Zahal

»Zu wem sollen wir aufsehen?«

Kein Grund zum Jubel: erst nach Tagen des Gezerres und Gezankes wurde ein neuer Armeechef - Generalmajor Benny Ganz - nominiert. Foto: Flash 90

Zahal

»Zu wem sollen wir aufsehen?«

Der Streit bei der Suche nach einem neuen Generalstabschef stürzt die Armee in eine tiefe Vertrauenskrise

von Sabine Brandes  08.02.2011 09:55 Uhr

Um sie herum regiert das Chaos: Demonstrationen und Ausnahmezustand beim südlichen Nachbarn, im Norden hat Erzfeind Hisbollah praktisch die Zügel in der Hand, sogar bei den recht friedlich gesinnten Jordaniern knirscht es arg im königlichen Getriebe. Der Nahe Osten droht sich völlig neu zu sortieren, und Israel steckt mittendrin. Es bedarf keines Experten zu wissen, dass in derart ungewissen Zeiten die Armee stark und vereint sein muss. Doch statt zusammenzustehen, liefert sich die oberste Riege der Zahal seit Monaten ein Ränkespiel nach dem anderen.

Vorerst letzter Akt ist die Affäre um Generalmajor Joav Galant. Der hätte eigentlich in wenigen Tagen 20. Stabschef der israelischen Armee werden sollen. Gerüchte und Ungereimtheiten um ein großes Stück Land brachten sein öffentliches Ansehen allerdings stark ins Wanken. Angeblich hatte sich der Kommandant des südlichen Armee-Abschnitts im Moschaw Amikam öffentliches Land für seine Villen-Grundstück einverleibt. Bilder des Protzbaus gingen durch die Medien, zurück blieb der Imageschaden für den ohnehin nicht ganz unumstrittenen Kommandeur. Zwar beteuerte er in einem Fernsehinterview noch vehement, aus Unwissenheit gehandelt und nicht gelogen zu haben, sein Abgang jedoch schien eingeleitet.

Als Generalstaatsanwalt Yehuda Weinstein verkündete, er sehe sich ob der undurchsichtigen Situation nicht in der Lage, den 52-Jährigen vor dem Obersten Gerichtshof zu verteidigen, waren Fakten geschaffen. Premierminister Benjamin Netanjahu, der sich vorher ausgeschwiegen hatte, musste handeln. Er zog Galants Nominierung zurück.

verhältnis Logisch wäre gewesen, jetzt die Amtszeit von Armeechef Gabi Aschkenasi zu verlängern, bis ein würdiger Nachfolger gefunden ist. Der genießt nicht nur bei seinen Soldaten einen hervorragenden Ruf, er ist erfahren und kennt Strukturen der IDF. Doch an Logik scheint es in diesen Tagen zu mangeln. Das persönliche Verhältnis zwischen Verteidigungsminister Ehud Barak und Aschkenasi ist so zerrüttet, dass die beiden angeblich kein Wort mehr miteinander wechseln. Wahrlich keine gute Voraussetzung für einen geschmeidigen Ablauf im Ernstfall.

»Aschkenasi ist in der gesamten Armee und der Bevölkerung hochgeschätzt«, beteuert einer seiner Offiziere. »Man schaut mit Stolz auf ihn und ist froh, unter ihm dienen zu dürfen. Zu jeder Zeit hat er die Moral hochgehalten.« Das derzeitige Geschehen sieht der Offizier als unangenehm. »Aber immerhin kann man sagen, dass die Demokratie einmal mehr gesiegt hat. Wenn jemand moralisch nicht einwandfrei handelt, sollte er diesen Posten nicht übernehmen dürfen. Dafür ist er zu wichtig für die Sicherheit unseres Landes. Und so ist es geschehen.«

verlängerung Dennoch wollte Barak um keinen Preis eine Verlängerung von Aschkenasis Amtszeit – auch nur um eine einzige Minute. Stattdessen plante der Minister, Jair Naveh als Interimschef durchzudrücken. 60 Tage sollte er im Hauptquartier einziehen, bis ein neuer Favorit auserkoren sei. Das war zu viel des Hin und Her für einige Minister und Knessetabgeordnete. Sie drängten Netanjahu, dem Durcheinander ein Ende zu setzen. Tatsächlich entschied der Premier gegen seinen Vertrauten Barak.

