Russland

Aufschwung am Schwarzen Meer

Das jüdische Gemeindezentrum in Sotschi ist unscheinbar. Es liegt in einer Wohnsiedlung einige Kilometer vom Zentrum entfernt. Hinter einer Mauer stapeln sich Kartons mit Büchern, daneben stehen Stühle und Regale, über die weiße Leinentücher gelegt sind. Es sieht so aus, als ob man gerade erst eingezogen sei – doch die Gemeinde nutzt das Gebäude schon seit 2007.

Im Zuge der Vorbereitungen auf die Olympischen Winterspiele hat man beschlossen, die Räume zu renovieren. Deshalb lagert derzeit so viel Hausrat unter dem Vordach.

Baustellen Sotschi ist mit 145 Kilometern Ausdehnung die längste Stadt Europas. Im Februar werden hier die XXII. Olympischen Winterspiele ausgetragen. Vom Zentrum bis zum Olympiapark, wo unter anderem die Eishockeyspieler und die Eisschnellläufer antreten, braucht man eine halbe Stunde mit dem Zug. Eine weitere halbe Stunde dauert es, um in die Berge nach Krasnaja Poljana zu gelangen, wo Ski Alpin und die Biathlonwettkämpfe stattfinden. Die Zeit bis zum Beginn der Spiele ist knapp. Deshalb wird auch jetzt noch an vielen Stellen gehämmert, verputzt und angestrichen.

Arie Edelkopf (35), Chabad-Rabbiner der jüdischen Gemeinde in Sotschi, gibt sich gelassen. »Man muss verstehen, dass so etwas nicht an einem Tag gemacht werden kann«, sagt er. Mit »so etwas« meint er das größte Infrastrukturprojekt Europas, vielleicht sogar der ganzen Welt. Es mussten neue Straßen, Eisenbahntrassen und Abfallbeseitigungsanlagen gebaut werden. Man hat neue Glasfaserleitungen gelegt, die Kanalisation modernisiert, den Flughafen erweitert.

Zeitweise haben mehr als 50.000 Arbeiter aus Zentralasien und dem Nordkaukasus an der Verwirklichung dieses Traums gearbeitet. Es ist der Traum des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der mit den Olympischen Winterspielen nichts Geringeres als die »Wiedergeburt Russlands« feiern will.

Toleranz In Sotschi leben heute etwa 450.000 Einwohner, ein Drittel davon sind Armenier. Auch Georgier, Dagestaner und Ukrainer sind hier zu Hause. Wer die Stadt bereist, hat das Gefühl, dass sie sich – trotz russischem Patriotismus – durch besondere Toleranz auszeichnet.

»Das kann ich nur bestätigen«, sagt Rabbiner Edelkopf, »wir leben in Harmonie.« Seit zwölf Jahren sei er in Sotschi, in dieser Zeit habe es nur ein- oder zweimal Konflikte gegeben: Einmal wurde in einer Gratiszeitung ein Gedicht veröffentlicht, das sich explizit gegen Juden richtete. Die Stadtverwaltung habe damals »sehr gut reagiert« und sofort ein Bußgeld verhängt. Beim zweiten Vorfall hätten ein paar Jugendliche faschistische Flugblätter verteilt. »Im Großen und Ganzen kann man diese Fälle vernachlässigen«, meint der Rabbiner.

