Alltag im Krieg

Mitgehört im Bunker ...

Sirenen kreischen in der Nacht. Wieder und wieder. Millionen Israelis werden mehrmals täglich aus ihrem Alltag gerissen – und fast jede Nacht aus dem Schlaf. Wenn Raketen aus dem Iran gestartet werden, bleibt nur wenig Zeit, um die Schutzräume zu erreichen. In Tel Aviv, Haifa oder Beer Sheva rennen Menschen dann im Halbschlaf in öffentliche unterirdische Bunker, Treppenhäuser oder die sogenannten »Mamad«-Zimmer in ihren Wohnungen, verstärkte Schutzräume aus Beton.

Bevor die Sirenen mit ihrem nervenzerrenden Ton beginnen zu heulen, kommt bei allen Israelis eine Vorwarnung auf dem Mobiltelefon an. Das Heimatfrontkommando der Armee verschickt den »Amber Alert«, eine Push-Nachricht, begleitet von einem schrillen Klang, die ankündigt, dass in den kommenden Minuten Raketenalarm erwartet wird.

Bei Angriffen aus größerer Entfernung, wie aus dem Iran, trifft diese Warnung meist mehrere Minuten vorher ein, manchmal bis zu zehn. Erst danach ertönt draußen die eigentliche Sirene: ein auf- und abschwellender Heulton, den in Israel jeder sofort erkennt. Von diesem Moment an bleiben etwa 90 Sekunden, um einen Schutzraum zu erreichen.

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Dort sitzen sie dann zusammen: Nachbarn, Familien, Fremde – mitten in der Nacht, oft im Schlafanzug oder mit hastig übergezogenen Jogginganzügen und in Schlappen. Ist der letzte drin, wird die schwere Metalltür des unterirdischen Bunkers geschlossen, damit bei einem möglichen Einschlag keine Druckwelle hineinzieht.

Viele starren mit roten Augen auf ihre Handys, lesen die Nachrichten, senden »Wie geht es dir?«-Texte und warten auf die Entwarnung des Heimatfrontkommandos. Andere versuchen, ein paar Minuten auf den harten Bänken oder dem Boden zu schlafen.

Je tiefer die Nacht, desto leiser werden die Stimmen und die Gespräche kürzer. Müdigkeit legt sich wie eine schwere Decke über den Raum. Und doch gibt es in diesen Nächten auch immer wieder Unterhaltungen zwischen Sorge, Erschöpfung, ungebrochenem Lebensmut und manchmal auch mit einer gehörigen Prise schwarzem Humor.

Die folgenden Gesprächsfetzen sind mitgehört in einem öffentlichen Bunker in Tel Aviv:

1:20 Uhr – Der Alarm schrillt mit kurzem Abstand zweimal hintereinander

»Oh, heute gibt es 2 für 1.«
»Iranisches Sonderangebot.«

»Wo ist dein Sohn?«
»Er ist hier im Video. Yotam kann nicht mit in den Bunker laufen, vor zwei Wochen hat er sich das Bein gebrochen. Deshalb bleibt er zu Hause. Aber wir haben keinen Mamad. Wenn ich losgehe, facetimen wir, bis ich wieder zurück bin. Anders halte ich das nicht aus. Ich habe riesengroße Angst um ihn.«

»Kann mir jemand den Unterschied zwischen den Raketen aus dem Iran und denen aus dem Libanon erklären? Ich habe erst vor einem Monat Alija gemacht.«
»Wo kommst du her?«
»Russland.«
»Stimmt, hier ist es besser.«
»Auf jeden Fall.«
»Also, bei denen aus dem Iran gibt es die Warnung auf die Handys, dann hast du ein paar Minuten. Bei denen aus dem Libanon geht die Sirene los und dann rennst du am besten so schnell du kannst.«

»Könntest du ein bisschen Platz machen? Meine Frau ist schwanger.«

»Entschuldigung, ich muss da hinten auf die Bank.«
»Aber es gibt hier doch keine Reservierungen.«
»Aber mein Hund hat Angst vor all den größeren Hunden.«
»Es stinkt hier nach Hunden!«
»Ja, sollen wir die denn zu Hause lassen?«

»Aba, kann ich noch ein Bonbon haben?«
»Nein, du hattest schon drei. Dann kannst du gar nicht mehr schlafen.«
»Ich will in mein Bett.«

»Ich bin aus Brasilien gekommen, um in Israel die Liebe zu finden, aber ich bin mir nicht sicher, ob das im Bunker funktioniert.«
»Warum nicht? Schau dich doch mal um.«
»Aber ich kann doch nicht einfach jemanden ansprechen…«
»Wieso denn nicht. Kleiner Tipp: Bring Popcorn mit oder back einen Kuchen und biete es an. Dann klappt es bestimmt.«
»Hm, gute Idee.«

