Ernährung

Vom Fleisch gefallen

Gemüse hält gesund Foto: Thinkstock

Bescheidenheit sieht anders aus. »Israel ist die Speerspitze der veganen Revolution auf der Welt«, verkündet Omri Paz, Jurastudent an der Hebräischen Universität Jerusalem und Gründer der Initiative »Vegan Friendly«. »Wir sind ein junges Land. Die Menschen hier kommen aus den unterschiedlichsten Kulturen und stehen allem Neuen deshalb sehr aufgeschlossen gegenüber«, ergänzt Ori Schavit. »Kein Wunder also, dass die Idee von einem Leben ohne tierische Produkte in Israel sehr schnell an Popularität gewonnen hat«, so die Autorin des beliebten Kochbuch- und Magazinformats »Al Haschulchan« (Auf den Tisch).

In der Tat scheint in Tel Aviv und anderswo im jüdischen Staat die vegane Lebensweise längst die esoterische Nische verlassen zu haben und Teil des kulinarischen Mainstreams geworden zu sein. Wer weder Fleisch noch Milch oder Käse auf dem Teller haben will, muss nicht lange suchen. Es gibt zwar nach wie vor die typisch alternativen Restaurants wie »Buddha-Burger« oder veganes Schawarma, aber selbst die omnipräsenten Kaffeehausketten wie Aroma mit seinen 130 Filialen im Land haben mittlerweile vegane Omeletts auf Kichererbsen- und Tofubasis im Angebot.

Vernetzung Selbstverständlich haben findige Israelis längst eine Smartphone-App entwickelt, die anzeigt, wo das nächste vegane Restaurant zu finden ist. »Damit ist bewiesen, dass vegane Ernährung keinesfalls nur eine Modeerscheinung für wohlhabende Tel Aviver ist«, glaubt Schavit. Und Aktivist Paz gelang sogar jüngst der Coup, die Pizzakette Domino’s davon zu überzeugen, eine Pizza ohne Fleisch und mit Sojakäse auf die Speisekarte zu setzen. »Wir bemühen uns, die positive Seite des Veganismus zu zeigen, und kommen nicht mit dem moralischen Zeigefinger daher«, erklärt Paz. »Heute ist Israel vielleicht das Land auf der Welt, wo es am einfachsten ist, vegan zu leben.« Vielleicht auch deshalb, weil zahlreiche Klassiker der israelischen Küche wie Hummus, Tehina oder Falafel sowieso keine tierischen Produkte enthalten.

Nun haben sich Israels Veganer Anfang März in Tel Aviv zu ihrem ersten Kongress getroffen. Ziel war es, alle Organisationen und Gruppen, die sich einer veganen Lebensweise verschrieben haben, zusammenzubringen und besser zu vernetzen. Darüber hinaus wollte man ordentlich Werbung in eigener Sache machen. »Auch wer sich einfach nur über unsere Ideen von einer anderen Ernährungsweise informieren will, ist selbstverständlich herzlich willkommen«, sagte Paz. »Wenn die Resonanz auf unseren Kongress positiv ausfällt, planen wir für die Zukunft jährliche Treffen.«

Festival Doch das allein genügt den Aktivisten nicht. Sie wollen landesweit Flagge zeigen, um zu beweisen, wie es sich ohne Fleisch und sonstige tierische Produkte richtig gut leben lässt. Ein von »Vegan Friendly« gesponsertes »Veganmobile« wird deshalb in den kommenden Wochen von Kirjat Schmona im äußersten Norden des Landes bis hinunter nach Eilat reisen. Überall, wo halt gemacht wird, sollen Videos über Veganismus und gesunde Lebensweise gezeigt sowie Aufklärungsarbeit geleistet werden.

»Geplant sind ebenfalls ein veganes Grillfest zu Jom Haatzmaut, eine vegane Schawuot-Feier sowie unser zweites jährliches Vegan-Festival«, berichtet Paz. »Zu unserem ersten vor vier Monaten sind fast 10.000 Menschen gekommen.«

Die Zahl der israelischen Veganer hat sich in den vergangenen zwei Jahren auf rund 200.000 glatt verdoppelt. Zum Vergleich: In Deutschland sind es schätzungsweise 700.000. Allein eine Million Vegetarier sollen in Israel leben, und das in einem Land, in dem das »Mangal« – die nahöstliche Bezeichnung für Barbecue – so etwas wie der nationale Sport ist und bei jeder sich bietenden Gelegenheit Unmengen von Steaks, Kebabs oder Schaschliks auf dem Grill landen.

