Polen

Auf Korczaks Spuren

Ich liebe die Weichsel bei Warschau, und ich habe brennendes Heimweh nach Warschau, wenn ich fern von ihm bin», notiert Janusz Korczak im Mai 1942 in sein Tagebuch aus dem Warschauer Ghetto 1942. Es ist Nacht und Polen schon seit drei Jahren von den Deutschen besetzt. Henryk Goldszmit, wie der «alte Doktor» eigentlich heißt, lauscht auf den Atem von rund 200 jüdischen Waisenkindern. Mitte der 30er-Jahre wollte der berühmte Kinderarzt und Pädagoge Polen verlassen, fuhr zwei Mal nach Palästina, arbeitete in einem Kibbuz – und kam zurück. Im Warschauer Ghetto, umgeben von drei Meter hohen Mauern, schreibt er: «Warschau ist mein, und ich bin sein. Ich gehe noch weiter: Ich bin Warschau. (…) Es ist die Werkstätte meiner Arbeit, hier bin ich daheim, hier sind meine Toten begraben.»

Drei Monate später jagen SS-Männer ihn, die Erzieherin Stefania Wilczynska und die Waisenkinder aus dem Haus. Das dampfende Teewasser bleibt auf den Tischen stehen. «Schnell, schnell», brüllen die Deutschen und eskortieren die Kinder auf ihrem langen Weg durch das kleine Ghetto über die Brücke an der Chlodna-Straße ins große Ghetto bis zum Umschlagplatz, von wo aus die Züge ins Todeslager Treblinka fahren. Der 5. August 1942 war ein «heiterer Sommertag», schreiben später die Chronisten Warschaus.

Monate später, im April und Mai 1943, schlagen die Nazis den Ghettoaufstand nieder und fackeln ganze Straßenzüge ab. Nach dem Warschauer Aufstand 1944 zerstören sie systematisch die Hauptstadt Polens. Und dennoch – wer sich heute auf die Suche nach den Spuren von Korczak in Warschau macht, wird erstaunlich viele Gebäude, Denkmäler und Erinnerungsorte finden.

Krochmalna-Strasse 99 – Das jüdische Waisenhaus
Die größte Überraschung dürfte sein, dass das «Dom Sierot», das jüdische Waisenhaus, in dem Korczak von dessen Eröffnung 1912 bis 1940 als Erzieher wirkte, bis heute in der Krochmalna-Straße steht. Nur lautet die Adresse heute – nach der Umbenennung eines Straßenabschnitts in den 70er-Jahren – Jaktorowskastraße 6. Wie damals spielen heute Kinder im Garten vor dem großen Haus. Aber die grüne Fahne der einstigen Kinderrepublik weht nicht mehr auf dem Dach. Und auch vom Trubel auf der Krochmalna-Straße, wie ihn Literaturnobelpreisträger Isaac B. Singer immer wieder beschrieben hat, ist nichts geblieben. Es gibt keine laut ihre Ware ausrufenden Händler mehr, keine Schuhputzer, Gemüsefrauen oder Zeitungsjungen.

Chlodna-Strasse 33
Anders als in vielen Stadtführern und Reportagen zu lesen ist, lag die Krochmalna-Straße 1940 keineswegs vollständig im Ghetto. Das jüdische Waisenhaus in der Krochmalna-Straße musste mit allen Kindern, fast dem gesamten Inventar und den Lebensmittelvorräten ins Ghetto umziehen. Korczak gelang es, mit dem Direktor des Roesler-Handelsgymnasiums ein Abkommen zu schließen, das bis Kriegsende und dem Abzug der Deutschen gelten sollten. Man würde für ein bis zwei Jahre die Gebäude tauschen und nach dem Krieg wieder ins eigene Haus zurückziehen. Die Chlodna-Straße 33 lag gewissermaßen um die Ecke, nur ein paar Häuser von der alten Adresse entfernt. Doch schon nach nur einem Jahr waren so viele Menschen im Ghetto gestorben, dass die Nazis den «jüdischen Wohnbezirk» verkleinerten. Das Waisenhaus musste erneut umziehen.

Die Chlodna-Straße gibt es bis heute, allerdings wurde das Gymnasium während des Kriegs teilweise zerstört und nach 1945 vollständig abgetragen. Heute erinnert nur ein Gedenkstein an die einstige Handelsschule. Ein Hinweis auf das jüdische Waisenhaus, das hier ein Jahr lang Unterschlupf fand, fehlt allerdings.

Brücke in der Chlodna-Strasse
Einige Dutzend Meter weiter erinnern zwei massive Eisenpfeiler an die berüchtigte Holzbrücke in der Chlodna-Straße, über die Juden gehen mussten, die vom Kleinen Ghetto ins Große gelangen wollten oder umgekehrt. Von der Brücke konnten sie einen Blick auf die «arische Seite» der Ghettomauer werfen. Der Verkehr dort war nur Deutschen und christlichen Polen gestattet. In die Pfeiler sind heute Guckfenster eingelassen, durch die Passanten Fotos der Brücke aus der Kriegszeit sehen können. Symbolische Stufen auf dem Bürgersteig versinnbildlichen die Treppen auf beiden Seiten der Brücke, blassrote Steine auf dem Boden zeigen den Verlauf der Mauer an.
Am 5. August 1942 gingen Janusz Korczak, Stefania Wilczynska und die 200 Waisenkinder auf dem Weg zum «Umschlagplatz» über diese Holzbrücke.

