Umwelt

Plastik, nein danke!

90 Prozent des Küstenmülls ist Plastik. Foto: Sabine Brandes

Böse gucken kann sie gut, auch vom Foto herab. Immer mehr israelische Firmen und Organisationen stellen Bilder der jungen Klimaaktivistin Greta Thunberg in ihren Teeküchen und Kantinen auf, um ihre Angestellen davon abzuhalten, Einmalgeschirr und -besteck aus Plastik zu benutzen. Nach Gretas Motto: »How dare you?«. Jetzt will auch die Stadtverwaltung Tel Aviv die Berge von Abfall vermeiden. In den nächsten Wochen soll das Einmalgeschirr aus sämtlichen städtischen Schulen und Kindergärten verschwinden.

»Greta-Shaming wirkt bei vielen«, weiß David Zachar, der Geschäftsführer eines medizinischen Geräteherstellers in Rosch Ha’Ayin. »Und in jedem Fall hat bei uns eine Diskussion um das Thema Umweltschutz begonnen.« Er hat in seiner Firma Teller, Becher, Messer und Gabeln aus Plastik verbannt und stattdessen Porzellan und einen Geschirrspüler gekauft.

Doch Zachar weiß, dass der Wandel Zeit braucht. »Einige Leute, die ihre Speisen fertig kaufen und dann im Büro essen, bringen Einmalplastik mit, andere haben keine Lust abzuwaschen. Es ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen geschieht. Aber er hat begonnen – und das ist gut so.«

Der Sprudelmaschinenhersteller SodaStream kündigte an, sämtliche Plastikflaschen bis zum Frühjahr 2021 durch Metall zu ersetzen.

Auch mehrere Großunternehmen machen mit. Darunter Ikea. In den israelischen Filialen des schwedischen Möbelherstellers werden nach eigenen Angaben bis Anfang 2020 Einmalgeschirr, Strohhalme und Plastiktüten aus den Cafeterien und Shops verschwinden. Gleichzeitig wird eine neue Kollektion von Artikeln aus recyceltem Plastik, darunter Duschvorhänge, Teppiche und Küchenschränke, in die Läden kommen. Der Sprudelmaschinenhersteller SodaStream kündigte an, sämtliche Plastikflaschen bis zum Frühjahr 2021 durch Metall zu ersetzen.

STRAND Galia Pasternak, Doktorandin an der Fakultät für Meeresbiologie in Haifa, hat den Müll an den israelischen Stränden von 2012 bis 2018 im Rahmen ihrer Doktorarbeit analysiert. »Was mich am meisten ärgerte, ist die Tatsache, dass 90 Prozent des Küstenmülls Plastik ist. Im Rest der Welt sind es durchschnittlich 75 Prozent.« Vor allem die Masse an Plastiktellern, -bechern und -besteck sei in diesen Jahren stetig gestiegen. »Bis etwa 2017 waren es vor allem Plastiktüten. Das ging nach deren Verbot aber zurück.«

Viele Menschen benutzen regelmäßig Plastikgeschirr, das sie nach dem einmaligen Gebrauch in den Mülleimer stopfen. Die Branche boomt. Die größten Abnehmer sind religiöse Bürger, die mit der Einhaltung der Kaschrut für Plastik argumentieren. Von 2014 bis 2018 stieg der Absatz der Einmalartikel um 51 Prozent.

Höchste Zeit für ein Umdenken. Der Schritt der Stadtverwaltung von Tel Aviv ist für israelische Verhältnisse radikal. Nach Demonstrationen von Eltern, die es satthatten, dass ihre Kinder jeden Tag in den Kindertagesstätten und der Nachmittagsbetreuung der Schulen Zehntausende von Plastiktellern und -bechern produzierten, sah sich die Verwaltung gezwungen, etwas zu ändern. Sie versprach, den Gebrauch von Einmalgeschirr und -besteck bis zum Jahresende extrem einzuschränken und bald komplett zu unterbinden.

Eine mittelgroße Schule verbraucht pro Monat 4000 bis 5000 Teller.

