words«, einen Glaubenssatz weißer Neonazis und Rassisten, der da lautet: »We must secure the existence of our people and a future for White children« (Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für die weißen Kinder sichern).

Das Elsass blickt auf eine lange Tradition von Ablehnung zurück.

Zu den mit Hakenkreuzen beschmierten Grabsteinen zählen auch diejenigen der Familie des ehemaligen Premiers Michel Debré. Dessen Sohn, Jean-Louis Debré, von 2002 bis 2007 Präsident der französischen Nationalversammlung und danach bis 2016 Präsident des französischen Verfassungsgerichts, ist an diesem Mittwoch aus Paris angereist, um sich ein Bild von der Situation zu machen.

»Wenn Sie das sehen, verspüren Sie sehr große Traurigkeit, sehr große Wut, aber auch Entschlossenheit«, sagt er. »Kämpfen wir gegen den Hass, gegen jede Form von Hass! Dies hier ist nicht Frankreich und nicht das Elsass.«

Macron Bereits am Dienstagabend hat Staatspräsident Emmanuel Macron getwittert, wer Juden attackiere, sei »nicht der Idee, die wir von Frankreich haben, würdig«. Und: »Antisemitismus ist ein Verbrechen, wir werden ihn bekämpfen, in Westhofen und überall, bis unsere Toten ungestört ruhen können.«

Weil sich Macron beim NATO-Gipfel in London aufhält, hat er seinen Innenminister Christophe Castaner nach Westhofen geschickt.

Der zeigt sich konsterniert, doch so recht kann man ihm die Bestürzung nicht abnehmen. In Frankreich kündigt sich seit Längerem ein Generalstreik an, Castaner eilt dieser Tage von Versammlung zu Versammlung und von Fernsehstudio zu Fernsehstudio. Es ist für ihn eine Frage von Prioritäten.

Der eher ungelegen kommende Pflichtbesuch in Westhofen findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt, was bisweilen skurrile Züge annimmt: So ist eine Szene zu beobachten, in der einer eigens aus Deutschland angereisten Jüdin der Zutritt zum Friedhof und der bereits begonnenen Gedenkveranstaltung verwehrt wird. Man habe entsprechende Order, echauffiert sich die wachhabende Gendarmin, die Sicherheit des Ministers gehe vor

In einer Mischung aus Schreiten und Gleiten bewegt sich Castaner in eleganten Lederschuhen über den lehmigen Friedhofsboden. Er tritt vor die Mikrofone, verurteilt die Tat, appelliert an die »nationale Pflicht« der Franzosen, sich gemeinsam gegen den Hass zu stellen, und bekräftigt Frankreichs Bekenntnis zum Laizismus – dem er dadurch Ausdruck verleiht, keine Kopfbedeckung zu tragen.

Polizei Auf dem Friedhof von Westhofen kündigt Castaner die Gründung einer Spezialeinheit bei der Militärpolizei »zum Kampf gegen den Hass« an. Sie soll mit der Untersuchung aller antisemitischen, antimuslimischen und antichristlichen Akte betraut werden. Man wolle das judenfeindliche Milieu stärker als bisher beobachten. Die Republik, so der Minister, sei stärker als der Antisemitismus.

Castaner hält sich mit Pathos nicht zurück, als er zum Abschied verkündet: »Es gibt keine Freiheit ohne Brüderlichkeit, es gibt keine Gleichheit ohne Brüderlichkeit, es gibt keine Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, wenn wir nicht die Glaubensbekenntnisse der einen und der anderen res­pektieren.«

Als der Minster und seine Entourage wieder abgefahren sind, ist es still auf dem Friedhof. Nur der Straßburger Oberrabbiner Harold Abraham Weill und ein halbes Dutzend Besucher sind geblieben. Er sei »schockiert«, und es »schmerze« ihn, die Hakenkreuzschmierereien zu sehen, sagt Weill. Doch wenn es der Plan sei, »die Spur dieser im Elsass präsenten jüdischen Geschichte auszulöschen, werden sie es niemals schaffen, weder mit Farbe noch mit sonst irgendetwas«.

