Libanon

Nach dem Pieps der Knall

Im Internet kursieren Videos von Hisbollah-Mitgliedern, die beim Einkaufen oder auf der Straße von der Wucht der Explosion umgeworfen wurden.

Es war eine Operation, die eines Hollywoodfilms würdig wäre und noch lange für Gesprächsstoff sorgen wird: Am Dienstagnachmittag gegen 15.30 Uhr Ortszeit piepsten in den Hosentaschen Tausender Mitglieder der schiitischen Terrororganisation Hisbollah im Libanon zeitgleich Pager. Wenige Sekunden später explodierten die kleinen Geräte.

Schnell kursierten im Internet Videos von Männern, die beim Einkaufen oder auf der Straße von der Wucht der Explosion umgeworfen worden waren. Mindestens neun Hisbollah-Mitglieder, aber auch ein Kind, seien ums Leben gekommen und Tausende zum Teil schwer verletzt worden, teilte der libanesische Gesundheitsminister Firass Abiad mit. »Viele Opfer haben Finger verloren, in einigen Fällen alle.« Die meisten Wunden befänden sich auf Höhe der Taille, des Gesichts, der Augen und der Hände. Offenbar wurden zahlreiche Betroffene entmannt.

Auch der Pager des iranischen Botschafters in Beirut, Mojtaba Amani, explodierte. Es war ein neuerlicher Beweis für die engen Beziehungen zwischen der Islamischen Republik und der Hisbollah. Über den politischen Arm der Terrormiliz mischt Teheran seit Langem nicht nur militärisch, sondern auch politisch im Libanon mit. Auch der Sohn eines Abgeordneten der Hisbollah im Parlament soll sich unter den Toten befinden.

Beweis für die engen Beziehungen Iran und Hisbollah

Die Krankenhäuser in vielen libanesischen Städten waren schnell überfüllt, auf den Straßen herrschte Chaos.

Der »New York Times« zufolge war in den von einer taiwanesischen Firma hergestellten Pagern neben der Batterie Sprengstoff verbaut sowie ein Zünder, der aus der Ferne ausgelöst werden konnte. Ein ehemaliger Munitionsexperte der britischen Armee sagte der BBC, das Material sei wahrscheinlich in einem gefälschten elektronischen Bauteil versteckt gewesen.

Pager sind Empfangsgeräte für Textnachrichten und Tonsignale, die im Gegensatz zu Smartphones nicht geortet werden können. Sie waren in den 80er- und 90er-Jahren in Mode, bevor sie durch Mobiltelefone abgelöst wurden.

Erst Anfang des Jahres hatte die Hisbollah-Führung entschieden, die veraltete Technik wiedereinzuführen, und bei Gold Apollo in Taiwan eine größere Anzahl Pager bestellt. Offenbar wurden die Geräte aber von der in der ungarischen Hauptstadt Budapest ansässigen Firma BAC hergestellt, die mit Gold Apollo kooperiert. Von wem die Pager manipuliert und Sprengstoff implantiert wurde, ist noch unklar. Dass es sich um mehr als einen technischen Defekt handeln musste, war jedoch allen schnell klar. Größe und Stärke der Explosionen deuteten darauf hin, dass es nicht nur die Batterien waren, die explodiert seien, sagte Mikko Hyppönen, Berater der europäischen Polizeibehörde Europol für Cyberkriminalität, der »New York Times«.

Washington »vorab nicht informiert«

Experten und Medien waren sich schnell einig, dass Israels Auslandsgeheimdienst Mossad für die Aktion verantwortlich zeichne. Israelische Offizielle äußerten sich zunächst nicht zu den Spekulationen. In Washington sagte ein US-Regierungssprecher, man sei vorab nicht informiert gewesen.

Auf der Internetseite »Axios« wurde unter Berufung auf einen ehemaligen israelischen Beamten berichtet, dass Israel ursprünglich geplant habe, die Pager als Eröffnungsschlag in einem umfassenden Krieg gegen die Terrorgruppe einzusetzen, zuletzt aber Bedenken hatte, dass die Sprengfallen entdeckt werden könnten und sie deshalb nun ausgelöst worden seien. Laut »Al-Monitor« hätten kürzlich zwei Hisbollah-Mitglieder Zweifel hinsichtlich der Sicherheit der Pager geäußert.

Seit Oktober 2023 steht Israel unter Dauerbeschuss der Hisbollah durch Raketen und Drohnen. Mehr als 60.000 Israelis wurden vor den Angriffen aus dem Norden evakuiert. Der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Bet gab zudem bekannt, man habe einen Hisbollah-Anschlag auf einen früheren israelischen Sicherheitsbeamten vereitelt.

