Vatikan

»Wir haben 10.000 jüdische Bittschreiben an den Papst entdeckt«

Forscht seit 40 Jahren im Archiv des Vatikans: der Kirchenhistoriker Hubert Wolf Foto: picture alliance/dpa

Die Rolle von Papst Pius XII. während des Holocausts wirft noch immer Fragen auf. Im März 2020 machte der Vatikan die Akten aus dem Pontifikat der Öffentlichkeit zugänglich. Seitdem werden sie von dem Kirchenhistoriker Hubert Wolf und seinem Team durchforstet. Über erste Ergebnisse erscheint nun ein Buch.

Herr Wolf, Sie forschen seit Jahrzehnten in Rom in den Archiven des Vatikans. Der Titel ihres neuen Buches lautet »Die geheimen Archive des Vatikan und was sie über die Kirche verraten«. Ja, was verraten sie über die Kirche?
Die katholische Kirche ist eine zentral geführte Organisation mit dem Papst als Oberhaupt. Er ist der früheste Global Player im politischen Geschehen. In seinem Archiv ist die Weltgeschichte eingelagert. Es dürfte weltweit keinen Ort geben, an dem man mehr über die Kirche - sowohl in ihrem Zentrum als auch in der Peripherie - und zugleich über die Welt an sich erfahren kann. Das ist einmalig, denn die Kirche hatte und hat nahezu überall ihre Vorposten: einen Pfarrer, einen Bischof, eine Ordensschwester, interessierte Laien, und natürlich die Nuntien, also die
diplomatischen Gesandten des Heiligen Stuhls. Ihre Berichte und die
Korrespondenzen finden sich zum Beispiel im päpstlichen Archiv.

Ihre aktuelle Forschung befasst sich mit Dokumenten, die seit März 2020 mit der Öffnung der Archive des Pontifikats Pius‘ XII. (1939-1958) zugänglich gemacht wurden. Welches Dokument aus Ihrer bisherigen Sichtung wird Ihnen am meisten in Erinnerung bleiben?
Das erste Bittschreiben eines jüdischen Menschen an den Papst, das ich in den Händen hielt. Davon haben mein Team und ich bis heute fast 10.000 weitere entdeckt. Etwas, womit ich überhaupt nicht gerechnet hatte. Unser Fokus lag ganz woanders. Viele waren ohnehin der Meinung, mit der Öffnung der Archive von Pius XII. käme nichts Neues an die Öffentlichkeit, über sein Pontifikat sei bereits alles bekannt.

Von wem stammte dieses erste von Ihnen entdeckte Bittschreiben?
Von Elisabeth Einstein aus Stuttgart. Dieses Dokument war so eindrücklich und hat das Forschungsvorhaben von meinem Team und mir – wir waren mit sieben Leuten in Rom – über den Haufen geworfen. Wir
fragten uns: Warum sollen wir eine Biografie dieses Papstes schreiben? Warum uns mit der Rattenlinie, also den Fluchtrouten führender Vertreter des NS-Regimes und anderer Verbrecher, beschäftigen, wenn wir die Möglichkeit haben, 10.000 jüdischen Menschen, deren Andenken die Nazis vernichten wollten, wieder eine Stimme zu geben?

Wie haben Sie den Brief von Elisabeth Einstein entdeckt?
Sie stehen dort erst einmal vor 400.000 Schachteln, in denen die Dokumente verwahrt werden. Das Archiv ist in Sektionen unterteilt, zu denen es mehr oder weniger gute Inventare gibt. Wir hatten uns schon in der Vorbereitung auf die Forschung vor Ort überlegt, wie die Kurie in diesem Pontifikat aufgebaut war: Wie wurde dort gearbeitet? Welche Büros gab es? Wer ist wer, und wo sitzt er? Dann fragten wir uns, welche Themen für unser Forschungsinteresse, das allgemein erst einmal »Holocaust« lautete, interessant sein könnten. Eine Serie mit dem Namen »Hilfskommission« erregte unser Interesse.

Was war das für eine »Hilfskommission«?
Während des Zweiten Weltkrieges gibt es immer mehr Menschen, die sich hilfesuchend an den Vatikan wenden, beispielsweise mit Fragen nach vermissten Menschen. Das sind Anfragen aus allen möglichen Ländern. 95 Prozent sind allgemeine Bitten um Hilfen, während des Krieges, also keine Anfragen von jüdischen Menschen. Für die Bearbeitung dieser Bitten wird die sogenannte »Commissione Soccorsi« in der Zweiten Sektion des Staatssekretariats unter Giovanni Battista Montini, dem späteren Papst Paul VI., gebildet. Mario Brini wird Sekretär dieser für die Hilfsgesuche zuständigen Kommission. Dort kommen abertausende Bittschreiben an. Und innerhalb dieser Serie wurde eine separate Ablage gebildet mit dem Titel »Razza« (deutsch: Rasse). Wie von uns vermutet, verbargen sich dort Briefe von Juden. In dieser Serie sind etwa 1.000 Fälle abgelegt.

