»Shtisel«

Sopranos mit Tscholent

Patriarch Shulem (Dov Glickman, 2.v.l.) versucht, Tradition und Familie zusammenzuhalten. Foto: Netflix

Wenn Sie Shtisel noch nicht kennen, wird es nun aber Zeit, einzutauchen in dieses meisterhaft bunte Porträt einer ultraorthodoxen Familie in Jerusalem. Es hat ein wenig gedauert, aber nach fünf Jahren hat auch Netflix die in Israel gefeierte Serie für sich entdeckt. Nach Action-Importen wie Fauda und Hostages geht der Blick diesmal allerdings nach innen. Und zwar so tief wie nie zuvor: mitten ins Herz der für säkulare Augen normalerweise verborgenen Welt der Charedim. Der Alltag von Familie Shtisel lässt einen 24 Episoden lang nicht los, wenn das schwarz-weiße Universum wie durch ein Prisma geworfen in 1000 Farben zerfällt. Und dieser Blick ist wunderschön, weil er zutiefst menschlich ist.

»Shtisel ist wie die Sopranos, aber ohne Gewalt, stattdessen mit ganz viel Tscholent«, sagt Dov Glickman. Israels beliebter Mime und Komiker, bekannt aus dem 80er-Jahre-TV-Hit Zehu Ze!, spielt den mal mehr, mal weniger strengen Patriarchen Shulem, der als Fels in der Brandung Tradition und Familie zusammenhält. Der stattliche Lehrer reibt sich tagtäglich an den Ideen und Vorstellungen seines jüngsten Sprösslings Akiva, ein großäugiger Träumer, der sich nicht nur gleich mehrfach in die »falsche« Frau verliebt, sondern auch noch Maler werden will.

Jede der Figuren hat ihre Brüche und Kanten, das macht sie so berührend.

Nach dem Tod der Mutter teilen sich Vater und Sohn ein karges Apartment im Jerusalemer Stadtteil Geula. Und Geula ist dabei so groß und so klein wie die ganze Welt: Hier zieht Shulems Tochter Giti ihre fünf Kinder groß, als ihr Mann sie über Nacht verlässt. Hier kommt Großmutter Malka ins Altersheim und verfällt dem »Übel« Fernsehen. Sohn Zvi Arye ist nicht der Illui, für den er sich hielt. Und Shulems Enkelin Ruchami platzt der zugeknöpfte Kragen. So eng die Gemeinschaft auch geknüpft ist, hier kämpft jeder um seine eigene Wahrheit.

HUMOR Glickmans Sopranos-Vergleich scheint nur auf den ersten Blick absurd: Wie in der berühmten Mobster-Familie aus New Jersey, für deren Lieben und Leiden von 1999 bis 2007 das Format TV-Serie neu erfunden wurde, gelten auch bei den Shtisels klare Ge- und Verbote. Wege und Hierarchien sind vorgegeben, alles hat seinen festen Platz, und auf jede Frage gibt es eine Antwort. In einer zunehmend komplexen Welt wirkt solch vermeintliche Einfachheit anziehend. Ebenso faszinierend ist die Erkenntnis, dass doch alle nur Menschen sind und sich natürlich ihre Nischen und Auswege suchen. »Sie ziehen sich anders an, sie benehmen sich anders, aber alle müssen mit dem gleichen Kummer zurechtkommen«, beschreibt es Akiva-Darsteller Michael Aloni.

Keine der von den Autoren Yehonatan Indursky und Ori Elon im ganz realen Res­taurant »Shtisel« in Geula erfundenen Figuren kommt ohne Brüche oder Kanten aus, und das macht jede von ihnen so berührend. Wenn Bobe die Kinder ihrer TV-Serienhelden ins Gebet aufnimmt, wenn Shulem damit kämpft, seine Gefühle in Worte zu fassen, wenn ein Mann seiner Frau bei der Geburt des nächsten Kindes beisteht, indem er ihr am Telefon ein Gebet vorsingt, wenn Akiva vergeblich seine Angebetete anschwärmt, lässt Shtisel einem das Herz überlaufen. Und das liegt auch am unerwartet herzhaften Humor.

Geula und Mea Shearim waren noch nie so bunt. Und alle können es sehen. Zum Glück. Sogar unter Charedim sei Shtisel durchaus beliebt, heißt es immer wieder. Wobei viele natürlich nicht fernsehen, sondern stattdessen im Internet Clips anschauen. Tatsächlich lobte eine Journalistin der orthodoxen Jerusalemer Zeitschrift »HaMishpacha« die Authentizität der Darstellung von Kleidung und Sprache, stieß sich allerdings an Generalisierungen. Die gehören aber natürlich zur Kunstform.

BLICK Wie einst die Sopranos ist auch Shtisel Aushängeschild eines neuen Trends in der Film- und Fernsehunterhaltung. War die Darstellung der ultraorthodoxen Welt bisher meist eher schweren, die menschliche Härte herausstellenden Erzählungen vorbehalten, von Amos Gitais Kadosh bis Rama Burshteins Fill the Void, hat mittlerweile sogar die Komödie in Reinform freie Bahn – wie in Emil Ben-Shimons The Women’s Balcony oder bei den Hipster-Jeschiwa-Bad-Boys von Shababnikim. Es darf gelacht werden, mit offenem Blick ohne Schadenfreude auf die »andere« Gesellschaft. Der beste Witz wird im zwischenmenschlichen Verständnis geboren, wie es Shtisel immer wieder so meisterlich zeigt.

Geula und Mea Shearim waren noch nie so bunt und humorvoll.

Verständnis ist bitter nötig in einer Gesellschaft, in der laut einer Umfrage der Organisation »Hiddush – For Religious Freedom and Equality« aus dem vergangenen Jahr 77 Prozent der Bevölkerung die Spannungen zwischen säkularen und ultraorthodoxen Juden als das größte innergesellschaftliche Problem ansehen. Immer wieder prallen die gegensätzlichen Lebensentwürfe brutal aufeinander – sei es bei der Frage, ob Charedim zum Militär müssen wie jeder andere Israeli auch, oder angesichts von Forderungen nach der Trennung von Mann und Frau im öffentlichen Leben. Allerdings sind es meist nur die extremistischen Auswüchse, die das Außenbild einer ganzen Gemeinschaft prägen. Das gilt nicht nur in Israel.

Eine Serie wie Shtisel sorgt für Balance zwischen den Extremen, zeigt den ganz normalen Alltag der Mehrheit. Zumindest für die Zeit, in der der Zuschauer Anteil nimmt an Akivas und Shulems Schicksal. Was nach dem Ende der Show davon übrig bleibt, liegt beim Betrachter selbst – oder in Gottes Hand.

»Shtisel«, bei Netflix, OmU

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