Militärdienst

Sirenen-Gesänge

Soldateninnengesang: Soll nicht an die Ohren religiöser Kameraden dringen Foto: Marco Limberg

Schon in der Geschichte waren sie legendär. Frauen, die allein kraft ihrer Stimme Männer um den Verstand brachten. Man denke an die sagenhafte Loreley, die per Gesang von der hohen Klippe Kapitäne aller Herren Länder in Seenot gebracht haben soll. Offenbar glauben auch strenggläubige Soldaten in Israel an diese bezirzende Wirkung. Partout wollen sie keinem Gesang ihrer Kameradinnen lauschen. Sogar dann nicht, wenn sie dafür Stellung und Leben riskieren.

Der Eklat ereignete sich, als eine Gruppe orthodoxer Offiziersanwärter während einer Militärfeier still und heimlich ausbüchste. Der Grund: Frauen hatten zu singen begonnen. Wegen Befehlsverweigerung wurden vier der neun geflüchteten Soldaten aus dem Offizierskursus ausgeschlossen, das Ende vom Lied ist es nicht. Derzeit diskutiert das ganze Land, ob und inwieweit die Armee Kompromisse aufgrund der Frömmigkeit einiger ihrer Soldaten eingehen darf.

Verführung Mittlerweile stellen sich Rabbiner hinter die einstigen Kadetten, stellvertretend für alle Soldaten, die sich das Recht vorbehalten, nicht in den verführerischen Bann von Sängerinnen zu geraten. Rabbiner Elyakim Levanon aus der Siedlung Elon Moreh im Westjordanland sagte, dass die männlichen Verteidiger des Landes gehen müssten, wenn Frauen ihre Stimmen zur Unterhaltung einsetzten. Auch dann, wenn draußen ein Erschießungskommando auf sie warte. Levanon meinte, es ginge ausschließlich darum, religiöse Soldaten zu diskriminieren. Er würde jedem, der ihn fragt, raten, nicht in die Armee zu gehen.

Stabschef Benny Gantz reagierte mit den Worten, dass »jeder in der Zahal einen nationalen Dienst ableistet. Alle zusammen, religiös und säkular, Frauen und Männer. Diejenigen, die sich beteiligen, sind von Bedeutung, nicht solche, die sich nicht daran beteiligen.«

Einer der vom Kurs Ausgeschlossenen reichte beim Obersten Gerichtshof eine Petition ein, die Entlassung sei illegal. Der Oberrabbiner der Armee, Rafi Peretz, setzt sich für die religiösen Soldaten ein, nachdem er drei Wochen lang geschwiegen hatte. Peretz glaubt daran, dass Halacha und Armee an einem Strang ziehen müssten. Er arbeite bereits eine Weile an einer Regelung, erklärte er, wolle jedoch die Dinge vorher gründlich abwägen, bevor er sich »zu einem populistischen Statement« hinreißen ließe.

Auch der aschkenasische Oberrabbiner Yona Metzger äußerte sich zu dem Fall und sagte, es sei nicht angemessen, dass die Armee Soldaten das Recht verwehre, sich strikt an die Gesetze der Tora zu halten. Metzger schlägt in einem achtseitigen Dokument halachische Lösungen vor. Er meint, dass keine Frauen auftreten sollten, wenn die Mehrheit der Anwesenden religiös ist. Sei das nicht der Fall, sollte orthodoxen Soldaten die Möglichkeit eingeräumt werden, den Raum zu verlassen, ohne dass sie eine Strafe bekommen.

Ausgrenzung In einer Zeit, in der die Ausgrenzung von Frauen in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens in Israel immer weiter fortzuschreiten scheint, reagieren viele sensibel auf diese Art von Äußerungen. In Jerusalem werden bereits seit geraumer Zeit keine weiblichen Modelle mehr abgebildet, in einer landesweiten Kampagne der nationalen Organspenderdatei (ADI) sind ausschließlich männliche Konterfeis zu sehen.

Anat Doron aus Tel Aviv forderte in einem wütenden Leserbrief an die Tageszeitung Haaretz, dass sie und ihre Familie von der Liste der Organspender gestrichen werden. »Ich will ja, dass die Kampagne ein voller Erfolg wird«, schrieb Doron zynisch. »Außerdem nehme ich an, dass in Zeiten, wo Soldaten lieber erschossen werden, als eine Frau singen zu hören, viele Männer meine Innereien ohnehin nicht akzeptieren würden.«

Natürlich geht es in der Essenz um mehr, als eine Handvoll Soldaten, die sich Augen und Ohren zuhalten, sobald ihre Kameradinnen die Bühne betreten. Die gesamte Ausrichtung der Israel Defense Forces (IDF) steht auf dem Spiel. Seit Staatsgründung gilt die Zahal als gänzlich säkulare Einrichtung. Vor einigen Jahren jedoch begann sie, sich um streng Religiöse zu bemühen.

Normalerweise sind jüdische Männer, die sich dem Bibelstudium widmen und in einer Jeschiwa eingeschrieben sind, vom Militärdienst befreit. Besondere Einrichtungen aber ermöglichen nun auch ultraorthodoxen Israelis den Dienst an der Waffe. Allerdings führt das immer wieder zu Schwierigkeiten im Armeealltag, in den Frauen wie Männer gleichermaßen eingebunden sind.

Gefahr Viele sehen in mehr Zugeständnissen an die Religiösen die Gefahr, dass die Truppe regelrecht von »Gotteskriegern« unterwandert wird, die Führung der Armee den weltlichen Generälen langsam, aber sicher entgleitet und geistige Oberhäupter sich in militärische Belange einmischen. Wie im vergangenen Monat beispielsweise, als Armeerabbiner den Befehl gaben, dass Soldatinnen beim traditionellen Tanz zum Ende von Simchat Tora das Fest verlassen. Die Frauen mussten in einem abgetrennten Bereich unter sich feiern.

19 ehemalige Generalmajore schrieben daraufhin in einem Offenen Brief an Verteidigungsminister Ehud Barak und den Armeechef, dass sie es nicht erlauben sollten, den Dienst von Frauen zu minimieren, indem sie Forderungen religiöser Soldaten nachgeben. »Die Motivation weiblicher Soldaten darf in keinem Falle beschädigt werden.« Die Unterzeichner betonten, dass es nicht allein ums Singen gehe, »sondern um die fundamentalen Werte der israelischen Gesellschaft«.

Shelly Meyer

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