US-Friedensplan

Mit der Hoffnung kommt die Angst

Auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv Foto: Flash90

Es ist wie an jedem Samstag nach Schabbatende, wenn die Familien und Unterstützer auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv zusammenkommen, um für die Freilassung ihrer Liebsten zu demonstrieren: ein Meer aus Plakaten mit den bekannten Gesichtern – Gali und Ziv, Matan, Omer, Avinatan, Inbar und die anderen. Sie alle sind seit zwei Jahren Geiseln in der Gewalt der Hamas in Gaza. Und doch ist an diesem Abend etwas anders: Hoffnung liegt in der Luft. Es ist der erste Samstag nach der Ankündigung des neuen Plans für ein Ende des Krieges in Gaza von US-Präsident Donald Trump.

Und so gibt es viele, die Plakate auf Englisch hochhalten. »Thank you, Mr. President« steht auf einigen, »You are our great hope« auf anderen, in der Hoffnung, dass die Bilder auch in Washington gesehen werden. In der Mitte der Menge halten die Demonstranten ein überdimensionales Schild mit den Worten »Jetzt oder nie« in die Höhe.  

200.000 Menschen demonstrieren im ganzen Land

»Dies ist die Stunde, in der ganz Israel zusammenstehen und laut fordern muss: Tun Sie alles Mögliche, um unsere Brüder und Schwestern nach Hause zu bringen«, so eine Erklärung des Forums für die Familien der Geiseln.

Israel stimmte Trumps Friedensplan Anfang der Woche uneingeschränkt zu.

Nach Angaben der Sicherheitskräfte sind es rund 200.000 Menschen, die im ganzen Land auf die Straße gehen, um für einen Geiseldeal und ein Ende des Krieges in Gaza zu demonstrieren. Die größte Kundgebung findet wie immer auf dem Platz der Geiseln statt.

»Trump sieht uns«, sagt Einav Zangauker, eine der lautesten Verfechterinnen eines Deals und scharfe Kritikerin der Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, auf der Bühne ins Mikrofon. Sie ist die Mutter der 25-jährigen Geisel Matan Zangauker. »Er sieht und versteht, dass es das ist, was die überwältigende Mehrheit der Israelis will – die Geiseln in Freiheit. Sie sind das schlagende Herz unseres Landes.«

»Netanjahu, nimm uns nicht den Sauerstoff zum Leben und die Hoffnung«, warnt sie den Premierminister dann direkt. »Zwei Jahre sind viel zu lange. Und das Volk würde es niemals verzeihen.« Für den Regierungschef seien es ihrer Meinung nach »nur« Geiseln. »Aber für mich ist es mein lieber Junge. Er ist mein ganzes Leben«, ruft sie und umarmt die ehemalige Geisel Ilana Gritzewsky, die Verlobte ihres Sohnes Matan, die neben ihr steht.

Liran Berman: »Wir dürfen nicht zulassen, dass ein weiterer Deal scheitert. Nicht schon wieder!«

Beide waren am 7. Oktober 2023 während des Massakers der Hamas aus ihrem Kibbuz Nir Oz entführt worden. Gritzewsky kam durch den ersten Geisel- und Waffenstillstandsdeal nach 55 Tagen frei.  

Als Nächster fordert Liran Berman die Rückkehr seiner Brüder, der Zwillinge Gali und Ziv Berman, die auch die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. »Mit der Hoffnung kommt aber auch die Angst«, spricht er ins Mikrofon. »Wird das Abkommen tatsächlich unterzeichnet? Ich weiß, dass meine kleinen Brüder am Leben sind. Doch werde ich sie jemals wiedersehen?« In Richtung der Menge fordert er: »Wir dürfen nicht zulassen, dass ein weiterer Deal scheitert. Nicht schon wieder!«

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Auch die ehemalige Geisel Omer Shem-Tov ist an diesem Abend hier. Er, der Trump nach seiner Freilassung im Februar dieses Jahres in Washington persönlich begegnete, wendet sich auf Englisch direkt an ihn: »Sie müssen dafür sorgen, dass dieses Abkommen zustande kommt, Sie müssen dafür sorgen, dass die Hamas es unterzeichnet. Es sind schon zwei Jahre vergangen«, sagt er und fügt hinzu: »Die ganze Welt schaut zu.«

Premier Netanjahu hält Fernsehansprache

Während die Familien und ehemaligen Geiseln in Tel Aviv zur Menge sprechen, hält Netanjahu eine Fernsehansprache an die Nation. Er hoffe, die Freilassung der in Gaza festgehaltenen Geiseln »in den kommenden Tagen« bekannt geben zu können.

»Es ist ein großartiger Plan für Israel, und es gibt keinen Grund, ihn nicht umzusetzen. Allerdings ist die vorrangige Frage, ob die Hamas in den Verhandlungen wirklich allen Details zustimmt und sich dann an die Abmachungen hält«, sorgt sich Yuri Balanovski, der gekommen ist, um die Angehörigen in ihrem Anliegen zu unterstützen, den Deal bei der Regierung in Jerusalem durchzudrücken. Er habe mehr Hoffnung als je zuvor. »Denn ohne Hoffnung, was haben wir dann noch …«

Auch Maayan Weiss meint, dass es sich dieses Mal anders anfühlt. Sie trägt ein Schild, auf dem sie in fetten Lettern geschrieben hat: »Don’t stop!« Darüber klebt ein Bild des US-Präsidenten. »Und das liegt an ihm allein«, sagt sie und zeigt auf das Plakat in ihrer Hand. »Es ist der Druck, den Trump auf alle Seiten ausübt. Denn niemand kann sagen: ‚Es ist egal, was die USA wollen.‘«

Maayan Weiss: »Ich hoffe so sehr, dass dies die allerletzte Demonstration für die Befreiung der Geiseln ist.«

Allerdings hat sie auch Sorge, dass die Amerikaner das Interesse verlieren könnten zu intervenieren, sollten die beteiligten Seiten die Umsetzung der Punkte des Plans hinauszögern. »Wir können Amerika nicht endlos mit unseren Problemen belasten. Ich glaube wirklich, dass es unsere letzte Chance ist, den Krieg zu beenden, während es noch lebende Geiseln gibt.«

Die Studentin trägt ein weißes T-Shirt mit dem Slogan des Familienforums »Bring them home now«. Es ist ihr größter Wunsch, dass sie es nie wieder tragen muss. »Ich hoffe so sehr, dass dies die allerletzte Demonstration für die Befreiung der Geiseln ist.«

Vor ihr auf der Bühne spricht die Schwester der toten Geisel Hadar Goldin. Ihre Stimme bricht, als sie über ihren jüngeren Bruder spricht. Versagt den Angehörigen die Stimme, unterstützen die Tausenden mit einem Sprechgesang: »Atem lo levad – anachnu itchem!« Ihr seid nicht allein, wir sind mit euch. Auch an diesem Samstag klingen diese Sätze durch die Luft des warmen Spätsommerabends. Doch immer öfter ist auch ein weiteres Wort zu hören: »Od’mead …« Bald.

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