Jerusalem

Übersteht die Koalition den Deal?

Erwartet vom Premier Zugeständnisse: Finanzminister Smotrich. Foto: Flash90

Die Koalition in Jerusalem wackelt wegen des Geisel-Deals. Finanzminister Bezalel Smotrich von der ultranationalen Partei Religiöser Zionismus droht mit Austritt aus der Regierung, wenn das Abkommen für einen Waffenstillstand in Gaza und die Befreiung der von der Hamas verschleppten Menschen in all seinen Phasen umgesetzt wird.

Er werde dem Deal nur zustimmen, wenn ihm zugesichert wird, dass die Armee ihre Militäroperationen in Gaza nach der ersten Phase wieder aufnehmen werde, teilte die Partei am Donnerstag in Jerusalem mit. »Neben dem Verlangen nach der Rückkehr aller unserer Geiseln lehnt die Religiös-Zionistische Partei ein Abkommen entschieden ab.« Man stehe hinter der Forderung, Israels Rückkehr in den Krieg zur Vernichtung der Hamas und zur Rückgabe aller Geiseln sicherzustellen.

Smotrich hat von Premierminister Benjamin Netanjahu schriftliche Zusicherungen verlangt, dass Israel seine Militäroperationen in Gaza nach der ersten Phase des Abkommens wieder aufnehmen werde, die die Freilassung von 33 Geiseln innerhalb von 42 Tagen vorsieht.

Smotrich: Deal mache Errungenschaften des Krieges zunichte

Smotrich hat sich in der Vergangenheit mehrfach öffentlich gegen die Vereinbarung ausgesprochen und es als »schlechtes und gefährliches Abkommen für die nationale Sicherheit Israels« bezeichnet. Nach einem Treffen mit Netanjahu sagte er: »Obwohl die Freude und Aufregung über die Rückkehr aller Geiseln groß ist, macht dieser Deal viele Errungenschaften des Krieges zunichte, in dem die Helden dieser Nation ihr Leben riskierten, und er wird uns tragischerweise noch mehr Blut kosten.«

Die Erklärung deutete darauf hin, dass Smotrich die Zusicherungen, die er bei der Zusammenkunft am Mittwoch verlangt hatte, nicht erhalten hat. Anschließend erklärte Zvi Sukkot, Abgeordneter der Partei, in einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Sender Kan, »die Chancen sind groß«, dass die Partei die Regierung verlassen würde.

Würden beide Parteien die Regierung verlassen, gebe es keine Mehrheit mehr für den von Netanjahu angeführten rechts-religiösen Block.

Auch die andere rechtsextreme Partei in der Koalition, Otzma Jehudit, hatte den Deal für »schrecklich« erklärt. Allerdings hat der Vorsitzende, der nationale Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, wegen des momentan diskutierten Deals bislang nicht mit dem Ausbruch aus der Koalition gedroht. Er brüstete sich jedoch damit, durch Druck auf Premierminister Benjamin Netanjahu frühere Deals verhindert zu haben. Netanjahu indes hatte stets behauptet, Rückzieher hätten an der Hamas gelegen, die die Verhandlungen torpediert hätten.

Netanjahu strebt Berichten zufolge die breitest mögliche Unterstützung für das Abkommen an. Kan berichtete, dass Netanjahu Smotrich und Ben-Gvir »Gewinne für die Rechte« angeboten habe, wenn sie in der Regierung blieben und trotzdem unterzeichneten. Die sogenannten »Gewinne« seien Siedlungsbau im Westjordanland und erhöhte Sicherheit für jüdische Siedlungen auf palästinensischem Gebiet, hieß es weiter.

Die Parteien von Smotrich und Ben-Gvir verfügen zusammen über 13 Sitze in der Knesset. Die Regierungskoalition in der 120 Sitze zählenden Knesset verfügt derzeit über 68 Sitze. Ein Austritt von einer der beiden Parteien würde nicht ausreichen, um die Regierung zu Fall zu bringen, würden jedoch beide zusammen gehen, gebe es keine Mehrheit mehr für den von Netanjahu angeführten rechts-religiösen Block.