Die Stadt Herzlija hatte im Januar 2018 den Auftakt gemacht und schrittweise sämtliches Einmalgeschirr verbannt. Gemeinsam mit der Umweltorganisation Zalul führte die Verwaltung das Projekt »Stadt ohne Plastik« ein. Maja Jacobs, die Vorsitzende von Zalul, erläuterte den Schritt: »Herzlija ist eine Stadt an der Küste. Das Meer und die Menschen sind untrennbar miteinander verbunden. Die Verschmutzung durch Plastik ist eine ökologische Katastrophe, die jedes Jahr den Tod von Hunderttausenden von Tieren mit sich bringt.« Das Projekt »Stadt ohne Plastik« könne, meint Jacobs, zusammen mit anderen Maßnahmen die Katastrophe aufhalten.

UMFRAGE Einer Umfrage des Israelischen Demokratieinstitutes zufolge sind 58 Prozent der Bürger für Gesetze, die Plastikgeschirr verbieten. 57 Prozent sind der Meinung, dass die Nation andere Probleme habe, die wichtiger seien als der Umweltschutz. Lediglich 35 Prozent meinen, dass der Klimawandel eine drängende Angelegenheit sei, der sich die Regierung annehmen sollte.

Zwei Mütter von Schulkindern in Tel Aviv wollten sich von Zahlen nicht abhalten lassen und probten den Aufstand: Dafna Yodfat und Galia Rupin. »Unser Kampf hat Erfolg. Die Stadtverwaltung hat es tatsächlich eingesehen. Hoffentlich sind es nicht nur leere Versprechungen«, sagt Yodfat. In jedem Fall wollen die beiden nicht aufgeben, bis alle Bildungseinrichtungen frei von Einmalgeschirr sind. »Es gibt keinen anderen Weg. Das Plastik muss raus aus den Kindergärten und Schulen.«

Die Leiterin der Abteilung Bildung in der Stadtverwaltung, Shirley Rimon-Bracha, sieht es ebenso: »Dies ist ein weiterer Schritt in unserem Prozess, in Richtung Nachhaltigkeit umzudenken. Im städtischen Bildungssystem lernen die Kinder über die Umwelt, zum Beispiel durch ökologische Grünanlagen in ihren Schulen. Deshalb müssen wir auch in Sachen Plastik diese Botschaft vermitteln. Denn hier beginnt die Bildung.«

GESCHIRRSPÜLER Mehr als 20.000 Kinder sind allein in Tel Aviv in Nachmittagsbetreuungen von Schulen und Kindergärten registriert. Eine mittelgroße Schule benutzt bei der Ausgabe von Mittagessen monatlich rund 4000 bis 5000 Teller und noch einmal so viele Gabeln, Löffel oder Messer. Hinzu kommen Behältnisse für das Essen, von denen viele ebenfalls nur einmal benutzt werden. Und alles landet auf den Müllkippen.

Einer Umfrage des Israelischen Demokratieinstitutes zufolge sind 58 Prozent der Bürger für Gesetze, die Plastikgeschirr verbieten.

Um das zu ändern, sollen zunächst in den Kindergärten Geschirrspüler angeschafft werden, sofern noch nicht vorhanden. Jedes Kind soll ein persönliches Set mit Teller, Becher und Besteck erhalten, das es immer wieder verwendet. Für die Klassen eins bis drei, die eine Betreuung besuchen, bei der Mittagessen serviert wird, werden ebenfalls Speisesets bestellt.

»Es ist ein komplexes Unterfangen«, gibt die stellvertretende Bürgermeisterin Zipi Brand zu. Die Vorbereitungen hätten Monate in Anspruch genommen und die Zusammenarbeit vieler Institutionen gefordert, darunter neben den Bildungseinrichtungen auch die Gesundheitsämter.

»Es muss eine sichere Alternative zum Plastik sein, bei der Hygiene und Gesundheit gewährleistet sind.« Doch Brand sieht ein, dass es notwendig ist. »Denn es geht neben den Vorteilen für die Umwelt auch um den erzieherischen Wert. Unsere Kinder sorgen sich um die Zukunft der Welt, in der sie leben.« Sie seien diejenigen, die städtische Aktionen für die Nachhaltigkeit, das Teilen, die Gemeinschaft und Gesundheit fordern. »Heute sind die Kinder die Aktiven, die den Wandel bringen.«

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