USA

Angst und Verunsicherung

Gut bewacht: das David Posnack Community Centre in Davie im US-Bundesstaat Florida Foto: dpa

Seit Anfang des Jahres sind bei 119 jüdischen Einrichtungen in den USA sage und schreibe 165 Bombendrohungen eingegangen. Betroffen waren Schulen, Büros und vor allem Jewish Community Centers (JCCs). Viele jüdische – aber auch nichtjüdische – Amerikaner verbringen dort ihre Freizeit, bilden sich weiter, treiben Sport oder treffen sich einfach zum Kaffeetrinken.

Die meisten Gemeindezentren sind nach den Bombendrohungen evakuiert worden. Doch bisher hat man – Gott sei Dank – nirgendwo eine Bombe gefunden. Doron Krakow, Präsident des Verbands der mehr als 150 JCCs in Nordamerika, will offenbar keinen Katastrophenalarm auslösen. Die Arbeit der JCCs habe sich durch die Drohungen nicht sehr verändert, sagte Krakow der Jüdischen Allgemeinen. Bislang ist nur eine Verdachtsperson festgenommen worden, die mehrere Einrichtungen bedroht haben soll.

sicherheit Jüdische Institutionen seien schon seit Langem auf ihre Sicherheit bedacht, betonte Krakow. So gesehen, seien die JCCs vorbereitet gewesen. »Unsere Programme und Veranstaltungen gehen weiter.« Die Gemeindezentren seien doch »der Marktplatz der jüdischen Gemeinschaft«. Natürlich hoffe er sehr auf baldige Aufklärung, sagte Krakow, und lobte die Ermittler des FBI sowie die örtliche Polizei.

Anfang März seien Vertreter jüdischer Verbände mit FBI‐Direktor James Comey zusammengekommen, berichtete Krakow. Das Treffen habe ihn überzeugt, dass die Aufklärung der Bombendrohungen bei der Behörde »hohe Priorität« habe. Doch gingen die Täter »sehr raffiniert« vor und könnten den Ermittlern einen Schritt voraus sein.

Ron Halber, der Direktor des Jewish Community Relations Council, eines Verbands örtlicher Organisationen in Washington, erklärte, die anfängliche Angst sei inzwischen in Enttäuschung übergegangen. Man sei frustriert über die »Disruption« des Lebens, die Störung des Alltags durch diese Anrufe, sagte er dem Washingtoner Rundfunksender WAMU. Auch einige Ermittler seien wohl inzwischen frustriert, glaubt Halber.

Kindergarten Unter Privatschulen ist die Charles E. Smith Jewish Day School in Rockville, Maryland, nördlich von Washington eine gute Adresse. Dort lernen rund 1000 Kinder und Jugendliche, vom Kindergarten bis zur zwölften Klasse. Am 27. Februar sei gegen 9.30 Uhr ein Anruf mit Bombendrohung und antisemitischen Sprüchen eingegangen, sagte Schuldirektor Rabbi Mitchel Malkus dem Sender WAMU. Fünf Minuten später sei die Polizei vor Ort gewesen. Man habe die Schule nicht evakuiert, denn es habe die Gefahr bestanden, dass die Schüler bei einer Evakuierung möglicherweise in Richtung Bombe gegangen wären, erklärte Malkus.

Diese Entscheidung wurde diskutiert. In einem Online‐Kommentar in einer Lokalzeitung schrieb ein Schüler anonym, er und seine Mitschüler seien sehr aufgeregt gewesen. Die Schulleitung hätte die Eltern auffordern sollen, ihre Kinder abzuholen.

Ein Kommentar hielt dagegen: Die Sicherheit der Schule sei schon immer extrem hoch gewesen. »Niemand kann einfach vorfahren oder das Gebäude betreten. Es ist geradezu eine Qual, in die Schule hineinzukommen.«

Solidarität Infolge der vielen Drohungen erklären Nachbarn, Politiker und verschiedene Religionsgemeinschaften ihre Solidarität und wollen helfen. Todd Rockoff, Geschäftsführer des JCC in Tucson, Arizona, spricht von »außerordentlicher Unterstützung durch andere Institutionen«. Das Gemeindezentrum wurde zweimal bedroht, einmal telefonisch und einmal per E‐Mail, am 27. Februar und am 10. März.

An jenem 10. März, einem Freitag, sei enorm viel los gewesen im Zentrum, erzählt Rockoff. »Betreuer haben die Vorschulkinder und eine Behindertengruppe in einem Raum versammelt.« Die Eltern hätten sich Sorgen gemacht, doch seien sie hinterher erleichtert gewesen, weil die Kinder offenbar keine Angst gehabt hätten. »Die Erzieher sind bei den Kindern geblieben und haben mit ihnen gespielt«, sagt Rockoff. Zurückgegangen seien die Besucherzahlen des Zentrums wegen der Bombendrohungen nicht.

Gleich viermal wurde das Levite JCC in Birmingham, Alabama, bedroht. Ein Evangelisierungsverband in der Stadt beschloss, mit Spenden von Kirchen rund 100.000 Dollar für die steigenden Sicherheitskosten jüdischer Einrichtungen aufzubringen. Birmingham ist eine evangelikale Hochburg im sogenannten Bible Belt. »Wir machen weiter«, sagt Levite‐Direktorin Betzy Lynch.

In St. Louis, Missouri, kam es Anfang März zu einer ersten Festnahme. Dem 31‐jährigen früheren Reporter Juan Thompson werden Bombendrohungen und Cyberstalking vorgeworfen. Laut FBI‐Bericht hat Thompson falsche Aussagen über seine Ex‐Freundin in Umlauf gebracht. Sie besitze Kinderpornografie und habe jüdische Einrichtungen bedroht, lauten seine Vorwürfe. Doch Thompson selbst sei es, der hinter den Bombendrohungen stecke, hat das FBI herausgefunden.

Atmosphäre Der Direktor des Center of Extremism der Anti‐Defamation League, Oren Segal, sieht Zusammenhänge zwischen den vielen Drohungen und der politischen Atmosphäre im Land. Antisemiten meinten, sie hätten einen Freund im Weißen Haus. Die »entzweiende Rhetorik« des Wahlkampfs habe Rassisten ermutigt, sagte Segal dem Nachrichtenportal ProPublica.org.

Die investigative Webseite betreibt das »Documenting Hate«-Projekt, um Daten zu hassmotivierten Vorfällen zu sammeln. Von November 2016 bis Anfang Februar 2017 seien mehr als 330 Berichte von antisemitischen Vorfällen eingegangen. Die Mehrzahl werde anscheinend von »zornigen und oftmals jungen Menschen« verübt, die nicht in Organisationen eingebundenen sind und Juden beleidigen wollten.

Doch mit Schlussfolgerungen solle man zum jetzigen Zeitpunkt vorsichtig sein, sagt Rockoff vom JCC in Tucson. Und Verbandspräsident Krakow erklärt, er wolle nicht spekulieren und könne deshalb keine Antwort geben auf die Frage, warum in letzter Zeit so viele jüdische Einrichtungen bedroht werden. Um definitive Aussagen zu machen, sei es einfach noch zu früh.

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