Brüssel

An der Seite von Europas Juden

Zwei Preise, drei Preisträger: Mit einer Festveranstaltung in der Brüsseler Hauptsynagoge unterstrich die Europäische Rabbinerkonferenz (CER) die Wichtigkeit Europas für das Judentum – und warnte gleichzeitig eindringlich davor, dass jüdisches Leben auf dem Kontinent gefährdet ist.

Der »Lord-Jakobovits-Preis des Europäischen Judentums« ging in diesem Jahr an den Präsidenten des Europäischen Parlaments, den Italiener Antonio Tajani, sowie an den Ersten Vizepräsidenten der Europäischen Kommission, den Niederländer Frans Timmermans. Daneben wurde zudem die litauische Schriftstellerin Ruta Vanagaite mit dem Moshe-Rosen-Preis ausgezeichnet.

CER-Präsident Pinchas Goldschmidt brachte es gleich zu Beginn seiner Rede auf den Punkt: Als vor fünf Jahren an gleicher Stelle der Lord-Jakobovits-Preis an Bundeskanzlerin Angela Merkel vergeben wurde, konnten die Gäste die Synagoge durch den großen Haupteingang betreten. Nunmehr mussten fast alle durch den kleinen Seiteneingang, an dem Sicherheitsleute strenge Kontrollen durchführten. Der Terroranschlag auf das Jüdische Museum in Brüssel im Mai 2014 sowie die Anschläge am Brüsseler Flughafen und in der U-Bahn im März 2016 hätten »alles verändert«, sagte Goldschmidt.

Solidarität Der Antisemitismus in Europa habe wieder ein ungeahntes Niveau erreicht, sagte der CER-Präsident. Das merke man nicht nur in der realen, sondern auch in der virtuellen Welt, dem Internet, wo Juden einer »dauernden abscheulichen Verunglimpfung« ausgesetzt seien.

Auch zentrale jüdische Traditionen wie das Schächten würden immer mehr infrage gestellt, und der Moskauer Oberrabbiner knöpfte sich in diesem Zusammenhang die Tierschutzlobby vor, welche immer wieder die »lächerliche« Behauptung auf­stelle, dass koscheres Schlachten Tierquälerei sei. Wenn die Religionsfreiheit infrage gestellt würde, brauche es Europas Politiker, die aufstünden und sich dagegen wehrten, forderte Goldschmidt. Er dankte den beiden Preisträgern für ihre Solidarität mit der jüdischen Gemeinschaft.

Sowohl Tajani als auch Timmermans stellten sich in ihren Dankesreden klar und deutlich an die Seite von Europas Juden. »Ich werde immer für euch da sein, für eure Rechte kämpfen und euch unterstützen«, rief Timmermans den Gästen zu. Mit eindringlichen Worten warnte er vor einer Ausbreitung des »Virus des Antisemitismus«, der in jedem Menschen schlummere. Man solle sich niemals der Illusion hingeben, der Virus sei nicht mehr da. Das Wohlbefinden der jüdischen Gemeinde sei von zentraler Bedeutung für Europa, so der ehemalige niederländische Außenminister.

Existenzrecht Dann wurde Timmermans deutlich: »Lassen wir uns bitte nichts vormachen: Wer Kritik an Israel übt, ist kein Antisemit. Aber Israel das Existenzrecht abzusprechen, ist nichts anderes als der ultimative Versuch, das jüdische Volk auszulöschen.« Und ohne Ungarns Ministerpräsidenten Orbán beim Namen zu nennen, nannte er dessen Kampagne »gegen einen internationalen Finanzier« (George Soros) einen »Versuch, antijüdische Vorurteile in der Bevölkerung politisch zu instrumentalisieren«.