Chlodna-Strasse 20
Wenige Meter von den symbolischen Brückenpfeilern entfernt, steht bis heute das elegante «Haus mit der Uhr». Hier wohnte während der Okkupation Adam Czerniakow. 1939 hatten die Nazis ihn zum Vorsitzenden des Warschauer Judenrats ernannt. Korczak bat Czerniakow immer wieder um Hilfe für die Waisenkinder. Heute erinnert hier zwar keine Gedenktafel an Czerniakow, aber das Haus selbst steht noch.

Grzybowska-Strasse 26/28
Es war das Schicksal der Kinder, das Czerniakow das Herz so sehr zerriss, dass er am 23. Juli 1942 Selbstmord beging. Am Vortag hatten die Deutschen ihn aufgefordert, die Kinderheime und Waisenhäuser im Ghetto aufzulösen und alle Kinder «zur Deportation in den Osten» zum Umschlagplatz zu schicken. Der Judenratsvorsitzende wusste genau, dass er damit die Kinder in den sicheren Tod ins Vernichtungslager Treblinka schicken würde. Die Zyankali-Kapsel schluckte er im Büro des Judenrates in der Grzybowska-Straße 26/28. Hier steht seit einigen Jahren das Hotel Radisson Blu. Weder eine Tafel, ein Stolperstein oder ein kleines Denkmal erinnern an das Ghetto. Auch in der Hotelhalle sucht man vergeblich nach einem Vorkriegs-Foto der Grzybowska-Straße. Marcel Reich-Ranicki arbeitete als Übersetzer und Sekretär des Judenrats, bis er sich kurz vor der Auflösung des Ghettos auf die «arische Seite» retten konnte, wo ihn ein kommunistisch eingestellter Schuster bis zum Einzug der Roten Armee versteckte.

Sliska-Strasse 51/Sienna-Strasse 60
Nicht weit von der Grzybowska-Straße entfernt, steht das jüdische Berson & Bauman-Kinderkrankenhaus in der Sliska-Straße 51 (Sienna-Straße 60). Es heißt heute «Spital der Kinder Warschaus». Die Straßen laufen parallel, sodass alle Häuser eine Doppeladresse haben. Hier trat Janusz Korczak als junger Arzt seine erste Stelle an. Insgesamt arbeitete er – mit Unterbrechungen – neun Jahre in diesem Krankenhaus. Danach übernahm er die Leitung des jüdischen Waisenhauses in der Krochmalna-Straße. Das Krankenhaus überstand den Krieg schwer beschädigt. Da Ärzte und Krankenschwestern zunächst den Juden im Ghetto und ab 1944 den zumeist christlichen Polen im Warschauer Aufstand ärztliche Hilfe leisteten, attackierten die Nazis es immer wieder heftig.

Nach dem Krieg wurde das Gebäude wiederaufgebaut, die Klinik enteignet und umbenannt. Eine Tafel im Innenhof des Gebäudes erinnert an Anne Braude-Hellerowa, die langjährige Direktorin des Jüdischen Kinderkrankenhauses. Sie kam während des Ghettoaufstandes 1943 in einem Bunker ums Leben, wohin sie sich mit einigen Kindern gerettet hatte.

Sliska-Strasse 9/Sienna-Strasse 16
Ein paar Hundert Meter weiter, in der Sliska-Straße 9 (Sienna-Straße 16) stand einst das Gebäude einer Warschauer Kaufmanns-innung. Nachdem die Deutschen am 21. Oktober 1941 die erneute Verkleinerung des Ghettos angeordnet hatten, zogen Korczak, Wilczynska und die jüdischen Waisenkinder in dieses Haus ein. Knapp ein Jahr später standen die SS-Männer vor der Tür und schrien «Raus!» und «Schnell, schnell!». Am 5. August 1942 zogen die Kinder und die Erzieher im Waisenhaus von hier aus zum «Umschlagplatz». Die Adresse gibt es heute nicht mehr, ebenso wenig wie die der Nachbarhäuser. Unmittelbar nach dem Krieg entstand im Zentrum Warschaus der stalinistische Palast der Kultur und Wissenschaft. Doch neben dem Teatr Lalki auf der rechten Seite des Kulturpalastes steht heute in einem kleinen Park ein Denkmal für Korczak und die Kinder.

Stawki-Strasse 10 – «Umschlagplatz»
Das wie ein Waggon gestaltete Denkmal «Umschlagplatz» erinnert an rund 300.000 Juden, die die Nazis von hier aus mit dem Zug ins Todeslager Treblinka abtransportierten. Janusz Korczak, Stefania Wilczynska und die 200 Waisenkinder wurden hier am 5. August 1942 zum letzten Mal gesehen. Danach verliert sich ihre Spur.

Umfrage

Jeder vierte Europäer hat antisemitische Ansichten

Besonders stark sind negative Stereotype über Juden in osteuropäischen Staaten verbreitet

 21.11.2019

US-Demokraten

»Trump muss weg!«

Präsidentschaftsbewerber sprechen sich in ihrer TV-Debatte für Amtsenthebung des Präsidenten aus

 21.11.2019

Kuba

Die Kommune packt mit an

Zum 500-jährigen Bestehen Havannas setzt die Stadt den ältesten jüdischen Friedhof des Landes instand

von Andreas Knobloch  21.11.2019

Kurzmeldungen

Hochschule, Hochwasser

Nachrichten aus der jüdischen Welt

 21.11.2019

USA

Mrs. Gore-Tex

Zum Tod von Gert Boyle, der Chefin des Sportbekleidungsherstellers »Columbia«

von Tobias Kühn  21.11.2019

Arye Sharuz Shalicar

Die Zuschauer

Deutschland schweigt zum Terror gegen Demonstranten im Iran – dabei müsste es beim Protest an erster Stelle stehen

von Arye Sharuz Shalicar  20.11.2019