Interview

»Antisemitisch aufgeladen«

Piotr Kadlcik Foto: privat

Herr Kadlcik, was haben Sie empfunden, als Sie vom Beschluss des polnischen Parlaments erfuhren, koschere Schlachtung zu verbieten?
Schmerz und Trauer. Das war ein ungeheurer Schlag. Wir hofften die ganze Zeit, dass Polens Politiker doch die Religionsfreiheit der Juden und Muslime in diesem Land achten würden. Aber es siegte das alte Vorurteil von den angeblich grausamen und geldgierigen Juden.

Gab es vor der Abstimmung keine Konsultationen mit den Betroffenen?
Andrzej Halicki von der Regierungspartei »Bürgerplattform« behauptet, dass er uns eine Ausnahmeregelung vom Gesetz vorgeschlagen habe, wir diese aber abgelehnt hätten. Das entspricht nicht der Wahrheit. Halicki hat mit Michael Schudrich gesprochen, dem Oberrabbiner Polens, ihm aber keine alternativen Gesetzesentwürfe vorgelegt. Mich hat er überhaupt nicht kontaktiert.

Die Abgeordneten behaupten, es sei ihnen nur um das Wohl der Tiere gegangen.
Die angeblichen Tierfreunde finden die eigenen Schlachtmethoden »human«, die der Juden und Muslime aber grausam. Mit welchem Recht? Seit wann ist es human, einem Lebewesen einen Bolzen in den Kopf zu schießen? Oder ein Tier so lange mit Stromstößen zu malträtieren, bis es das Bewusstsein verliert? Im einen wie im anderen Fall geht es darum, ein Tier zu töten, weil wir sein Fleisch essen wollen. Wir alle wollen, dass das Tier möglichst wenig leidet.

Wie soll es nun weitergehen?
So antisemitisch aufgeladen war die Atmosphäre in Polen lange nicht. Schuld daran sind Polens Parlamentarier. Das entstehende Museum der Geschichte der polnischen Juden wird seine Ausstellung »Nachkriegszeit« umarbeiten und die Aufhebung der Religionsfreiheit für Polens Juden im Jahre 2013 einbauen müssen. Vielleicht werden die Besucher an einem interaktiven Bildschirm die antisemitischen Kommentare im polnischen Internet nachlesen können.

Gibt es einen Ausweg aus der verfahrenen Situation?
Wenn der Sejm seinen Fehler nicht einsieht und revidiert, müssen wir vor das polnische Verfassungsgericht und dann vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg ziehen.

Wie lang könnte sich das hinziehen?
Bis zu acht Jahre. Denn wir müssten erst alle Instanzen in Polen durchlaufen.

Wie wollen Sie in der Zeit die Kaschrut einhalten?
Wir müssten koscheres Fleisch aus Litauen oder Tschechien importieren. Das wird wesentlich teurer als bisher. Einige religiöse Familien werden sich koscheres Fleisch nicht mehr leisten können. Aufgrund der Parlamentsentscheidung müssen sie auf eine vegetarische Zwangsdiät umstellen. Aber es wird wohl niemand die Koffer packen. Polen ist trotz allem unser Zuhause.

Mit dem Vorsitzenden des Jüdischen Gemeindebundes in Polen sprach Gabriele Lesser.

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