Worte seien das »wichtigste Werkzeug, das wir Menschen haben«, so der EU-Kommissar. Schließlich habe auch Hitler nicht mit der Ermordung von Menschen begonnen, sondern mit Worten. Auch wenn die Wunden der Schoa niemals geheilt werden könnten, sei es doch ein »Triumph über Hitler«, dass sich die jüdische Gemeinschaft nicht von Europa abgewendet habe, so Timmermans. »Europa kann es nicht geben, wenn die Juden sich hier nicht sicher und heimisch fühlen«, sagte er – und versprach: »Wir werden niemals aufgeben!«

Die Europäische Rabbinerkonferenz, die nach eigenen Angaben 700 Rabbiner von Dublin bis Wladiwostok vertritt, vergibt seit 2012 alljährlich die nach ihrem ehemaligen Präsidenten benannte Auszeichnung an Persönlichkeiten, welche sich um die Förderung jüdischen Lebens in Europa und im Kampf gegen den Antisemitismus verdient gemacht haben. Unter den früheren Preisträgern ist neben Merkel auch Spaniens König Felipe VI.
Der in Königsberg geborene und in Berlin aufgewachsene Immanuel Jabobovits (1921–1999) war von 1967 bis 1991 Oberrabbiner des Vereinigten Königreichs. 1988 zog er – als erster jüdischer Geistlicher überhaupt – in das House of Lords ein.

Neben dem Jakobovits-Preis verlieh die Rabbinerkonferenz auch den Moshe-Rosen-Preis an die litauische Schriftstellerin Ruta Vanagaite – für ihre Bücher, in denen sie die Kollaboration litauischer Nationalisten mit den deutschen Besatzern während des Zweiten Weltkriegs thematisiert und wegen derer sie seit einigen Monaten aufgrund von Anfeindungen in Litauen im israelischen Exil lebt.

dankesrede »Ich bin keine Jüdin und keine Heldin. Ich bin auch keine besonders mutige Person, sondern einfach eine Frau mittleren Alters mit Herz«, begann Vanagaite ihre Dankesrede. Lange Zeit sei ihr wie den meisten ihrer Landsleute das Schicksal der 200.000 während des Holocaust ermordeten litauischen Juden gleichgültig gewesen. Bis sie im Mai 2014 entdeckt habe, dass zwei Familienmitglieder – ein Großvater und ein Onkel – während des Zweiten Weltkriegs dabei mitgeholfen hatten, die Ermordung von Juden zu organisieren.

Diese Erfahrung habe sie angespornt, Nachforschungen anzustellen, mit Zeitzeugen zu reden, in den litauischen Wäldern Massengräber zu identifizieren und gleichsam »eine Reise in das schwarze Loch der Schoa in Litauen« zu unternehmen. »Ich musste die Wahrheit finden, ich fand sie – und diese Wahrheit war schockierend. Ich musste den Menschen in meinem Land darüber berichten. Wer, wenn nicht ich?«

Weckruf 2016 erschien Vanagaites Buch Die Unsrigen, das für die Autorin ein »emotionaler Weckruf« war. »Plötzlich waren die toten Juden mehr als nur eine Zahl, sie waren unsere Leute, und die Täter waren auch unsere Leute. Das Buch brachte viele meiner Landsleute dazu, die eigene Geschichte in einem anderen Licht zu betrachten«, sagte sie.

Sicherheit Die Unsrigen wurde schnell ein Bestseller in Litauen, war aber vielen Nationalisten ein Dorn im Auge, die Vanagaite »Nestbeschmutzung« vorwarfen und sie gar als Bedrohung der nationalen Sicherheit hinstellten.

Freunde und Verwandte warfen ihr gar vor, die eigene Familie verraten zu haben. »Das war traurig, aber es war ein Preis, den ich bezahlen musste. Wenn es um die Wahrheit geht, ist kein Preis zu hoch«, sagte die Schriftstellerin in der Brüsseler Hauptsynagoge. Und sie dankte der Rabbinerkonferenz für den Preis, der ihr für diese Haltung ausgelobt wurde: »Das gibt mir viel Kraft.«

Bonn/Berlin

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