Nach Tagen des Gezerres und Gezankes wurde am vergangenen Sonntag Generalmajor Benny Ganz nominiert. Netanjahu sagte während der Regierungssitzung: »Die Stabilität der israelischen Armee ist immer wichtig, aber jetzt besonders, wegen der tiefen Erschütterungen in unserer Region.« Er nannte Ganz einen erfahrenen Kommandeur und ausgezeichneten Offizier. »Er hat all die Eigenschaften und die notwendige Erfahrung, um ein exzellenter Militärchef zu sein«, sagte Netanjahu.

Ganz hatte in der Armee als General, Israels Militärattaché in den USA und zuletzt als stellvertretender Generalstabschef gedient. Aus Protest gegen die Ernennung Galants war er vergangenes Jahr zunächst aus der Armee ausgeschieden. »Wir sind der Meinung, es ist wichtig, jegliche Ungewissheit aus dem Weg zu räumen und die Armee mit der Nominierung eines Stabschefes zu stabilisieren, der die Truppen in der momentanen Herausforderung führt«, schrieben Netanjahu und sein Minister in einem gemeinsamen Brief.

Diese Worte zeigen, die IDF steckt in einer Krise. Und das nicht zum ersten Mal. Das letzte Debakel ereignete sich während des Zweiten Libanonkrieges im Sommer 2006, als bekannt wurde, wie unvorbereitet Soldaten an die Front mussten, zum Teil ohne passende Ausrüstung und Verpflegung. Berichte von kämpfenden jungen Männern, die sich von einer Tüte Erdnussflips ernähren mussten und keine Helme auf dem Kopf hatten, schockierten die Nation. Damals war die Misere logistischer Art. Diese aber geht tiefer. Sie frisst an der Moral.

Vorbilder »Zu wem sollen wir aufsehen?«, fragt Schachar, ein anderer junger Offizier. »Wenn an oberster Stelle gelogen und gestritten wird, ist es schwer, innerhalb der Truppe auf Ethik und Moral zu pochen.« Er ist sicher, dass es die gesamte Armee in Verruf bringe, wenn sich die Chefs derart verantwortungslos benehmen. »Früher waren die Generäle Helden, die Geschichte geschrieben haben und auch im Privaten einem Wertecodex folgten. Heute fehlen die Vorbilder.«

Er ist enttäuscht, dass die Soldaten ihr Leben für das Land einsetzten, während an der Spitze Intrigen und Affären regierten. Schachar darf darüber mit den Medien eigentlich gar nicht reden. Sämtliche Aussagen zur Armee müssen über die Pressestelle gehen. Doch da heißt es nur knapp: »Dazu können wir nichts sagen«.

Dennoch ist es kein Geheimnis, dass die Ungereimtheiten nicht ungelegener kommen könnten. Zwar steht der designierte Nachfolger für die Führung der israelischen Armee nun fest. Doch mit Galants Abgang rutscht auch der Verteidigungsminister politisch mehr und mehr ins Abseits. Zuerst verlor er seinen Favoriten, dann wurde sein Alternativvorschlag abgeschmettert. Politische Pleite auf ganzer Linie. Barak gilt als selbstherrlich, sein Stuhl als äußerst wackelig. Zumindest in den Medien ist das Rennen um einen Nachfolger bereits eröffnet. Vorhang auf für das nächste Führungsdrama.

Avi Gil (in Uniform), links von Benjamin Netanjahu

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