Facebook

»Sturm im Käsebecher«

Während die Facebook-Revolution die Festen der arabischen Welt ins Wanken bringt, spielt sich die israelische Variante des Aufstandes in Kühlregalen ab. Auch im Heiligen Land breiten sich Nachrichten zum zivilen Ungehorsam durch die sozialen Netzwerke im Internet in Windeseile aus.

Doch brennen in Tel Aviv und Jerusalem keine Barrikaden, werden keine Demonstranten beim Plakatekleben verhaftet. Die Israelis zeigen ihrer Regierung keine rote Karte für akute Fehlpolitik. Stattdessen lassen sie Hüttenkäse in den Supermarktregalen vergammeln. Nach andauernden Preissteigerungen beim beliebten Brotaufstrich, hier Cottage genannt, riefen verschiedene Facebookseiten zum »Boy-Cottage« auf.

Preiserhöhung Der Hüttenkäse in den Plasikbechern darf in Israel auf keinem Abendbrottisch fehlen, gehört praktisch zu den Grundnahrungsmitteln. In den vergangenen drei Jahren war er fast 40 Prozent teurer geworden. Nachdem der Preis für einen 250-Gramm-Becher über die acht-Schekel-Marke (1,65 Euro) geklettert war, initiierten einige Konsumenten Proteste per Facebook. In wenigen Tagen kamen mehr als 70.000 Anhänger zusammen. Bis jetzt klicken sich täglich neue hinzu. Auf den Seiten wird dazu aufgerufen, in diesem Monat keinen Hüttenkäse in den Einkaufskorb zu packen.

Ein Aufruf, der Wirkung zeigt. Der »Sturm im Käsebecher«, wie eine große Tageszeitung titelte, sorgt für massive Einbrüche bei den Verkäufen. Bereits in der ersten Woche ging die Nachfrage stark zurück. Nach Auskunft einiger Großhändler verkaufen sie derzeit etwa 30 Prozent weniger vom körnigen Käse als sonst. Ein vergleichbares Produkt kostet in Deutschland nicht viel mehr als die Hälfte, in Discountern ist es sogar noch günstiger. Besonders wütend macht die Verbraucher allerdings, dass dieselben israelischen Firmen ihre Ware in verschiedenen Ländern der Europäischen Union und den USA 50 Prozent billiger verkaufen als auf dem heimischen Markt.

Fokus Einer der Initiatoren des Boykotts, Itzik Alrov, erläutert, dass er gegen die generell hohen Preise in Israel vorgehen wollte. »Zuerst habe ich überlegt, die Kosten für Wohnungen anzuprangern, habe Gruppen eröffnet und bin anderen beigetreten.« Nach einer Weile, sagt er, hätte er aber gemerkt, dass er an einem Punkt ansetzen müsse, wo es die gesamte Öffentlichkeit betrifft. So gelangte der Käse in den Fokus. Seine Facebook-Initiative mit Namen »Konsumentenboykott von Le-
bensmitteln« hat vor, sich zukünftig jeden Monat ein neues in Israel hergestelltes Produkt vorzuknöpfen, dessen Preis hierzulande um mindestens die Hälfte über dem in anderen Ländern liegt.

»Das ist eine Unverschämtheit«, wettert Supermarktkundin Esther Liptzin, die Cottage dieser Tage aus ihrem Kühlschrank verbannt hat. »Die Firmen denken wohl, dass sie uns ausnehmen können wie Suppenhühner. So ein Boykott ist längst überfällig. Deshalb mache ich mit.« Einige große Supermarktketten, Rami Levy beispielsweise, reagierten schnell auf Kunden wie Liptzin und senkten die Preise. »Kauf einen, nimm einen umsonst«, locken Schilder an den Regalen.

Andere bieten den Becher für knapp fünf statt acht Schekel an. »Wir hören auf den Unmut der Verbraucher«, erklärt Betreiber Levy, »ich setze den Rotstift beim Cottage an, weil es in den Online-Protesten hauptsächlich darum ging.« Ein Erfolg für die Konsumenten sei das nicht, geben Wirtschaftsexperten jedoch zu bedenken. Die Angebote würden nur wenige Tage gelten, dann schnelle der Preis erneut in die Höhe.

Politik Nach kurzer Zeit schon war die Käserevolte auch in die Knesset gerollt, wo eine Ausschutzsitzung zum Thema Preisregulierung anberaumt wurde. Eine Oppositionspolitikerin präsentierte sogar Regierungschef Benjamin Netanjahu einen Be-
cher Cottage, garniert mit bissigen Kommentaren. Die betroffenen Firmen Tnuva, Strauss und Tara äußerten sich erst am Sonntag. Sie wollen die Lage von der Regierung untersuchen und ausgleichen lassen.

Cottage-Käse steht lediglich als Beispiel für die generell überteuerten Lebensmittel. In dem zentralisierten Markt des Landes halten die fünf größten Produzenten etwa 45 Prozent. Im Bereich von Milch, Joghurt, Käse und Co. ist es sogar noch extremer: Die drei Produzenten Tnuva, Strauss und Tara dominieren mit 90 Prozent klar den Markt.

Die Einfuhr von Molkereiprodukten nach Israel ist stark limitiert, begründet durch den Einfluss der Kibbuzim und Moschawim, in denen die meisten Molkereien angesiedelt sind. »Es handelt sich dabei um eine Kartellstruktur«, meint Wirtschaftskommentator Nehemia Strassler, »ein archaisches und ineffizientes Gebilde, dessen Ziel, die Molkereien und Produzenten zu schützen, auf Kosten der Konsumenten geht.«

Parlament Finanzminister Yuval Steinitz hatte kurzzeitig mit dem Gedanken gespielt, den Weg für Konkurrenten aus dem Ausland frei zu machen, vergaß dabei aber wohl, dass erst vor wenigen Monaten ein Gesetz in Kraft getreten war, dass gerade diese Einfuhren beschränkt. Einer Änderung müssten die Landwirtschafts- und Handelsminister zustimmen. Die aber vertreten die Kibbuzim im Parlament.

Während einige Kommentatoren die Aktionen des virtuellen Protestes loben und der Bevölkerung »Mut zum Unmut« bescheinigen, betrauern andere die politische Apathie. »Während die arabischen Länder in den vergangenen Monaten von Revolutionen geschüttelt werden, Menschen ihr Leben riskieren, um das Ende korrupter Regime einzuläuten, tun die wenigsten Israelis wirklich etwas«, steht am Montag im Editorial der Tageszeitung Haaretz. Nichts gegen die gescheiterte Politik Netanjahus, nichts gegen Israels internationale Isolation. »Obwohl die Menschen hierzulande doch bewegt werden können, wie man sieht. Aber offenbar nur, wenn es um ihren Kühlschrank geht.«

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