Energie

Strom für 40.000 Haushalte

Aus der Vogelperspektive betrachtet sieht es so aus, als habe jemand ein großes »L« aus graublauen Legosteinen inmitten von Feldern und Plantagen gebaut. Kommt man allerdings näher, entpuppen sich die vermeintlichen Spielsteine als Fotovoltaik-Module – eines neben dem anderen. Insgesamt sind es 180.000 auf einer Fläche von 100 Hektar. Oder wie Projektleiter Robert Gattereder es etwas plastischer beschreibt: »Rund 140 Fußballfelder.«

Die Baustelle befindet sich in der Nähe des Moschaw Ohad – nur einen Katzensprung vom Gazastreifen entfernt. Hier entsteht zurzeit Israels größtes Fotovoltaik-Kraftwerk mit einer Nennleistung von 55 Megawatt. Wenn es voraussichtlich Ende des Jahres fertig ist, »wird es so viel Strom produzieren, dass ein Jahr lang 40.000 Haushalte damit versorgt werden können«, sagt Gattereder. Er ist Geschäftsführer der M+W Solar, einer Tochter des Weltunternehmens Meissner und Wurst (M+W Group) aus Stuttgart, das in Israel seit 20 Jahren eine Niederlassung hat. Auftraggeber des Solarparks ist die Enlight Renewable Energy, ein israelisches Unternehmen, das bereits entsprechende Anlagen im Land betreibt.

Heisswasser Doch allzu viele davon gibt es nicht. Zwar sieht man hierzulande so gut wie auf jedem Dach Heißwasserbereiter – rekordverdächtige 95 Prozent des Heißwasserverbrauchs werden mithilfe der Sonneneinstrahlung aufbereitet, die Folge eines Gesetzes aus den 60er-Jahren. Dennoch hinkt Israel seinem selbst gesetzten Ziel hinterher. Derzeit werden nicht einmal zwei Prozent des israelischen Strombedarfs mithilfe der Sonne hergestellt, und es ist fraglich, ob die geplanten zehn Prozent bis zum Jahr 2020 erreicht werden.

Zu diesem Schluss kommen die Mitglieder des Deutsch-Israelischen Komitees für Erneuerbare Energien (GIREC), das 2012 gegründet wurde und dessen Vorsitzender der frühere Innen- und Wissenschaftsminister Ophir Pines-Paz ist.

Hindernis »Wir haben erst vor fünf Jahren begonnen, Sonnenenergie ernsthaft zu fördern, denn wir hatten andere Prioritäten«, nennt er als Grund. Der Staat habe sich lange nicht um alternative Energien gekümmert. Inzwischen gibt es ein neues Hindernis: Die unermesslichen Gasvorkommen vor der Küste verschieben die Verhältnisse deutlich zu Ungunsten der erneuerbaren Energien. Ein Alarmzeichen für den israelischen Fachverband der Branche: Die Erdgasfunde hätten den politischen Willen zum schnellen Ausbau des Solarsektors geschwächt, heißt es von dieser Seite.

Dabei lägen die Vorteile klar auf der Hand: Zum einen sei die Versorgungssicherheit hoch. Anders als die Offshore-Förderanlagen für Erdgas, die selbst beim besten Schutz militärisch angreifbar blieben, ließen sich die an Land befindlichen, dezentral verstreuten Sonnenkraftanlagen nicht ohne Weiteres zerstören. Zum anderen sei Sonnenenergie rentabel.

Das meint auch der Betriebswirt Gattereder. Gerade die klimatischen Bedingungen in Israel – rund 300 Tage Sonne im Jahr – machten Fotovoltaik-Anlagen hier rentabel. »Die Investitionskosten sind die gleichen wie in Deutschland, aber der Ertrag ist ungleich höher.« Die horizontalen Module bei Ohad stehen in Ost/West-Richtung und bewegen sich mit der Sonne. So wird der Ertrag optimiert.

International Bis auf den Beton, der für die rotierenden Füße der Module gebraucht wird, kommt das Material aus dem Ausland: die Module auf Basis von kristallinem Silizium etwa aus China, die Technik für die schwenkbaren Module aus Deutschland, die elektrischen Komponenten aus Italien. Kein Problem, wenn die Logistik abgestimmt sei: »Meist dauert der Transport mit dem Schiff zweieinhalb Wochen«, sagt der aus Österreich stammende Gattereder. Die Vorarbeiter, die auf den Baustellen auf der ganzen Welt eingesetzt werden, stellt die Firma M+W Solar zur Verfügung. Diese lernen wiederum israelische Arbeitskräfte an.

Für das Kraftwerk bei Ohad wird zudem eigens ein Umspannkraftwerk gebaut. »So viel Strom kann nicht einfach ins Netz eingespeist werden«, erklärt Gattereder. Das Umspannwerk sorgt dafür, dass der Solarstrom in das Hochspannungsnetz in Haifa eingespeist werden kann. Aber während der Eigentümer Enlight noch von einer Einspeisevergütung über dem Großhandelspreis bei einer Laufzeit von 20 Jahren profitiert, werden künftige Anlagen ab 2015 nicht mehr in dieser Weise vom Staat subventioniert.

Subventionen So wird die israelische Stromaufsichtsbehörde keine Fördertarife mehr für neue Fotovoltaikanlagen anbieten. Das teilte die Behörde im September mit. Nach der neuen Regelung werden Lizenzen per Ausschreibung an diejenigen Bieter vergeben, die den niedrigsten Strompreis verlangen. Hintergrund der Entscheidung: rückläufige Erzeugungskosten, ein verstärkter Wettbewerb sowie die Tatsache, dass die Branche mittlerweile auf eigenen Füßen stehen könne. Mit dieser Entscheidung passe sich Israel dem internationalen Trend zur Deregulierung der Solarstromwirtschaft an, teilt die Aufsichtsbehörde mit.

Stellt sich die Frage, wie sich die umweltfreundliche Energie in den kommenden Jahren behaupten wird. Momentan wenigstens sieht es noch ganz gut aus. So ist die Ausschreibung für das nächste Großprojekt im Industriegebiet in Timna nördlich von Eilat vor gut einer Woche angelaufen: Hier soll ein Solarpark mit 50 Megawatt entstehen.

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