Israel

»Wir bluten, aber wir singen«

David Broza, wie geht es Ihnen 13 Monate nach dem 7. Oktober?
Als Israel gegründet wurde, war es, als wäre da plötzlich ein Hafen, wo Juden aussteigen können nach ihrer Wanderschaft, wo sie einen Baum pflanzen, ihn wachsen sehen und ihr Leben leben können. Aber das Schicksal ist immer größer als unsere Pläne. Kein Hafen scheint der letzte zu sein.

Was wollen Sie damit sagen?
Dass es immer Phasen und Momente geben wird, wo wir durchmüssen. Und das meine ich optimistisch. Denn die Juden haben immer etwas aufgebaut, nie zerstört, und so ein unglaublich starkes Fundament geschaffen.

Aber was heißt das, kein Hafen ist der letzte?
Dass kein Hafen sicher genug ist, und dass wir ihn sicher machen müssen.

Und wie macht man das?
Indem wir einen Weg finden, in Frieden zu leben. Und Frieden heißt nicht, dass du deinen Nachbarn lieben musst. Frieden heißt Einverständnis und Respekt.

Sie glauben weiterhin daran, dass das möglich ist?
Natürlich!

Wie geht es Israel?
Sehr schlecht. Aber es passieren auch großartige Dinge. Ich will Ihnen als Folksinger antworten: Es gibt weder historisch noch geografisch einen anderen Ort, der so eine schreckliche Realität wie den 7. Oktober erfahren musste, die immer noch anhält, und doch vergeht kein Tag, an dem die Menschen nicht zusammenkommen und gemeinsam singen. Wir bluten, aber wir singen! Die ganze Zeit.

Wow.
Als ich das begriffen habe, dachte ich, mit diesen Menschen möchte ich leben. Denn wo Musik ist, ist Harmonie, und wo Harmonie herrscht, gibt es kein Leid. Harmonie hält die Positivität im Leben zusammen, die Endorphine, das Adrenalin. Wenn Menschen singen, suchen sie nach Harmonie. Daran glaube ich! Geist, Seele und Körper reagieren darauf. Es hilft den Menschen durch die nächste Notlage.

Von Harmonie sind wir aber gerade weit entfernt.
Also müssen wir einen Plan machen. Der kann nicht sein, den Feind zu zerstören. Denn dann kommt der nächste. Schließe Frieden mit dem Feind, den du kennst, nicht mit dem, den du nicht kennst. Frieden heißt, dass wir einander ansehen können, ohne dem anderen den Tod zu wünschen.

Aber wie soll das in einer Zeit funktionieren, da Schmerz und Hass so groß sind?
Es braucht Zeit. Wenn wir nicht die Geduld aufbringen zu heilen und uns immer wieder zurückwerfen lassen, wird der Heilungsprozess mehrere Generationen dauern. Man kann es nicht forcieren. Es ist eine Evolution.

Sie sind in Israel so etwas wie eine Hoffnungsmaschine. Mit dem Song »Yihije tov« haben Sie die Hymne der Friedensbewegung komponiert, die Sie bis heute fast täglich singen. Wie kam es dazu?
Ich hatte gute Lehrer. Mein Großvater wollte in den letzten Jahren seines Lebens ein Friedensprogramm auf die Beine stellen, um einen Lehrplan für die Lösung von Konflikten zu schaffen. Israel war das Laboratorium. Ich habe das beobachtet, da war ich 15, 16 Jahre alt. Als ich mit 19 in der Armee war, habe ich mich viel mit ihm unterhalten und daraufhin beschlossen, helfen zu wollen. Und dann habe ich meinen guten Freund Yonatan Geffen getroffen, der den Text für »Yihije Tov« geschrieben hat, und ich die Musik. Es war mein erster Song, und er wurde ein Leuchtfeuer, das mich Teil der neuen Bewegung Peace Now werden ließ, als Menachem Begin den Frieden mit Ägypten aushandelte. Ich habe den Song bei jeder Kundgebung und jedem Protest dieser großartigen Bewegung gesungen. Da war ich 21.

Es ist der Song einer Ära. Braucht es fast 50 Jahre später vielleicht einen neuen?
Jedes Neugeborene verlangt nach der Milch seiner Mutter. Muss die besser werden, als sie es vor 100 Jahren war? Dieser Song wird immer funktionieren. Yonatan (Geffen) und mir wurde dieser Moment gegeben, und jetzt muss ich liefern und dieses Versprechen einlösen.

Und ihn für immer zusammen mit Israelis singen.
Genau, aber ich habe noch mehr für sie im Repertoire.

Mit dem israelischen Singer/Songwriter sprach Sophie Albers Ben Chamo.

Jerusalem

Charedim legen mit Massenprotest Verkehr lahm

In mehreren Teilen Israels protestierten sie gegen die Festnahme von Wehrdienstverweigerern

 02.06.2026

Jerusalem

Kritik an Netanjahu wegen Verzicht auf Angriff gegen Hisbollah in Beirut

Der ehemalige Ministerpräsident Naftali Bennett sagt, die Regierung habe »die Kontrolle über die israelische Souveränität verloren«

 02.06.2026

Spione

Israels geheime Armee im Iran

Jahrelang lebten sie unauffällig als Zivilisten in der Islamischen Republik – dabei waren sie in Israel ausgebildete Agenten des Mossad

von Sabine Brandes  01.06.2026

Interview

»Die jüdische Perspektive nach Deutschland bringen«

Der Yad-Vashem-Vorsitzende Dani Dayan über die erste Außenstelle der Gedenkstätte, die Zukunft der Holocaust-Erinnerung und den Kampf gegen Geschichtsverfälschung

von Sabine Brandes  01.06.2026

Internationaler Gerichtshof

Wie Südafrika seine Genozid-Klage gegen Israel in die Länge zieht

Das Haager Weltgericht hat Pretoria eine Frist von 18 Monaten gewährt, um erneut seine Argumente für einen angeblichen Völkermord Israels in Gaza vorzubringen. Israel sieht die Klage hingegen als gescheitert an

von Michael Thaidigsmann  01.06.2026

Tel Aviv

Bericht warnt vor möglichem Einfluss Ben Gvirs auf Polizeiarbeit im Wahlkampf

Die Autoren fordern darin klare Vorgaben, die die Handlungsspielräume der Polizei im Wahlkampf deutlich einschränken

 01.06.2026

Gesundheit

Sprunghafter Anstieg: Immer mehr Israelis rauchen

Viele Konsumenten greifen offenbar verstärkt zur Zigarette, um mit der durch den Krieg verursachten psychischen Belastung umzugehen

 01.06.2026

Westjordanland

Terroranschlag an Bushaltestelle: Zwei Jugendliche verletzt

Nach Angaben der Armee steuert ein Palästinenser sein Fahrzeug in eine Bushaltestelle. Eine 17-Jährige wird schwer verletzt, eine 15-Jährige mittelschwer

 01.06.2026

Kulinarisch

Ein Michelin-Stern für die Safta

Tränen, Konfetti und ein Stück Geschichte: Das Restaurant »Mutra« des Israelis Raz Shabtai erhält als erstes koscheres Lokal weltweit die legendäre Auszeichnung

von Sabine Brandes  31.05.2026