Bislang sind fast 10.000 solcher Schreiben aufgetaucht. Wie haben Sie die anderen entdeckt?
In der Ablage der Nuntiatur Schweiz fanden sich über weitere 300 Bittschreiben. Da wurde uns klar, dass die Nuntiaturen bei dem Thema auch eine zentrale Rolle spielten. Wir checkten die der anderen Länder - und wurden fündig.

Sie erzählten bereits, dass Sie mit dem Fund dieser Schreiben nicht gerechnet hatten. Wie lautete die ursprüngliche Fragestellung?
Wir haben uns zehn Jahre auf die Forschung vor Ort in den Archiven Pius’ XII. vorbereitet. Ein Großteil der bisherigen Forschung hatte sich auf den Teil des Pontifikats von 1939 bis 1945 und die Rolle des Papstes während des Holocaust konzentriert. Aber Pius XII. war auch danach noch Papst, bis 1958. Auf die wenig erforschte Zeit nach dem Krieg wollten wir uns eigentlich fokussieren, also vor allem auch auf die Rattenlinie. Da stellen sich auch viele Fragen: Wie viel weiß der Papst davon? Es schwebte auch noch immer die Frage im Raum, wie sich Pius XII. zum Holocaust verhalten hat.

Pius XII. wird vorgeworfen, sich nicht öffentlich zur Vernichtung der Juden durch die Nazis verhalten zu haben. Aber ist die Frage, ob der Papst geschwiegen hat, überhaupt die richtige? Er ist schließlich abhängig davon, was an ihn weitergeleitet wird und was nicht. Müsste man nicht eher fragen: Wie strukturell hat die Kirche den Holocaust verschwiegen?
Ja, die Frage nur nach dem Papst ist etwas naiv. Es ist völlig klar, dass in einer so großen Organisation wie der katholischen Kirche das Oberhaupt maßgeblich von seinen Mitarbeitern abhängt. Mit dem Archiv Pius’ XII. ist es nun auch eine der wichtigsten Aufgaben und auch eine Chance, genau diese innervatikanischen Entscheidungsfindungen zu rekonstruieren. Das interessiert uns auch bei den Bittschreiben: Welche werden dem Papst vorgelegt und welche nicht?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn ein Mitarbeiter auf einem Schreiben
notiert: »N. d. f.«, also »niente da fare« (deutsch: Nichts zu machen), dann ist der ganze Fall mit diesen drei Buchstaben zu Ende. Wir schätzen, dass Pius XII. 1.000 Bittschreiben persönlich gesehen hat. Das heißt in der Umkehr, dass 90 Prozent der Fälle von Ebenen weiter unten entschieden wurden. Das ist eine weitere spannende Frage, die es noch zu klären gilt: Welche Briefe sieht der Papst? Ist die Auswahl Zufall, oder steckt dahinter ein System?

Was hat es in Ihnen ausgelöst, als Sie das erste Bittschreiben in den Händen hielten?
Man liest einen solchen Brief, spürt das Schicksal, das dahinter steht, und ist tief betroffen. Du liest und merkst: Das ist nicht nur ein Blatt Papier, das ist das Zeugnis von einem Menschen in allerhöchster Not. Und die Recherche, was aus diesem Menschen wurde, ergibt dann ein Ergebnis: Tod in Auschwitz oder einem anderen Vernichtungslager. Trotz aller Emotionen muss der Wissenschaftler dann einen Schritt zurücktreten und alle Regeln historischer Kunst anwenden, um mit diesem Dokument so präzise umzugehen, wie es verlangt wird.
Wir müssen alle anderen Dokumente, die dieses eine Schreiben ausgelöst hat, finden. Wir müssen außerhalb des Archivs Recherchen anstellen. Wir müssen die betroffenen Personen genau identifizieren. Wir dürfen uns nicht in die Irre führen lassen. Das heißt, die ganze Erfahrung von 40 Jahren im Vatikanischen Archiv hilft in so einem Moment, die wissenschaftliche Distanz und die präzise Methodik einzuhalten.

Mit dem Münsteraner Kirchenhistoriker sprach Almut Siefert.

Das Buch erscheint am 21. August:
Hubert Wolf: »Die geheimen Archive des Vatikan und was sie über die
Kirche verraten«. C.H. Beck, München 2024, 240 S., 26 €

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