Kriminalität

Vier Tote in 24 Stunden

Mordversuch mit einer Autobombe in Jaffa Ende Juni. Foto: Flash90

In nur 24 Stunden starben vier weitere Menschen durch Gewalt. Die Serie der tödlichen Kriminalität in der arabischen Gemeinde Israels eskaliert immer weiter. Die Zahl der in dieser Woche Getöteten stieg damit auf neun. Unter den jüngsten Opfern befinden sich ein 18-jähriger Junge aus Haifa und ein 30-Jähriger aus der nordisraelischen Stadt Reineh. Beide wurden bei kriminellen Vorfällen erschossen, die laut Polizei keinen Bezug zum Terrorismus hatten.

Kurz nach Mitternacht am Donnerstag wurde der 18-jährige christliche Araber Jonathan Houri in Haifa erschossen. Zwei weitere Männer wurden dabei schwer und ein weiterer leicht verletzt. Stunden zuvor waren landesweit drei weitere Menschen getötet worden: ein Mann in Shfaram, ein weiterer in Haifa und Rabbi Amos Guetta in Netanja, der mutmaßlich von einem seiner Schüler ermordet wurde. Die Polizei hat bisher nur im Fall der Messerattacke in Netanja einen Verdächtigen festgenommen.

Die jüngsten Tötungen führen zu einer Eskalation, die sich in den letzten Jahren stetig verschärft hat. Laut der Abraham Initiative, die Gewaltverbrechen in der arabischen Gesellschaft dokumentiert, wurden im Jahr 2026 bisher 149 Mitglieder der arabischen Gemeinschaft getötet – mehr als im Vorjahr. Im gleichen Zeitraum des Jahres 2025 wurden zwar weniger Menschen ermordet, dennoch war das vergangene Jahr mit 252 Opfern das tödlichste seit Beginn der Aufzeichnungen.

Rachefeldzügen zwischen kriminellen Organisationen und Familien

Viele der jüngsten Morde stehen vermutlich im Zusammenhang mit anhaltenden Fehden und Rachefeldzügen zwischen kriminellen Organisationen und Familien. Unter den Opfern vom Mittwoch war Ali Suwaed, ein 24-jähriger Busfahrer aus Shfaram, der Berichten zufolge in einem langjährigen Streit zwischen zwei Familien aus der Region geraten war. Ein weiteres Opfer, der 21-jährige Kamel Abu Kalib, wurde mutmaßlich als Vergeltung für einen Autobombenanschlag am Vortag ermordet, bei dem ein hochrangiges Mitglied der kriminellen Hariri-Familie ums Leben kam.

Doch neben der steigenden Mordrate ist eine Statistik zum deutlichsten Symbol für die Schwierigkeiten des Staates im Kampf gegen die Gewalt geworden: Laut der Abraham Initiative wurden in diesem Jahr nur zwölf Prozent der Tötungsdelikte in arabischen Gemeinden aufgeklärt. Mit anderen Worten: Fast neun von zehn Tätern sind weiterhin auf freiem Fuß. Die Organisation warnt: »Nach dem starken Anstieg der Opferzahlen im Jahr 2025 wütet die Kriminalität auch 2026 weiter.«

Tel Aviver Polizeichef Haim Sargaroff: »Ich sage nicht, dass die Verantwortung nicht bei der Polizei liegt, aber wenn wir nicht zusammenarbeiten, werden wir nicht gewinnen.«

Die geringe Anzahl an Festnahmen und Verurteilungen heizt die Frustration unter den Gemeindevorstehern der arabischen Gemeinschaften weiter an. Sie argumentieren, dass die Strafverfolgungsbehörden ihre Gemeinden nicht ausreichend schützen. Die Mordrate in der arabischen Welt verdoppelte sich 2023 und erreichte dann in 2025 einen absoluten Höchststand.

Dieser Anstieg fiel mit der Amtszeit von Itamar Ben-Gvir, dem rechtsradikalen Minister für Nationale Sicherheit, zusammen, dessen Ministerium die israelische Polizei beaufsichtigt. Kritiker werfen der Polizei wiederholt Ineffektivität und in manchen Fällen sogar eklatante Fahrlässigkeit im Kampf gegen die organisierte Kriminalität in arabischen Städten vor.

Die Polizei weist diese Vorwürfe zurück und betont, sie arbeite mit begrenzten Ressourcen gegen immer raffiniertere kriminelle Netzwerke. Höhere Polizeibeamte argumentieren wiederholt, dass Staatsanwaltschaft, Gerichte und unzureichende Ermittlungstechnologie allesamt zu der niedrigen Verurteilungsrate beitragen.

Anfang dieser Woche bezeichnete auch der Polizeichef des Bezirks Tel Aviv, Haim Sargaroff, die Situation als nationale Krise. »Wir befinden uns in einem nationalen Notstand. Wir müssen hierbei unbedingt zusammenarbeiten«, sagte Sargaroff in einem Interview im öffentlich-rechtlichen Radio Kan. »Ich sage nicht, dass die Verantwortung nicht bei der Polizei liegt, aber wenn wir nicht zusammenarbeiten, werden wir nicht gewinnen.« Er warnt außerdem davor, dass immer mehr Menschen Opfer werden, die nur indirekt mit kriminellen Auseinandersetzungen in Verbindung stehen.

Immer mehr Unschuldige geraten in die Schusslinien

»Die Konfliktparteien treffen immer mehr Vorsichtsmaßnahmen«, weiß er. Deshalb würde sich die Attentäter Menschen aus dem weiteren Umfeld aus, die zur selben Familie oder zum größeren Bekanntenkreis gehören», sagte Sargaroff. Denn die Personen, die eigentlich ins Visier hätten genommen werden sollen, sind zum Teil nicht oder nur schwer erreichbar. Und so würden immer mehr völlig unbeteiligte und unschuldige Personen in die Schusslinie geraten und Opfer werden.

Auch die geografische Ausbreitung der Gewalt verdeutlicht, wie tief das Problem verwurzelt ist: Fast 40 Prozent aller Tötungsdelikte ereigneten sich in diesem Jahr in Nordisrael. Darüber hinaus verzeichnete die Stadt Lod südlich von Tel Aviv mit neun Opfern die höchste Zahl an Morden, während in Nazareth, Umm al-Fahm, Ramle und der Beduinenstadt Rahat seit Jahresbeginn jeweils acht Tötungsdelikte verübt wurden.

Da die Zahl der Todesopfer fast wöchentlich weiter steigt, ist die Aufklärungsquote von 12 Prozent mehr als nur eine Statistik. Für viele Familien steht diese für ein Justizsystem, das nicht in der Lage ist, Täter zur Rechenschaft zu ziehen, wodurch Racheprozesse und organisierte Kriminalität weitgehend ungehindert weiterbestehen können.

Mittlerweile haben sich zivilgesellschaftliche arabische sowie arabisch-jüdische Initiativen gegründet, die gegen die Gewalt auf die Straße gehen. Ihr Symbol ist eine blutrote Hand, eins der bekanntesten Symbole gegen Gewalt. Viele Mitglieder sind Angehörige von Getöteten, die immer wieder hervorheben: «Das Blut unserer Kinder ist nicht billig!»

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