Glosse

Angstschweiß an Purim

Was sollen die Kinder zu Purim nur anziehen? Foto: cc

Brüssel ist ja irgendwie doch eine Kleinstadt. Manche Highlights des jüdischen Jahres sind darum so vorhersehbar wie die jährliche Steuererklärung. Zum Beispiel der Moment jedes Jahr zu Purim, so ungefähr in der Mitte der Megilla, wenn dieser kleine Junge im Kartoffelsack-Kostüm durch die Eingangstür stolpert, die Bima erklimmt und auf der anderen Seite gleich wieder die drei Stufen herunterfällt. (Der Kartoffelsack hat keine Gucklöcher).

Rivalinnen Dann der Moment so ungefähr eine halbe Stunde später, wenn mehrere kleine Mädchen bemerken, dass ihre Rivalinnen haargenau dasselbe Prinzessinnen-Kostüm tragen (von ihren Müttern sündhaft teuer bei »le petit chouchou« erworben), worauf ein gnadenloser Catfight ausbricht, wobei die kleinen Mädchen sich gegenseitig büschelweise Haare ausreißen und versuchen, sich die Augen auszukratzen, bis der Schammes sie auseinanderklaubt und vor die Tür setzt.

Und damit ist wie jedes Jahr der Moment gekommen, an dem die Megilla endlich zu Ende ist und ich mir unter Ellenbogeneinsatz einen Platz ganz vorn an der Balustrade sichere. Denn als nächstes folgt die große Kostüm-Preisverleihung – kein ganz ungetrübtes Vergnügen für mich.

Aller Voraussicht nach wird meine Emma nämlich auch in diesem Jahr wieder nicht unter den Gewinnern sein, was zu einem mittleren Nervenzusammenbruch ihrerseits führen wird, der mit schöner Regelmäßigkeit jedes Jahr an Purim abends um neun unter vielen Tränen im Eiscafé ZIZI endet, wo Emma sich zum Trost einen Riesenschoko-Eisbecher reinzieht. Vorsorglich habe ich ein Fläschchen Rizinusöl für die Verdauung sowie massenweise Taschentücher und Riechsalz eingepackt.

Föhnfrisur Schließlich ist es so weit. Der dritte Preis geht dieses Jahr an eine Mini-Ausgabe von Margaret Thatcher, deren Beton-Föhnfrisur ungefähr den Durchmesser eines Wasserballs hat (genau wie Thatcher-Double Meryl Streep im aktuellen Kino-Film). Von einer stechend riechenden Haarspraywolke umgeben, stöckelt das kleine Ding auf die Bima und nimmt lächelnd ihren Preis entgegen.

Den zweiten Preis gewinnt, wie jedes Jahr, der kleine Junge im Kartoffelsack (was kann er schließlich dafür, wenn seine Eltern solche Hirnis sind und ihn alle Jahre wieder in denselben Kartoffelsack stecken). Ich erkenne Emmas angstverzerrtes bleiches Gesicht in der Kinderschar, verkrampft hält sie ihr Blumensträußchen mit beiden Händen umklammert, sie hat sich in ihren viel zu langen Schleier verwickelt, und ihr Make-up ist verschmiert.

Ich habe sie gewarnt, aber sie wollte sich ja unbedingt als Braut verkleiden (so wie ungefähr 15 andere kleine Mädchen). Als sie drankommt und ihr Kostüm vorstellen soll, bekommt sie wie jedes Jahr vor Panik keinen Ton heraus. Und wie jedes Jahr tätschelt der Rabbiner ihr wohlwollend den Kopf und überreicht ihr einen Trostpreis. Emmas tränenverschleierter Blick streift über die Balustrade, bis sie mich entdeckt. Ich greife nach dem Riechsalz und mache mich auf dem Weg nach unten.

Emmas kleine Geschwister, die Zwillinge, sind zum Glück nicht so dramatisch veranlagt wie ihre große Schwester. Sammy und Estelle bekommen jedes Jahr das nächstbeste Kostüm angezogen, das ich auf dem Kaufhauswühltisch ergattere, und sind zufrieden, egal ob sie damit gewinnen oder nicht.

Rohkost-Salat Als ich außer Atem unten in der Synagoge ankomme, erklimmen die Zwillinge gerade die Bima. Dieses Jahr habe ich sie als Rohkost-Salat verkleidet. Sammy ist ein rothaariges Radieschen, Estelle eine pummelige Tomate. Verschämt stehen die beiden auf der Bima und nehmen den dröhnenden Applaus des Publikums entgegen. Grinsend überreicht ihnen der Rabbiner sodann den ersten Preis des Abends für das originellste Kostüm.

Mir bricht der Angstschweiß aus: Wie wird Emma diese traumatisierende Situation verarbeiten? Ausgestochen von den eigenen Geschwistern, und das vor einem Riesenpublikum! Wird es nun zu einer nie endenden Fehde unter meinem Dach kommen? Wird sich mein Leben in eine Endlos-Schleife von fiesen »Dallas«-Folgen verwandeln?

Da bemerke ich, wie Emma mit stolzgeschwellter Brust die Zwillinge an den Händen hält, und wie die drei sodann im Triumphzug auf den Schultern diverser Gemeindemitglieder einmal rund um die Bima getragen werden. Es regnet dabei Bonbons und Schoko-Geld. Hoffentlich filmt jemand diesen Moment. Denn ich habe unsere Kamera – wie jedes Jahr – zu Hause vergessen.

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