überzeugungsarbeit Aber wie die israelische Wirtschaftszeitung »The Marker« kürzlich berichtete, geht auch im jüdischen Staat der Trend hin zu einer gesünderen Ernährung. Zudem wurde das Vertrauen vieler Verbraucher durch zahlreiche Skandale in der Lebensmittelindustrie und Berichte über die Missstände in der Massentierhaltung in jüngster Zeit stark erschüttert. »Mich haben die Videos von Gary Yourofsky vor zwei Jahren davon überzeugt, keine tierischen Produkte mehr zu konsumieren«, sagt der 31-jährige Paz über seine persönliche Motivation. »Daraufhin sorgte ich für eine hebräische Übersetzung seiner Filme und fing an, in der Gastronomie Überzeugungsarbeit dafür zu leisten, endlich vegane Angebote einzuführen.«

Dabei eignet sich ausgerechnet der radikale amerikanische Tierrechtler Yourofsky in Israel schwerlich als positive Werbefigur für ein besseres Leben ohne Fleisch und Milch. Denn mit seinen ständigen Vergleichen zwischen dem Holocaust und dem Konsum von Tieren schreckte er dort nicht wenige Menschen ab. Und noch vor wenigen Monaten verschaffte Yourofsky den israelischen Fernsehzuschauern einige unvergessliche Minuten, als er gegenüber dem Maariv- Journalisten Arel Segal handgreiflich wurde und ausrastete, weil dieser eine Jacke aus Leder trug.

Westjordanland

Schin-Bet-Chef streitet mit Rechtsradikalen

David Zini fordert von Ministerin Orit Strock eine klare Verurteilung jüdischer Siedlergewalt – und droht mit der Rückkehr zur Verwaltungshaft

von Sabine Brandes  06.10.2026

Jahrestag

Israel warnt vor Angriffen auf Juden am 7. Oktober

Am 7. Oktober jährt sich das Massaker von Hamas-Terroristen in Israel. Bei dem Überfall 2023 wurden rund 1.200 Menschen getötet. Israel warnt nun Israelis im Ausland und Juden weltweit vor Angriffen

 06.10.2026

Gedenken

»Berlin steht fest an Israels Seite«

Regierender Bürgermeister Kai Wegner besucht zum Jahrestag des 7. Oktobers den Geiselplatz in Tel Aviv und erhält die Medaille der Stadt

von Sabine Brandes  06.10.2026

Grausamer Plan

Der Professor, der Massenmörder werden wollte

Der Akademiker plante, Hunderte Araber zu töten und viele Unterstützer zu gewinnen. Die Bar-Ilan-Universität zeigt sich »zutiefst entsetzt«

von Sabine Brandes  06.10.2026

Gaza

Hamas: Sinwars »rechte Hand« überlebt israelischen Angriff

Bei einem israelischen Luftangriff in dem Palästinensergebiet sollen am Wochenende mehrere Menschen getötet worden sein. Israel zielte auf den ranghöchsten Hamas-Führer in dem Küstenstreifen ab – doch der hat wohl überlebt

 06.10.2026

Be’eri

»Ich musste ihre Geschichte erzählen«

Dafna Gerstner hat die Hamas-Massaker überlebt und wagt einen vorsichtigen Blick in die Zukunft

von Geneviève Hesse  06.10.2026

Geiseln

Überlebt

505 Tage war Omer Shem Tov in der Gewalt der Hamas in Gaza. Seine Schilderungen zeigen, wie leicht es sich all jene machen, die bei der Bewertung des Krieges die perfide Taktik der Terroristen ausblenden

von Sabine Brandes  06.10.2026

Interview

»Wir haben Angst, dass Shani und Carolin vergessen werden«

Sonja Bohl-Dencker und Ricarda Louk leben seit dem 7. Oktober mit einer unvorstellbaren Wunde – dem Tod ihrer Töchter, die von Hamas-Terroristen ermordet wurden

von Sophie Albers Ben Chamo  06.10.2026

7. Oktober

»Ich hatte keine Ahnung, wie sehr wir gehasst wurden«

Unsere Autorin ist an der Grenze zu Gaza aufgewachsen und lebt heute in Berlin. Hier beschreibt sie, wie das Hamas-Massaker ihr Leben verändert hat – und was es mit ihr macht, dass sie und ihr Land plötzlich weltweit als genozidal verleumdet werden

von Adi Kaslasy-Way  06.10.2026