Wirtschaft

Küchenchefs mit Bauchschmerzen

Nicht überall ist es so gut besucht: Tel Avivs neue Ausgehmeile Sarona Foto: Flash 90

Israel ist für seine hervorragende Küche bekannt. Cafés, Bars und Restaurants reihen sich in den Großstädten aneinander und laden zu den verschiedensten kulinarischen Genüssen ein. Auch für die Einheimischen gehört ein gutes Essen außer Haus zum mediterranen Lebensgefühl. Doch seit einigen Wochen haben Israels Gastronomen starke Bauchschmerzen. Während der Militäroperation »Protective Edge« im Sommer herrschte in den meisten Lokalen des Landes gähnende Leere. Und die Branche erholt sich kaum. Immer mehr Betriebe müssen schließen.

Erst kam der Krieg, dann die Stagnation der Wirtschaft. Die Flaute ist von Nord bis Süd zu spüren: in Tel Aviv, Jerusalem, Haifa, Eilat, an der Küste und in der Wüste. Dabei trifft es nicht nur jene, die gerade eröffnet haben, sondern auch die gut gehenden, die eingesessenen, die angesagtesten Restaurants.

Geld Manche der bekanntesten haben bereits zugemacht. Darunter das Sergos in Tel Aviv, das Stix oder die Restaurantkette »10 Idelson«, die nach Jahren des Betriebs vor einigen Wochen alle fünf Filialen schloss. »Wir haben wirklich versucht, etwas Gutes zu machen, doch wir hatten die schwierige Situation einfach nicht mehr im Griff«, berichtet einer der Eigentümer, Tal Karmon. »Der Krieg hat uns den Rest gegeben. Von einem Tag auf den nächsten hatten wir 70 Prozent weniger Einkünfte, die hohen Kosten mit bis zu 70 Angestellten aber blieben gleich.«

Von Kollegen in der Branche weiß Karmon, dass viele regelmäßig mit sich hadern, ob sie den Laden schließen sollen. »Die Situation ist nicht mehr so wie vor dem Krieg. Die Leute haben einfach weniger Geld in der Tasche.«

In Tel Aviv spiele zudem die Übersättigung des Marktes eine Rolle, meinen Kenner der Szene. Immer mehr Läden sprießen wie Pilze aus dem Boden. Neuestes Projekt: Sarona. Das ehemalige Templerviertel im Herzen von Tel Aviv wurde aufwendig renoviert und ist jetzt Ausgehmeile auf 8000 Quadratmetern. In 85 Lokalen kann man essen und trinken. Bis 2018 sollen weitere 10.000 Quadratmeter hinzukommen.

Gastronomie gehört in Israel zu einem der risikoreichsten Geschäfte überhaupt. Viele Läden kommen und gehen so schnell, dass man sich nicht einmal den Namen merken kann. Dennoch sei dies eine besonders harte Zeit, bestätigt die Marktanalyseagentur Dun & Bradstreet. »Seit Juni ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Betrieb innerhalb der nächsten zwölf Monate schließen muss, von 4,3 auf 5,2 gestiegen.« Zachi Baraki von der Agentur weiß, dass die Risikorate für eine Schließung im Gastronomiesektor um 45 Prozent höher liegt als in anderen Bereichen. »Und das Schlimmste wird erst noch kommen.«

Das spüren auch viele Gastronomen in Jerusalem. Im alteingesessenen Eucalyptus, das in seinen 28 Jahren so manche Berühmtheit verköstigte, sind die Plätze leer. Chef Mosche Basson liebt sein Lokal und seine Arbeit noch immer, doch leben kann er davon momentan kaum noch. In den vergangenen Monaten seien die Einkünfte um 80 Prozent geschrumpft. »Wir haben zwar keine Raketen wie die Leute am Gazastreifen abbekommen, aber auch wir wurden getroffen«, sagt er traurig. Sein Geschäft hänge zu 90 Prozent von Touristen ab, 40 davon kämen aus dem Ausland. Und die sind noch nicht wieder in vollem Maße zurück, wie er jeden Tag feststellt. Noch immer nehme das Eucalyptus Beträge in zweistelliger Höhe weniger ein als im Vorjahr.

Reduziert Auch das Restaurant Chez Eugène in der Wüstenstadt Mizpe Ramon hat den Krieg nicht überlebt. Nach wenigen Wochen ohne einen einzigen Gast machte es zu. Das dazugehörige Hotel hielt den Betrieb aufrecht, »aber auch hier blieben die Betten leer«, sagt Geschäftsführerin Naomi Dvora. »Wir haben die Preise um fast die Hälfte reduziert und die Leute aus der Gazaregion eingeladen, sich bei uns zu erholen. Doch es kam niemand.«

Der Sommer sei eine außergewöhnlich schwere Zeit für Israel gewesen, meint die Fachfrau. »Die Moral war im kompletten Land und der gesamten Bevölkerung am Boden. Die Menschen verließen ihre Häuser kaum noch. Schon gar nicht, um in ein Restaurant zu gehen.« Für kleine Orte in der Peripherie, die fast komplett auf Tourismus aus dem In- und Ausland angewiesen sind, wie Mizpe Ramon, sei die Auswirkung extrem. Das Chez Eugène musste die gesamte Belegschaft entlassen, insgesamt verloren acht Menschen von einem Tag auf den anderen ihren Job.

»Wir warten darauf, dass die ausländischen Gäste wiederkommen«, sagt Dvora, während sie in der leeren Lobby des Boutiquehotels steht, »und hoffen, dann auch das Restaurant wieder zu eröffnen.« Allerdings gehe das sehr langsam und verhalten vonstatten. »Wenn Besucher kommen, wundern sie sich oft, wie sicher und ruhig es hier ist. Leider ist das Bild von Israel im Ausland noch immer verzerrt. Und das bekommen wir direkt zu spüren.«

Die israelische Restaurant- und Barvereinigung kritisiert die Regierung dafür, dass lediglich Geschäfte im Umkreis von 40 Kilometern vom Gazastreifen für Verluste kompensiert werden, die während »Protective Edge« entstanden sind. Es stehe außer Zweifel, dass der Vergnügungs- und Tourismusbereich im ganzen Land großen Schaden genommen hat. »Die Regierung spricht immer von der Bedeutung der kleinen und mittleren Unternehmen, die gestärkt werden müssen. In der Realität aber werden die völlig sich selbst überlassen«, schimpft Vereinigungsleiter Schai Berman.

Die Israelis lieben ihre Esskultur, kehren gern nach einem langen Arbeitstag in ein Restaurant ein. Doch in vielen Lokalen bleibt jetzt die Küche kalt – für immer.

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