Eine Mutter berichtet

»Wir haben Angst«

Anschlagsopfer im Süden von Israel (Symbolfoto) Foto: Copyright (c) Flash 90 2023

Wie so viele andere jüdische Familien aus der Schweiz reiste auch die Familie P. für die Herbstferien nach Israel. Nochmals Sonne tanken, sich mit Freunden treffen, den Strand genießen.

Stattdessen wurde die vierköpfige Familie am Samstagmorgen durch lauten Sirenenalarm aus dem Schlaf gerissen. Für die Familie eigentlich keine Seltenheit, denn das Ehepaar P. hat jahrelang in Israel gelebt. Doch heute war alles anders.

Die Jüdische Allgemeine konnte mit der 33-jährigen Mutter unmittelbar nach dem Raketenbeschuss in Tel Aviv ein Interview führen.

Frau P., Sie sind Österreicherin und haben einige Jahre in Tel Aviv gelebt. Nun sind Sie als Touristin mit Ihrer Familie dort, um die Feiertage zu verbringen. Wie empfinden Sie die aktuelle Situation vor Ort?
Die Lage ist äußerst beunruhigend. Ich habe den Eindruck, dass sich das ganze Land in einem Schockzustand befindet.

Haben Sie das Gefühl, dass es dieses Mal anders ist?
Auf jeden Fall. Heute Morgen hat mich mein zweijähriger Sohn bereits um sechs Uhr geweckt. Ich war ziemlich müde, und gegen halb sieben haben wir die ersten Sirenen in der Ferne gehört. Obwohl das natürlich erschreckend ist, kann ich, nachdem ich einige Jahre in Israel gelebt und auch zuvor oft hier Urlaub gemacht habe, ziemlich ruhig mit den Sirenen umgehen. Vielleicht ist es eine falsche Annahme, aber Tel Aviv selbst fühlt sich immer wie eine Blase in diesem kleinen Land an, weit entfernt von den problematischen Konfliktgebieten. Aber ich möchte auch betonen, dass ich kein Experte für die Situation bin und die Fakten nicht bestätigen kann. Ich erzähle nur von dem, was wir am Samstag erlebt haben.

Was haben Sie erlebt?
Der Tag wurde zunehmend schrecklicher. Obwohl wir normalerweise am Schabbat unseren religiösen Regeln folgen und den Fernseher nicht einschalten, haben wir den ganzen Tag vor dem Fernseher verbracht und andauernd die neuen Informationen verfolgt. Die Zahl der offiziell gemeldeten Todesfälle stieg stetig. Am schlimmsten waren die Nachrichten bezüglich der Geiselnahmen von Zivilisten, darunter Frauen und Kinder, die nach Gaza entführt wurden. Ich glaube, das ganze Land hat vor Augen, was in Gaza Schreckliches geschieht. Dass jetzt anscheinend mehrere Dutzend israelische Zivilisten gefangen genommen wurden, ist furchtbar.

Haben Sie das Bedürfnis, das Land zu verlassen?
Absolut. Wir haben den ganzen Tag versucht, unsere Flüge vorzuziehen, leider erfolglos. Die Flüge der Swiss und Austrian Airlines wurden gestrichen. Da meine Familie in Wien lebt, war das unser erster Gedanke. Inzwischen hätten wir jeden Flug ins Ausland genommen, aber leider sind die Systeme der Airlines und Hotlines überlastet. Unser Rückflug ist im Moment für Mittwoch geplant, und wir können nur hoffen, dass er nicht abgesagt wird.

Haben Sie Angst?
Ja, wir haben Angst. Aber wir müssen uns glücklich schätzen, dass wir nicht in den Gebieten um Gaza sind und unsere Lieben im Moment sicher sind. Wir sind uns bewusst, dass viele Menschen in diesem Land ihre Liebsten verloren haben oder noch in schrecklicher Ungewissheit leben.

Wie verbringen Sie Ihre Zeit zu Hause?
Unsere Tochter ist fünf Jahre alt, unser Sohn ist zwei. Den ganzen Tag haben wir versucht, dass sie so wenig wie möglich von der Situation mitbekommen. Immerhin sind wir im Urlaub, es ist warm, aber in unserer kleinen Wohnung fehlen Spielsachen. Heute haben sie den Großteil des Tages drinnen verbracht. Und gegen 19 Uhr ging es dann auch wieder mit den Sirenen los. Es war laut, und die Explosionen klangen nahe. Wir haben keinen Schutzraum im Haus, anders als viele neue israelische Gebäude. Das bedeutet, dass ich die Kinder aus ihren Betten nehmen muss, wenn die Sirene ertönt, und mit ihnen ins Treppenhaus flüchten muss. Beide meiner Kinder stellen viele Fragen. Besonders mein Zweijähriger fürchtet sich vor dem Lärm. Um ehrlich zu sein, habe ich mir spontan überlegt, den Kindern zu erklären, dass die Häuser in Israel nicht so stabil gebaut sind wie in der Schweiz und deshalb einige beschädigt werden könnten, weshalb alle in die Treppenhäuser müssen.

Wie bereits erwähnt, haben Sie lange in Israel gelebt. Welche Verbindung haben Sie zum Land?
Das ist eine Frage, die viele Juden im Ausland beschäftigt. Wenn man in Österreich aufwächst, ist man in meiner Generation nach wie vor mit dem Holocaust und Antisemitismus konfrontiert. Ich bin mit einem starken jüdischen Bewusstsein aufgewachsen. Als ich 2012 nach Israel gezogen bin, nachdem ich einige Jahre in London studiert hatte, war das ein großer Schritt. Wie viele andere Juden habe ich das Gefühl, dass Israel unser Schutzhafen ist. Man ist stolz auf das Land und auf das, was es in seiner kurzen und turbulenten Geschichte erreicht hat. Natürlich ist man sich auch der Probleme des Landes bewusst, sei es mit den Nachbarn oder innenpolitisch. Ich habe die israelische Staatsbürgerschaft nicht angenommen und bin immer noch ›nur‹ Österreicherin. Seit drei Jahren lebe ich jetzt in Zürich, wo es mir und meiner Familie sehr gut geht.

Was machen Sie jetzt?
Es ist gerade 21.27 Uhr, und wir hatten gerade den nächsten Sirenenalarm. Wir können nur hoffen, dass sich die Situation verbessert und es bald positive Nachrichten gibt.

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