»Israel hat mit einem Schlag Hunderte, wenn nicht Tausende Hisbollah-Kämpfer ausgeschaltet«, sagt Nicholas Blanford.

Zuletzt hatte die israelische Armee eine Bodenoffensive im Libanon in Erwägung gezogen und die Rückkehr der Evakuierten zum Kriegsziel erklärt. Bislang hat Israel auf die Angriffe der Hisbollah in erster Linie mit Gegenschlägen aus der Luft reagiert. Ende Juli tötete die IDF in einem gezielten Angriff den Hisbollah-Kommandeur Fuad Shukr.

Nicholas Blanford, ein in Beirut ansässiger Mitarbeiter des amerikanischen Thinktanks »Atlantic Council«, sagte der BBC: »Israel hat mit einem Schlag Hunderte, wenn nicht Tausende Hisbollah-Kämpfer ausgeschaltet, in einigen Fällen sogar dauerhaft.« Es sei nun aber mit »massiver Rache« der Miliz zu rechnen, so Blanford.

Weltweit wird der Schlag heftig diskutiert. In Deutschland gingen die Meinungen darüber auseinander. Die grüne Bundestagsabgeordnete Lamya Kaddor schrieb nach Bekanntwerden der Pager-Explosionen auf der Plattform X: »Sollte sich bewahrheiten, dass der israelische Geheimdienst dahintersteckt, wäre das eine weitere Eskalationsstufe hin zu einer kriegerischen Auseinandersetzung mit der Hisbollah.«

Dafür erntete sie umgehend heftige Kritik. »Ich verstehe die Aufregung nicht«, schrieb Igor Matviyets aus Halle. »Was soll denn präziser sein, als die kleinen Geräte zu nutzen, die diese Menschen direkt am Körper führen? Das ist im Vorfeld eines möglichen Krieges eine sehr umsichtige Aktion.«

Mentale Gesundheit

Die Einsamkeit wiegt am Schwersten

Fast eine Million Israelis suchten seit Kriegsbeginn Hilfe bei der psychischen Notfall-Hotline Eran

von Sabine Brandes  07.10.2026

Porträt

Nach der Musik das Essen

Der Norden war von Terror und Krieg besonders geschunden. Aber auch Absagen aus dem Ausland beendeten Shachar Bers Karriere als Drummer. Mit einer eigenen Aufstrich-Marke wagt er den Neuanfang

von Sabine Brandes  07.10.2026

Nachrichten

Massage, Kibbuz, Opposition

Kurzmeldungen aus Israel

von Sabine Brandes  07.10.2026

Kommentar

Wenn Chuzpe Leben rettet

Die bemerkenswerte Abwesenheit von Scham, Vorsicht und Selbstzweifel ist eine israelische Eigenart. Im Fall des Flydubai-Fluges half sie, eine Katastrophe zu verhindern

von Sabine Brandes  07.10.2026

Kfar Aza

»Die Angst steckt noch immer im Rucksack«

Shachar Tzuk überlebte das Hamas-Massaker. Drei Jahre später hat sie ein Zuhause, eine Verlobte und ein neues Leben – aber noch immer eine gepackte Fluchttasche

von Sabine Brandes  07.10.2026

Terror

Flydubai-Copilot wollte offenbar Tel Aviver Flughafen treffen

Was war das Ziel des mutmaßlichen Angreifers beim Flydubai-Flug nach Tel Aviv? Die Ermittlungen dazu laufen noch, doch immer mehr Informationen sickern an die Öffentlichkeit

 07.10.2026

Libanon

Hisbollah bezeichnet Hamas-Massaker als »Akt des Widerstandes«

Die Hisbollah hält am dritten Jahrestag an ihrer Rechtfertigung des Angriffs vom 7. Oktober 2023 fest. Seitdem haben die Kämpfe auch im Libanon Tausende Menschen das Leben gekostet

 07.10.2026

Krieg

Israels Armee hat seit Hamas-Massakern 100.000 Ziele angegriffen

Vor drei Jahren ermordeten Hamas-Terroristen rund 1.200 Menschen in Israel. Der Überfall löste den Gaza-Krieg aus. Israel hat seither Zehntausende Ziele in der Region angegriffen

 07.10.2026

Jahrestag der Massaker

Israel gedenkt der Opfer des 7. Oktober

Drei Jahre nach den blutigen Massakern im Süden Israels gedenkt das Land der Opfer. Präsident Herzog findet berührende Worte. Am Abend sollen Zehntausende in Tel Aviv zusammenkommen

 07.10.2026 Aktualisiert