Gaza

Sie sind noch immer angekettet

Noch immer sind 76 Menschen, die am 7. Oktober 2023 aus Israel verschleppt wurden, in der Gewalt der Terrororganisation Hamas. Foto: Flash 90

Es ist ein Lebenszeichen. Für einige das erste seit einem Jahr und vier Monaten. Doch es ist auch eine Nachricht, wie sie grausamer kaum sein könnte. Mehrere Angehörige von Geiseln wurden in den vergangenen Tagen darüber informiert, wie es ihren Liebsten in der Gewalt der Hamas in Gaza geht. Es sind grauenvolle Berichte über inhumane Zustände, Folter und unvorstellbare Qualen.

Alon Ohel, der junge Israeli, der Klavierspielen liebt, wurde am 10. Februar 24 Jahre alt. Doch statt zu feiern und Kuchen zu essen, sitzt er angekettet in einem Terrortunnel der Hamas. Der junge Israeli steht nicht auf der Liste Nummer 1 des Waffenstillstands- und Geiselbefreiungsabkommens. Und das, obwohl die am Samstag befreiten Männer über seinen schlechten Gesundheitszustand berichteten. Er sei durch Schrapnelle am Auge, an Schulter und Arm verletzt. Diese Verwundungen seien unbehandelt geblieben, sein Auge mittlerweile teilweise erblindet. Für seine Mutter Idit Ohel war es am Sonntag das erste Lebenszeichen von ihrem Sohn nach mehr als 490 Tagen. »Wir bekamen diese Nachricht am Geburtstag seiner Schwester Inbar«, sagte sie unter Tränen. »Das war wie ein Wunder.«

Für manche Familie ist es das erste Lebenszeichen seit 490 Tagen.

Doch mit der Hoffnung kam die furchtbare Information über seine Lebensumstände. »Er ist angekettet, sieht niemals Tageslicht, hat keine Matratze zum Schlafen und wird ausgehungert. Er bekommt nur ein Stück Brot am Tag. Wie soll man damit leben …« Mit all diesem Wissen über ihren geliebten Sohn könne sie nicht mehr schlafen. »Ich bin seine Mutter, Alon muss nach Hause kommen«, sagt sie und fordert, dass die zweite Phase des Abkommens ohne jegliche Pause umgesetzt wird.

Es wurde auch bekannt, dass die Zwillinge Gali und Ziv Berman am Leben seien. Verwandte gaben in israelischen Medien an, sie hätten ein Lebenszeichen von ihnen erhalten. »Wir atmen tief durch, aber wir wissen, in wessen Händen sie sind und wie sehr ihr Leben in Gefahr ist.« Details zum gesundheitlichen Zustand der 27-Jährigen wurden nicht bekannt.

Zur selben Zeit erhielten Angehörige von Shlomo Mansour aus dem Kibbuz Kissufim die traurige Nachricht, dass der 86-Jährige bereits 2023 beim Massaker der Hamas ermordet wurde. Seine Leiche wurde von den Terroristen in den Gazastreifen verschleppt.

Sie bekommen kaum Nahrung

Bei Sigi Cohen, der Mutter der Geisel Eliya Cohen (27), klingelte am Sonntag ebenfalls das Telefon. Zurückgekehrte Geiseln hätten berichtet, ihr Sohn werde in einem Hamas-Tunnel festgehalten, sei während der gesamten Zeit angekettet, bekomme kaum Nahrung oder Tageslicht und leide an einer unbehandelten Schusswunde am Bein. »All diese unschuldigen Menschen werden in Ketten festgehalten und ausgehungert«, so der erschreckende Bericht der Mutter.

Unterdessen sagte Vicky Cohen, die Mutter des 20-jährigen Soldaten Nimrod Cohen, im Fernsehkanal Channel 12, dass eine zurückkehrende Geisel etwa sechs Monate lang zusammen mit ihrem Sohn festgehalten worden sei. Er habe ihr erzählt, Nimrod sei während des Großteils seiner Gefangenschaft in einem Tunnel gewesen. Zwar sei er nicht angekettet oder gefesselt, aber dennoch in einem schlechten körperlichen und seelischem Zustand. Der junge Mann vertraue darauf, dass seine Familie alles tut, um ihn zu retten.

»Ich bin nicht bereit, meinen Sohn zu opfern!«

Seine Mutter schimpfte am Montag auf die Koalitionsmitglieder, die sich dem Geiselbefreiungsabkommen widersetzen. »Sie Helden! Übergeben Sie doch Ihre eigenen Kinder an die Hamas. Ich bin nicht bereit, meinen Sohn zu opfern!« Sie kritisierte auch die langwierigen Freilassungsphasen und verglich die Unterscheidung zwischen Geiseln der ersten und zweiten Phase mit der »Selektion« während des Holocaust zwischen Juden, die für harte Arbeit geeignet waren, und solchen, die direkt in die Gaskammern geschickt wurden.

Angehörige von Or Levy, Eli Sharabi und Ohad Ben Ami sprachen mit dem öffentlich-rechtlichen Sender Kan, nachdem die freigelassenen Männer ihnen Details aus ihrer Gefangenschaft erzählt hatten. Die Berichte sind anonymisiert, um ihre Menschenwürde und Privatsphäre zu schützen.

Die Freigelassenen erzählen von Folter

Terroristen hätten die Männer einzeln verhört und dabei gefoltert. Sie seien gewürgt, gefesselt, mit Stoff bis kurz vor der Erstickung geknebelt und kopfüber aufgehängt worden. Außerdem hätte man sie mit einem heißen Gegenstand verbrannt. Videos von ähnlichen Foltermethoden der Hamas, die sie bei Palästinensern anwendet, kursieren in den sozialen Netzwerken.

Dazu sei dauerhaftes absichtliches Aushungern gekommen. Nur alle paar Tage erhielten sie ein verschimmeltes Stück Pitabrot, das sie teilten. Zeitweise mussten sie tagelang ohne Wasser auskommen. Zu anderen Zeiten hätten die Terroristen vor den Männern gegessen, es ihnen jedoch nicht erlaubt. Sie wandten auch psychologische Folter an und ergötzten sich an grausamen »Spielen«, bei denen die Geiseln entscheiden mussten, wer von ihnen essen darf und wer nicht.

Nur alle paar Tage erhielten sie ein verschimmeltes Stück Pitabrot

Einer der drei Freigelassenen gab an, er sei 15 volle Monate lang angekettet gewesen. »Ich war in einem dunklen Tunnel gefesselt, ohne Luft oder Licht. Ich konnte weder gehen noch stehen. Erst vor meiner Freilassung entfernten meine Entführer die Ketten und zwangen mich, wieder laufen zu lernen«, erzählte er seiner Familie. Erst rund zehn Tage zuvor habe man ihn über seine anstehende Entlassung informiert, dann habe er etwas mehr Essen erhalten.

Ein anderer, nicht namentlich genannter gekidnappter Mann soll in der Gefangenschaft zusammengebrochen sein, und seine Mitgeiseln befürchteten, er sei gestorben. Sie hätten nur alle paar Monate duschen dürfen, seien die ganze Zeit barfuß gewesen und hätten nie zwischen Tag und Nacht unterscheiden können. »Die Terroristen haben uns behandelt wie Tiere.«

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