Wirtschaft

Pipeline in schwierigen Gewässern

Förderplattform im Erdgasfeld »Leviathan« in Israel Foto: POOL

Mehrere Billionen Kubikmeter Erdgas sollen unter dem Grund des östlichen Mittelmeers lagern – und es ist noch nicht lange her, dass diese Vorkommen überhaupt entdeckt wurden. Erst Ende 2008 begann Israel mit der Erschließung des »Tamar«-Gasfeldes.

Tamar liegt ungefähr 80 Kilometer vor der Küste des jüdischen Staates. Seit 2013 strömt von dort Erdgas nach Israel, 30 Millionen Kubikmeter täglich sind es. Sie werden verstromt und decken aktuell die Hälfte des Strombedarfs des Landes. Zuvor war Israel stark von Gasimporten aus Ägypten abhängig.

Tamar Das Vorkommen im Tamar-Feld wird auf 200 Milliarden Kubikmeter geschätzt. Ein ganz in der Nähe gelegenes Gasfeld, Tamar-Süd, birgt weitere 23 Milliarden Kubikmeter des Rohstoffs.

Circa 50 Kilometer weiter südwestlich befindet sich ein weiteres großes Vorkommen in israelischen Hoheitsgewässern: das Erdgasfeld »Leviathan« ist mehr als doppelt so groß wie Tamar. Damit ist Israel binnen kurzer Zeit vom Gasimporteur zum Exporteur geworden. Auch andere Mittelmeer-Anrainerstaaten, darunter Ägypten, haben mittlerweile neue Gasvorkommen im Mittelmeer entdeckt und angezapft.

ENERGIE Nun wurde ein Abkommen zum Bau einer neuen Pipeline geschlossen, die ab 2023 in Bau gehen soll. Vertragspartner des neuen Konsortiums zum Bau der 1900 Kilometer langen EastMed-Gasröhre sind Griechenland, Israel und Zypern. Wenn sie fertiggestellt ist, wäre es die längste unter Wasser verlaufende Pipeline weltweit.

Erdogans Außenminister droht mit Militäreinsätzen.

Anfang Januar unterzeichneten Griechenlands Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis, sein israelischer Amtskollege Benjamin Netanjahu und der zyprische Staatschef Nikos Anastasiades die Vereinbarung feierlich. Die Röhre soll in 3000 Meter Tiefe von Israel via Zypern und Kreta zum griechischen Festland verlaufen und den europäischen Kontinent mit Energie versorgen. Geschätzt ein Zehntel des europäischen Erdgasbedarfs könnte so gedeckt werden. Das würde die Abhängigkeit der Europäer von russischen Lieferungen deutlich verringern. Bislang kommen knapp zwei Fünftel des europäischen Erdgases aus Russland.

Das EastMed-Projekt soll ausschließlich von privaten Investoren finanziert werden. »Wir bauen eine Brücke, mit der Energie nach Europa gebracht wird«, sagte Mitsotakis bei der Unterzeichnung. So werde ein Beitrag zur Stabilisierung und zum Wohlstand der Region geleistet, erklärte der griechische Premier. Netanjahu und Anastasiades nannten das Projekt »historisch«. Der israelische Premier forderte auch Ägypten auf, dem Konsortium beizutreten.

LIBYEN Ebenso wie das von Russland und der deutschen Bundesregierung forcierte Nord-Stream-2-Pipelineprojekt in der Ostsee birgt allerdings auch EastMed politische Sprengkraft. Die Türkei fühlt sich ausgegrenzt. Ankara lehnt das Vorhaben seiner Nachbarstaaten mit scharfen Worten ab und fühlt sich übergangen.

Im November hatte die Türkei ein Abkommen mit Libyen geschlossen, in dem die beiden Länder eine »exklusive maritime Wirtschaftszone« im Mittelmeer begründen. Dieser Plan würde durch die EastMed-Pipeline im wahrsten Sinne des Wortes durchkreuzt. Beobachter vermuten, dass das türkisch-libysche Abkommen just zu diesem Zweck abgeschlossen wurde.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan machte Mitte Dezember eine klare Ansage an die EastMed-Partner: Ohne türkische Zustimmung könnten die drei Länder ihre Gasleitung nicht verlegen, sagte er. Sein Außenminister Mevlüt Cavusoglu ging noch weiter und drohte mit Militäreinsätzen, sollten vor Zypern Gasbohrungen vorgenommen werden.

Bereits Anfang Dezember fing die türkische Marine in zyprischen Hoheitsgewässern das israelische Schiff Bat Galim (»Tochter der Wellen«) ab, obwohl die Meeresforscher an Bord eine zyprische Genehmigung besaßen und für diesen Teil des Mittelmeers gar nicht zuständig waren. Wenige Tage später verdrängte die türkische Luftwaffe ein israelisches Jagdflugzeug aus dem Luftraum über dem nördlichen Teil der Insel, welcher seit 1974 von der Türkei besetzt ist.

Außer von Ankara wird die Regierung Nordzyperns völkerrechtlich aber von niemandem anerkannt. Dennoch begründet die Türkei ihre Ablehnung des EastMed-Projekts damit, dass Nordzypern nicht daran beteiligt ist und seine Rechte missachtet würden. Griechenlands Außenminister Nikos Dendias wies auf die geografische Tatsache hin, dass zwischen Libyen und der Türkei die Insel Kreta liegt, welche Teil des griechischen Staatsgebietes sei und schon allein deshalb nicht von Ankara und Tripoli beansprucht werden könne.

Auch die Europäische Union lehnt die Argumentation Ankaras ab.

KLIMA Auch die Europäische Union lehnt die Argumentation Ankaras ab. Der Präsident des Europäischen Rates, Charles Michel, sagte, in Wahrheit sei es das türkisch-libysche Abkommen, welches die Rechte souveräner Drittstaaten verletze. Der Vertrag sei nicht mit dem internationalen Seerecht vereinbar, so Michel.

Die EU steht – im Gegensatz zum Nord-Stream-2-Vorhaben – bislang zu EastMed. Brüssel stellte vor zwei Jahren einen Zuschuss von 34,5 Millionen Euro für die Planung der Pipeline bereit. Allerdings wachsen angesichts der von der EU-Kommission angekündigten Neuausrichtung der europäischen Klimapolitik auch die Zweifel, ob überhaupt noch Geld in fossile Brennstoffe wie Erdgas investiert werden soll.

Die Regierungen Griechenlands, Israels und der Republik Zypern zeigen sich dennoch optimistisch: Bis 2025 soll die EastMed-Pipeline fertig werden, allen politischen Widrigkeiten zum Trotz. Geplant ist, dass dann jedes Jahr rund zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas nach Europa fließen.

Ob sich das Vorhaben angesichts der geschätzten Baukosten von sechs Milliarden Euro allerdings rechnen wird, steht in den Sternen. Italien als einer der Hauptabnehmer müsste zuvor noch eine zweite Pipeline bauen, um das Erdgas direkt aus Griechenland zu beziehen. Bei der Unterzeichnung des Abkommens in Athen war die italienische Regierung nicht vertreten. Offenbar gibt es in Rom noch Vorbehalte.

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