Mobilfunk

Tücken des Technik

»Vorübergehend nicht erreichbar«: Über drei Millionen Cellcom-Nutzer hatten keinen Empfang. Foto: Flash 90

Eine schwere Panne im Handynetz hat am Mittwoch vergangener Woche über drei Millionen Kunden des israelischen Mobilfunk-Betreibers Cellcom von der Welt abgeschnitten. Inzwischen funktioniert das System wieder, doch noch ist unklar, was zum Zusammenbruch des elektronischen »Gehirns« geführt hat. Es könnte ein Virus sein oder ein Fehler in dem von Nokia eingerichteten Computersystem.

Das Verschicken von SMS Kurznachrichten funktionierte zunächst noch, dieser Service brach dann aber wegen Überlas-tung ebenfalls zusammen. Der Generaldirektor von Cellcom, Amos Schapira, konnte zunächst nur um Entschuldigung bitten, ohne eine Erklärung für die Panne zu haben. Am Tag danach flogen Techniker von Nokia nach Israel, um den Grund für die Kettenreaktion zu prüfen.

Unterdessen klagt ein altes Ehepaar auf Schadensersatz. fordert 70 Euro als »faire« Entschädigung. »Falls alle Kunden mit dieser Summe entschädigt werden sollten, würde eine Milliardensumme herauskommen«, sagte ihr Anwalt im Rundfunk.

Kommunikationszentrale Wie der Zufall es wollte, hat genau an jenem Tag, als ein Drittel aller Handys in Israel ausfällt, der Militärsprecher die Auslandspresse zu einem Besuch bei der Kommunikationszentrale der israelischen Armee eingeladen. »Wir öffnen uns der Welt und haben keine Geheimnisse«, erklärt Oberstleutant Avital Leibowitz.

C4I (Kommando, Kontrolle, Kommunikation, Computer) nennt sich jene Einheit im Zrifin-Militärstützpunkt nahe Tel Aviv, wo sämtliche elektronischen Kommunikationswege der Armee entwickelt und verwaltet werden.

Die Luftwaffe, Marine und Infanterie »sprechen unterschiedliche Sprachen« erklären hohe Offiziere bei der Präsentation. Um miteinander kommunizieren zu können und dem Oberkommando einheitliche Berichte über die Vorgänge auf dem Schlachtfeld übermitteln zu können, müssten diese Sprachen übersetzt und vereinheitlicht werden. »Es ist eine kulturelle Herausforderung, alle Systeme miteinander zu verknüpfen«, heißt es.

Ausbildung Diese Aufgaben erfordern kluge Köpfe. Ein junger Offizier namens Steve erzählt, dass die Armee in Schulen mit technischer Ausrichtung 16-jährige Schüler mit allgemeiner Ausbildung in elektronischen Fächern auf ihren Dienst in der C4I-Einheit vorbreitet. Die Soldaten müssen sich zu fünf Jahren Militärdienst verpflichten. Danach können sie aber sicher sein, einen hoch dotierten Job in Israels Hightech-Industrie zu erhalten, zumal die Firmen besonders begabte Soldaten ins Visier nehmen.

Neben dem Vortragssaal sind zwei Lastwagen und ein Hummer-Jeep mit Satellitenschüsseln und Antennen aufgestellt. Nur zwei Mann bedienen die fahrbare Einheit. Sie können im Krieg ausgefallene stationäre Schüsseln ersetzen und die Kommunikation innerhalb des Militärs und zur Zivilbevölkerung aufrechterhalten.

Vor dem mit Elektronik vollgestopften Hummer mit der Satellitenschüssel auf dem Dach sagt Steve: »Alles entspricht israelischen Bedürfnissen. Jeder von uns muss alle Systeme bedienen können, während in anderen Armeen sechs Techniker mit sechs Fahrzeugen die gleiche Arbeit verrichten.« Sein Befehlshaber Kobi Menasche redet von einer Mentalitätsfrage. Weil jeder Soldat Data-, Video- und Audio-Kommunikation beherrsche, könne Israel schneller als jede andere westliche Armee reagieren. Das habe sich nach dem Erdbeben in Haiti bewährt. Innerhalb von drei Tagen hatten die Israelis ein Zelt-Hospital errichtet und erste Opfer behandelt, während die Hilfe der Amerikaner und anderer Länder auf sich warten ließ. Mit dabei waren auch die C4I-Spezialisten. »Gleich nachdem sie die Kommunikationszentrale eingerichtet hatten, halfen sie Ärzten und Patienten«, sagt Menasche stolz.

Luftschutz Für den Ernstfall in Israel steht Technik, zur Verfügung, die mit dem israelischen Satelliten Amos Verbindung hält, einfliegende Raketen ausmacht, deren voraussichtlichen Einschlagsort ermittelt und schließlich per Knopfdruck die Luftschutzsirenen in der betroffenen Gegend auslösen kann. »Früher heulten im ganzen Land die Sirenen, während des Libanonkriegs war das Land in zehn Zonen aufgeteilt und heute in 100, um gezielt nur die Bevölkerung im tatsächlichen Zielgebiet in die Luftschutzkeller zu schicken«, erklärt ein Offizier das System »Hirschhorn«.

Das Militär arbeitet zusammen mit Hightechfirmen an abgestufte Möglichkeiten, die Bürger gezielt oder landesweit bei Angriffen zu warnen. Neben Luftschutzsirenen sollen automatisch auch die Handys und vibrierende Funkgeräte für Schwerhörige angerufen werden. Im schlimmsten Fall könne sich die C4I-Einheit per Knopfdruck in alle elektronischen Medien einschalten und von einem eigenen Studio aus die Bevölkerung über einen bevorstehenden Raketenangriff landesweit informieren.

Zu dem Zeitpunkt war allerdings noch nicht bekannt, dass das Mobilfunksystem von Cellcom gerade zusammenbrach und deren Kunden nicht per Handy erreichbar gewesen wären. Israels größter Mobilfunkanbieter nannte den Vorfall anschließend die »größte technische Panne« der Firmengeschichte.

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