Mit dem Organisationskomitee der Winterspiele gebe es seit einigen Monaten eine rege Zusammenarbeit, zum Beispiel wenn es um die Versorgung mit koscherem Essen geht – sowohl für die Sportler als auch für Touristen, erzählt Edelkopf. Außerdem ist geplant, in jedem der drei Olympischen Dörfer eine kleine Synagoge einzurichten, in der dann jeweils ein Rabbiner Dienst tut. Doch nicht nur das Judentum, sondern alle Weltreligionen werden in den Olympischen Dörfern vertreten sein. Die Athleten sollen die Möglichkeit haben, sich zwischen den Wettkämpfen für einen Moment zurückzuziehen, so die Idee der Organisatoren.

infrastruktur In der jüdischen Gemeinde der Schwarzmeerstadt hat sich in den vergangenen Jahren eine gute Infrastruktur entwickelt: Es gibt eine Mikwe, Tora-Unterricht für Kinder und sogar eine gemeindeeigene Turnhalle. Die kleine Synagoge im Gemeindezentrum ist zweckmäßig – am Rand stehen Tische und Stühle, sodass der Raum ein wenig an eine Kantine erinnert.

Rabbiner Edelkopf schätzt die Zahl seiner Gemeindemitglieder auf rund 3000. Die Frage, ob es eher jüngere oder eher ältere Menschen sind, will er nicht beantworten. Auch mit der Angabe des Durchschnittsalters tut er sich schwer: »Es gibt mehr Sterbefälle als Geburten«, so viel verrät er, aber das sei ja »ein allgemeines demografisches Problem«. Als er 2002 nach Sotschi kam, gab es noch rund 150 Kriegsveteranen in der Gemeinde; heute lebten nur noch zehn von ihnen, sagt der Chabad-Schaliach.

Den meisten Russen gilt Sotschi als ausgesprochen attraktiver Wohnort. Viele sind in den vergangenen Jahren in die Stadt gekommen, weil es hier genügend Arbeit und gute Verdienstmöglichkeiten gibt. So sind auch einige Juden, die in den 90er-Jahren nach Israel ausgewandert sind, zurückgekehrt, um in der Schwarzmeerstadt eine Existenz aufzubauen.

Kurort Der Rabbiner blickt deshalb optimistisch nach vorn: »Ich glaube, hier gibt es eine Zukunft, es gibt jede Menge Ideen und einen fruchtbaren Boden für Entwicklung. Ich bin mir sicher, dass sich Sotschi zu einem Kurort mit guten Hotels und gutem Service entwickeln wird.«

Daran wird im Moment kräftig gearbeitet. Derzeit sind die Preise so hoch wie in Moskau, aber der Service lässt zu wünschen übrig. Aber viele glauben, dass sich durch die Olympischen Winterspiele alles verbessern wird. Sotschi soll langfristig zu einer ganzjährigen Touristenhochburg werden, die im Sommer Schwarzmeer-Badespaß und im Winter alpine Ski-Abfahrten verspricht: Meer und Berge liegen hier dicht beieinander.

Präsident Putin hat angekündigt, dass mit den Olympischen Winterspielen die »russische Dekade des Sports« eingeläutet werden soll. Damit meint er das Formel-1-Rennen um den »Grand Prix von Russland«, das erstmals im Herbst in Sotschi stattfinden wird, sowie die Eishockey-Weltmeisterschaften 2016 und schließlich die Fußball-WM 2018, bei der auch einige Spiele in Sotschi ausgetragen werden sollen.

Mancher in der Stadt fragt sich, ob trotz allem die rekordverdächtigen Investitionen in Höhe von 40 Milliarden Euro nicht ein wenig übertrieben sind. Rabbiner Edelkopf sagt, er sei begeistert davon, was in den vergangenen Jahren aus dem Nichts geschaffen worden sei: »Ich verstehe nicht viel von Sport, aber wenn es der Stadt Sotschi gut geht, geht es auch uns als jüdischer Gemeinde gut.«

Bauwut Ein wenig scheint sich der 35-Jährige von der Bauwut anstecken zu lassen. Denn auch Arie Edelkopf plant Großes: In zwei, drei Jahren soll die Gemeinde in ein nagelneues Gebäude umziehen, inklusive separater Synagoge. Die Kosten will der Rabbiner aus Spenden bestreiten. Mehr als zwei Millionen Euro müssen aufgetrieben werden, das Grundstück ist bereits gekauft.

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