Schändung Kurz darauf versichert ein über die kaum eineinhalb Meter hohe Friedhofsmauer spähender Anwohner auf Nachfrage in lautmalerischem Elsässisch, von der Tat »nichts gesehen, nichts gesehen« zu haben. »Bedauerlich« sei die Schändung, aber aus dem Ort könne sie niemand begangen haben. Die Entdeckung der Friedhofsschändung von Westhofen beginnt rund 20 Kilometer nordöstlich im Dorf Schaffhouse-sur-Zorn.

Dort alarmierten Anwohner die nächstgelegene Gendarmerie Truchtersheim. Sie hatten auf der Rückwand des örtlichen Rathauses ein Graffito entdeckt, das in klobigen Großbuchstaben auf die Schändung des Friedhofs von Westhofen hindeutet und diese in einen Zusammenhang mit weiteren antisemitischen Schmierereien in den nordelsässischen Gemeinden Reutenburg und Rohr sowie an der örtlichen historischen Synagoge bringt.

Erst dieser Fund veranlasste die Gendar­merie, den Westhofener Friedhof aufzusuchen und unmittelbar darauf Ermittlungen einzuleiten. Während die Erwähnung Reinackers auf das gleichnamige Franziskanerinnenkloster im nordelsässischen Dörfchen Reutenburg zielt, wo am frühen Morgen des 21. November Hakenkreuzschmierereien an einer Garage und einem Wirtschaftsgebäude entdeckt worden waren, prangten in der benachbarten 300-Seelen-Gemeinde Rohr nur fünf Tage später vergleichbare Graffiti an Tür und Wand des örtlichen Rathauses.

In Schaffhouse ist der rote Schriftzug an der Rathauswand mit den Zahlenparolen »14/88« überschrieben; eine neuerliche Formulierung des angsterfüllten Bedürfnisses, eine »weiße« oder »arische Rasse« gegenüber einer »schwarzen« und einer »jüdischen Rasse« verteidigen zu müssen, versehen mit einem getarnten Hitlergruß.

Feindseligkeit Aus dem Graffito geht zudem hervor, dass die Taten von Reinacker, Rohr, Schaffhouse und Westhofen mit einer Organisation namens »EWK« in Verbindung stehen. Hinter der Abkürzung verbergen sich die rassistischen »European White Knights of the Ku Klux Klan« (EWK KKK), eine Gruppierung, die 2003 offiziell aufgelöst wurde.

Die mögliche Beteiligung eines Ablegers des Ku-Klux-Klans an der Schändung des Westhofener Friedhofs würde selbst im Elsass, das auf eine lange Tradition von Ablehnung und Feindseligkeit gegenüber Anderssein und Andersartigkeit zurückblickt, eine neue Qualität von »White Supremacy« darstellen.

Innenminister Castaner kündigt eine Polizei-Spezialeinheit zum Kampf gegen den Hass an.

Die Schändung von Westhofen weist zahlreiche Parallelen zu ähnlichen Verbrechen im Elsass auf, vor allem zu der von Quatzenheim Anfang des Jahres: Damals waren auf einigen Grabsteinen – in ähnlich grobschlächtiger Handschrift – Hinweise auf die militante Separatistenbewegung »Elsässische Kampfgruppe – die Schwarzen Wölfe« hinterlassen worden. Wie in Quatzenheim wurden die Grabsteine nachts und in äußerster Sorgfalt, ja scheinbarer Ruhe beschmiert.

Nordelsass Und wie in Quatzenheim will keiner etwas gesehen und niemand etwas gehört haben. Maurice Dahan, Präsident des Consistoire Israélite du Bas-Rhin, des Dachverbandes der jüdischen Gemeinden im Nordelsass, stellt dies vehement infrage: »Es ist nicht möglich, dass es in all diesen Dörfern niemals Zeugen gibt.«

Der junge Oberrabbiner von Straßburg, Harold Abraham Weill, bleibt angesichts der jüngsten Friedhofsschändung besonnen: »Man musste fast damit rechnen«, sagt er. »Denn solange die Personen, die diese Taten seit mehreren Monaten begehen und die meiner Meinung nach dieselben sind, nicht verhaftet werden, wird es so weitergehen.« Sollte es nicht bald zur Verhaftung der Täter kommen, »befürchte ich, dass wir uns wohl in einem oder in drei Monaten an ähnlicher Stelle wiedersehen werden«.

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