Zwar wäre die Koalition dann nicht mehr regierungsfähig, den Geisel-Deal könnte sie aber dennoch in der Knesset durchbringen. Denn die Mehrheit der Abgeordneten, die dafür benötigt wird, könnte mithilfe der Oppositionsparteien erreicht werden.  

Ultraorthodoxe Parteien unterstützen Deal

Sowohl Oppositionsführer Yair Lapid mit seiner Partei Jesch Atid als auch Benny Gantz vom Bündnis Nationale Einheit wiederholten am Donnerstag ihre früheren Versprechen, Netanjahu ein »politisches Sicherheitsnetz« zu bieten, damit das Abkommen in jedem Fall zustande kommt. »Bis zum letzten Moment, bis zur letzten Geisel«, schrieb Lapid auf X.

Die ultraorthodoxen Parteien Vereintes Tora-Judentum und Schas erklärten beide, dass sie das Abkommen unterstützen werden, denn »der Schutz des Lebens kommt vor der Tora«, wie Hausbauminister Yitzhak Goldknopf hervorhob.

Sogar beim Abgang vom Religiösen Zionismus und Otzma Yehudit bliebe das Abkommen bestehen und könnte während des gesetzlichen dreimonatigen Wahlkampfs umgesetzt werden.

Auch im nationalen Sicherheitskabinett haben die beiden Hardliner nicht das letzte Wort. Hier muss die Vereinbarung ebenfalls bestätigt werden. Doch sogar Nein-Stimmen von beiden würde nicht ausreichen, um den Deal zu verhindern. Ben-Gvir und Smotrich sind die einzigen stimmberechtigten Vertreter ihrer Parteien im nationalen Sicherheitskabinett, das aus elf Ministern besteht. Und auch hier reicht die einfache Mehrheit aus, um das Abkommen zwischen Israel und der Hamas zu bestätigen.

Nachrichten

Lied, Entschuldigung, Ersparnisse

Meldungen aus Israel

von Sabine Brandes  04.03.2026

Reportage

19-mal Alarm am Schabbat

Wenn sich iranische Raketen nähern und die Sirenen schrillen, rennen die Menschen um ihr Leben. Israels Bevölkerung im Alltag eines neuen Krieges

von Sabine Brandes  04.03.2026

Gespräch

»Wir können damit umgehen«

Brigadegeneral Ilan Biton, ehemaliger Chef der israelischen Luftabwehr, über die iranischen Angriffe, Drohnen der Hisbollah und die Effektivität der israelischen Verteidigung

von Detlef David Kauschke  04.03.2026

Lod

Israelischer Luftraum und Ben-Gurion-Flughafen werden für Rückholaktion geöffnet

Reguläre Flüge von und nach Israel starten zunächst bis Donnerstagfrüh nicht. Gestrandete Passagiere nach Hause zu fliegen, hat Vorrang

 04.03.2026

Israel

Masal tow im Bunker

Ein israelisches Brautpaar aus Tel Aviv heiratete im unterirdischen Bunker, während oben die Sirenen heulten

von Nicole Dreyfus  04.03.2026

Iran

Anatomie eines Konflikts

Der gemeinsame Krieg Israels und der USA gegen das Mullah-Regime ist eine historische Zäsur in Nahost

von Sabine Brandes  04.03.2026

Interview

»Es ist ein gerechter Krieg«

Oppositionsführer Yair Lapid unterstützt die Präventivschläge Israels und der USA gegen den Iran

von Sabine Brandes  04.03.2026

Nahost

Israel startet Angriffswelle im Iran - Raketen auf Tel Aviv

Die israelischen Streitkräfte (IDF) greifen erneut Ziele in Teheran an. Im Visier: Ziele der iranischen Führung

 04.03.2026

Jerusalem

Schriftrollen im Schutzraum

Wertvolle Kunstschätze des Israel Museums sind vor Raketenangriffen in Sicherheit gebracht worden

von Detlef David Kauschke  04.03.2026