Interview

»Das halten wir für unerträglich«

Cesare Efrati über Krankheiten, die nach Nazi-Ärzten benannt sind

von Daniel Mosseri  16.06.2015 10:53 Uhr

Cesare Efrati Foto: privat

Cesare Efrati über Krankheiten, die nach Nazi-Ärzten benannt sind

von Daniel Mosseri  16.06.2015 10:53 Uhr

Herr Efrati, Sie haben vergangene Woche in Rom ein internationales Symposium veranstaltet, bei dem es um Krankheiten ging, die nach Nazi-Ärzten benannt sind. Wie kamen Sie auf dieses Thema?
Ich war vor drei Jahren in Kopenhagen bei einer Bioethik-Konferenz, die mich sehr bewegt hat. Als ich nach Rom zurückkehrte, sprach ich mit dem damaligen Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Riccardo Pacifici. Wir hielten es beide für unerträglich, dass es Krankheiten gibt, die nach Nazi-Ärzten benannt sind. Das wollen wir unbedingt ändern.

Sind Sie bei der Organisation des Symposiums auf Widerstände gestoßen?
Nein. Als der Dekan der La-Sapienza-Universität Rom die jüdische Gemeinde besuchte, erzählte ich ihm von unserem Projekt. Er zeigte sich sehr aufgeschlossen und bot gleich Hilfe an. Und so kam es, dass die Uni, die jüdische Gemeinde und das Israelitische Krankenhaus, in dem ich arbeite, das Symposium gemeinsam vorbereiteten. Wir luden Rabbiner, Ärzte, Soziologen, Medizinhistoriker und Wissenschaftsphilosophen als Referenten ein. Insgesamt kamen rund 100 Teilnehmer aus ganz Italien sowie zwei Wissenschaftler aus Israel.

Waren auch Teilnehmer aus Deutschland dabei?

Leider nicht. Wir haben monatelang versucht, Experten einzuladen. Aber trotz mehrfachen Bittens lehnten sie ab.

Warum werden Krankheiten überhaupt nach Personen benannt?
Man möchte damit Mediziner ehren, die diese Krankheiten erstmals beschrieben haben. Und manchmal helfen die Namen den Studenten, die Forschung in ihren historischen Kontext einzuordnen. Einige dieser Namen sind auch Laien sehr bekannt, zum Beispiel Alzheimer, Parkinson oder Morbus Crohn.

Welche Namen möchten Sie ändern?

Es handelt sich um etwa 15 Krankheiten. Zu den bekanntesten gehören Morbus Wegener und das Reiter-Syndrom. Sie alle sind nach Ärzten benannt, die im Laufe ihrer Karriere unethische, wenn nicht gar mörderische Verfahren angewendet haben. Wir sprechen hier nicht von bloßen Sympathisanten des NS-Regimes, sondern von Medizinern, die mit Menschenversuchen im KZ zu tun hatten: Einer von ihnen war zum Beispiel der österreichische Internist Hans Eppinger, der, um die Trinkbarkeit von Meerwasser zu untersuchen, im KZ Dachau an Häftlingen grausame Experimente durchführte.

Wie ändert man einen Krankheitsnamen?

Das ist ein langwieriges Verfahren. Um etwa das Reiter-Syndrom umzubenennen, müssten die La-Sapienza-Universität und das Israelitische Krankenhaus die italienische Gesellschaft für Rheumatologie bitten, sich an den europäischen Rheumatologenverband zu wenden, der die Angelegenheit auf die internationale Ebene bringen kann. Dieses Prozedere wäre für jede einzelne Krankheit nötig.

Mit dem Rabbiner und Arzt am Israelitischen Krankenhaus in Rom sprach Daniel Mosseri.

USA

Weltenerklärer

Der frühere US-Außenminister Henry Kissinger legt mit beinahe 100 Jahren ein Buch über Staatskunst vor

von Sebastian Moll  18.08.2022

Ukraine

Gedenken in Kriegszeiten

Historiker und Ehrenamtliche kämpfen für die Rettung ihrer Arbeit

von Aleksander Palikot  17.08.2022

Kiew

Jüdischer Todesfluch gegen Putin

Der ukrainische Oligarch Hennadij Korban will eine »Pulsa diNura« gegen den russischen Präsidenten ausgesprochen haben

 16.08.2022

Sambia

Aschkenas in Afrika

Die Spuren jüdischen Lebens sind in dem Land im Süden des Kontinents bis heute sehr präsent

von Stefan Schreiner  13.08.2022

USA

Trumps milliardenschwerer Anwalt

Drew Findling verbindet mit dem Ex-Präsidenten politisch fast nichts. Nun will er ihn »entschieden verteidigen«

 12.08.2022

Konflikt

Wird der russische Ableger der Jewish Agency zerschlagen?

Schon kommende Woche könnte ein Moskauer Gericht die Aktivitäten der israelischen Organisation verbieten

 11.08.2022

Argentinien

Sprengstoff in Pralinenschachteln

Eine interne Mossad-Studie beschreibt detailliert, wie die Terroranschläge Anfang der 90er-Jahre in Buenos Aires geplant wurden

von Andreas Knobloch  11.08.2022

Brasilien

Bolsonaro oder Lula?

Im Oktober sind Präsidentschaftswahlen im Land am Amazonas: Die jüdische Gemeinde ist politisch tief gespalten

von Andreas Nöthen  11.08.2022

Belastete Beziehungen

Putin telefoniert mit Israels Präsident Herzog

Die beiden Staatschefs sprachen unter anderem über die Zukunft der Jewish Agency in Russland

 09.08.2022