Geschichte

»Leben in Aden«

Herr Goldsmith, Sie leiten das »Aden Jewish Heritage Museum« in Tel Aviv. Wie kamen Sie dazu?
Ich muss vielleicht etwas ausholen: Unser Museum ist eine Synagoge, die sich wiederum in einem Haus befindet, das als Bauhaus-Gebäude gelistetet ist. Es wurde 1938 vom Architekten Yehuda Magidovitch erbaut. Er war der erste Chefarchitekt in Tel Aviv und hat mehr als 500 Gebäude entworfen. Viele davon sind Teil der »Weißen Stadt« und somit durch die UNESCO geschützt. Das vielleicht berühmteste ist das Esther Cinema. Und Esther war meine Großmutter. Sie wiederum war die Enkelin von Yehuda Menachem Moshe, der die Synagoge in der Lilienblum Street gegründet hat, wo sich heute das Museum befindet.

Wer war Menachem Moshe?
Er war der Präsident der Synagoge in Aden, hat sein ganzes Leben in Aden verbracht, reiste mit seinem Bruder nach Ägypten, Europa und in das damalige Palästina. Seit dem Ende der britischen Besatzung ? in Aden 1939 stellte die Familie Mosche die Vorsitzenden der Gemeinde bis 1967. Sie haben in Aden, Ägypten, Äthiopien und Israel über zehn Synagogen gegründet. Als Historiker habe ich mich mit diesem Thema natürlich sehr ausführlich befasst. Mein Cousin Uriel Messa ist Fotograf, und wir sammeln beide viele Dokumente und Artefakte der Gemeinde und der Familie. Irgendwann beschlossen wir, alle diese Dinge einem größeren Publikum zugänglich zu machen.

Seit die letzten Juden Aden verlassen haben, sind 50 Jahre vergangen. Wie sind die ersten Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft nach Israel gekommen?
Die Auswanderung begann schon in den frühen 20er-Jahren. Es gab zu diesem Zeitpunkt noch nicht dieses eine Ereignis, das sie zum Verlassen Adens veranlasste. Denn sie hatten dort ein gutes Leben. Die Stadt war eine britische Kolonie, Christen, Muslime, Europäer und Juden lebten zusammen – alle hatten den gleichen Stand. Aus wirtschaftlichen Gründen und auch, weil der Gedanke des Zionismus stärker wurde, haben viele schließlich Aden verlassen. Bis 1948 lebten etwa 1000 Menschen aus Aden in Eretz Israel. Kurz nach dem UN-Teilungsplan für Palästina begannen in Aden Ausschreitungen. 78 Juden wurden ermordet, Häuser und Geschäfte wurden zerstört. Der größte Teil der Gemeinschaft ging dann Anfang der 50er-Jahre nach Israel. Etwa 850 Juden blieben in Aden. Die letzten 80 Juden verließen die Stadt im Juni 1967, nur wenige Wochen, bevor sich die Briten aus Aden zurückzogen.

Wie waren sie auf das Leben in einem neuen Land vorbereitet?
Sie bekamen in Aden eine gute Ausbildung – Jungen und Mädchen. Yehuda Menachem Mosche gründete die Jungenschule 1912, die Mädchenschule eröffnete 1928. Der Lehrplan war mit dem in Palästina identisch und der Unterricht war auf Hebräisch. Es gab sogar Lehrer, die aus Palästna nach Aden kamen. Von daher hatten die Menschen, die von Aden nach Palästina gingen, einen guten Start. Viele von ihnen waren Geschäftsleute. Und die gab es in den 50er-Jahren kaum in Israel. Die Einwanderer kamen also in eine Art berufliches Vakuum. Sie arbeiteten sehr hart, aber sie wurden ihrer Herkunft wegen nicht diskriminiert.

Können Sie ein paar Beispiele nennen, worin sich die adenitische Tradition von den anderen jüdischen Traditionen unterscheidet?
Die adenitische Tradition ist eher wie die sefardische, aber die Grundlage der Gebetsordnung ist die jemenitische. Nach dem Ende der britischen Besatzung orientierten sich die Adener eher an den Traditionen der Juden in Ägypten oder Palästina als an denen in Sanaa, also im Jemen. Auch die Grabsteine der Adener unterscheiden sich von denen der Juden im Jemen. Der Text, der auf den Grabsteinen steht, ist viel länger.

Zu Ihnen kommen viele Zeitzeugen, die durch Sie ihre Kindheit oder der Geschichte ihrer Familie begegnen können. Wie fühlt sich das an?
Mich macht das sehr stolz, dass viele Menschen hier im Museum mit ihrer Vergangenheit quasi in Kontakt treten. Es sind Menschen, die zum Teil zum ersten Mal etwas über ihre Familie erfahren. Und dies zu sehen, ihre Geschichten zu hören, kann ich nicht in Worte fassen, das muss man erleben.

Mit dem Historiker sprach Katrin Richter.

www.facebook.com/AdenJewishHeritageMuseum

EU-Sanktionen

Israel bietet Hilfe bei Verfolgung von Revolutionsgarden an

Die Europäische Union hat die Elite-Einheit des Mullah-Regimes auf die Terrorliste gesetzt. Nach Ansicht des israelischen Botschafters dient das auch der inneren Sicherheit in Deutschland

 30.01.2026

Gazastreifen

Grenzübergang Rafah soll Sonntag geöffnet werden

Die Öffnung gelte begrenzt für den Personenverkehr, teilte die israelische Armee mit

 30.01.2026

Israel

Möglicherweise bald Primark in Israel

Wegen hoher Versand- und Logistikkosten hat der europäische Kleidungsdiscounter die Region bisher gescheut. Doch nun scheint es Verhandlungen zu geben

 30.01.2026

Wissenschaft

Israelische Studie: Gene beeinflussen Lebenserwartung stärker als gedacht

Das Weizmann-Institut liefert überraschende Erkenntnisse: Demnach bestimmt das Genom deutlich mehr über das erreichbare Lebensalter, als bisher angenommen

 30.01.2026

Tel Aviv

Fast zwei Millionen Israelis leben unter der Armutsgrenze

Besonders besorgniserregend: Fast jedes vierte Kind in Israel wächst in Armut auf

 30.01.2026

7. Oktober

Ex-Geisel Alexander Troufanov: »Erst jetzt können wir wieder atmen«

Nach der Rückkehr der sterblichen Überreste Ran Gvilis fühlt sich Alexander Troufanov endlich frei, wie er in einem Interview erzählt

 30.01.2026

Spannungen in Nahost

Israel bereitet sich auf mögliche Eskalation mit Iran vor

Ministerpräsident Benjamin Netanjahu berät sich mit führenden Sicherheitsvertretern zu einem offiziell als »geheim« bezeichneten Thema. Steht eine Entscheidung der USA über einen Angriff gegen das Teheraner Regime kurz bevor?

 30.01.2026

Jerusalem

Israels Streitkräfte verzichteten auf Angriffe, um Geiseln zu retten

Die Entscheidung, einzelne Terroristen nicht zu töten, habe während des Krieges ein Dilemma dargestellt: Einerseits sollten Bedrohungen neutralisiert werden, andererseits konnten Terroristen wertvolle Informationen liefern, sagt ein IDF-Offizier

 30.01.2026

Doha/Gaza

Hamas: Komplette Entwaffnung kommt nicht infrage

Moussa Abu Marzouk, Mitglied des Hamas-Politbüros, sagt, die Organisation habe zu keinem Zeitpunkt einer Übergabe aller Waffen zugestimmt

 30.01.2026