1:45 Uhr – Das Heimatfrontkommando schickt die Entwarnung auf die Handys

»Können wir?«
»Ja, Meldung ist da.«

»Ich hoffe, das war’s für heute.«
»Wenn nicht, kann ich wenigstens meine Steuererklärung fertig machen. Wenn schon kein Schlaf, dann wenigstens produktiv sein.«
»Das nenne ich Multitasking!«

3:05 Uhr – Der Alarm schrillt

»Wow, was war das? Iron Dome?«
»Nein, das war die Tür. Die muss richtig geschlossen sein. Wegen der Druckwelle bei einem Einschlag.«

»Ich fühle mich nicht gut.«
»Ganz ruhig atmen. Hier, halt meine Hand. Hat jemand Wasser? Sie hat Angst.«
»Vor der Sicherheitsluke stehen Flaschen und Becher.«
»Danke… mein Herz rast immer noch.«
»Wo kommst du her?«
»Aus New York. Ich bin zu Besuch hier. Die Nächte sind hart.«
»Ja, das sind sie. Aber das geht auch vorbei. Hier sind wir sicher. Du musst dich nicht sorgen.«

»Hey, dies ist ein öffentlicher Bunker, da kannst du nicht einfach gehen, wenn du magst. Wenn du die Tür öffnest, gefährdet es uns alle.«
»Aber zehn Minuten sind um.«
»Diese Regel gilt schon lange nicht mehr. Wir müssen warten, bis die Entwarnung kommt.«

»Ich bin als Soldat allein nach Israel gekommen. Meine ganze Familie ist in Spanien.«
»Hast du hier gar keine Verwandten?«
»Nein, niemanden. Aber Freunde.«
»Meine Eltern sind geschieden. Ich will, dass meine Mutter auch Alija macht. Aber sie spricht kein Hebräisch.«
»Und will sie denn einwandern?«
»Sie sorgt sich wegen der andauernden Kriege. Kannst du das verstehen?«
»Ahm, naja eigentlich schon. Vielleicht wartet sie lieber noch etwas.«

3:30 Uhr – Die Entwarnungsmeldung pingt

»Uff, ich will nur noch in mein Bett.«
»Ja, fragt sich bloß, wie lange wir da bleiben.«
»Ach komm, das muss es doch für heute gewesen sein.«
»Laila Tow - gute Nacht!«
»Hoffentlich. Laila Tow!«

4:15 Uhr – Der Alarm schrillt

»Schon wieder?«
»Ja, ich kann es nicht glauben.«
»Wahrscheinlich haben die Iraner jetzt gecheckt, dass sie uns auf diese Weise treffen können, wo sie uns schon nicht wirklich treffen. Sie bringen uns nicht um, sie machen uns zu Zombies.«
»Ja, der Psychoterror wirkt. Ich bin so platt.«

»Ist das der zweite oder dritte Alarm?«
»Ich habe aufgehört zu zählen.«
»Ich habe meine Klamotten einfach angelassen. Sogar die Jacke.«

»Wozu hast du zwei Kissen mit?«
»Ich kann nicht mehr sitzen. Diese Bänke sind so hart.«
»Schau mal, die haben hier geschlafen.«
»Ja, aber die Matratzen sehen nicht sehr bequem aus.«
»Vielleicht bekommen sie so ein Auge zu. Gar nicht dumm.«

»Mama, warum knallt die Tür immer so laut?«
»Sie ist aus dickem Metall. Damit uns nichts trifft, wenn draußen etwas explodiert.«

»Mein Sohn fragte, warum die Raketen immer nachts kommen.«
»Was hast du gesagt?«
»Dass die Iraner tagsüber auch arbeiten müssen.«

4:35 Uhr – Die Entwarnungsmeldung pingt

»Ich bleibe einfach hier sitzen. Es lohnt sich nicht hochzugehen.«

»Liebe Iraner, eure Botschaft ist angekommen. Bitte nicht nochmal. Nicht heute.«

»Wie spät ist es?«
»Halb fünf.«
»Dann können wir eigentlich gleich wach bleiben.«
»Fehlt nur noch Kaffee.«
»Ich mache welchen. Kommst du mit?«
»Gern. Aber nur, wenn du Becher zum Mitnehmen hast. Falls es nochmal schrillt.«
»Hab ich. Komm, bevor es wieder losgeht.«
»Na dann - boker tow - guten Morgen!«

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