Haifa

Klinik in der Tiefgarage

Jeden Morgen, wenn Liora Utitz ihr Auto im dritten Untergeschoss der Tiefgarage des Rambam-Hospitals in Haifa parkt, regt sich in ihr ein kleines Glücksgefühl. Wenn sie die Wagentüre zuwirft und das Echo dumpf von den Wänden widerhallt. Wenn ihre Absätze über den glänzenden grauen Boden klackern und ihr die giftgrünen Markierungen der Betonpfeiler entgegenleuchten. Wenn sie aus dem wohligen Dämmerlicht in die neonhelle Halle tritt.

Tatsächlich ist die Tiefgarage selbst der Grund für Liora Utitz’ allmorgendliche Glücksgefühle. Es ist nämlich kein gewöhnliches Parkhaus. Hier werden nur in Friedenszeiten Autos abgestellt – in Kriegszeiten verwandelt sich die Tiefgarage des Rambam in eine komplette Klinik für 2000 Patienten. Das größte Hospital im Norden Israels setzt sich in seinen Untergeschossen fort.

Es hat vier Operationssäle, 85 Intensivbetten, 94 Dialyseplätze, Isolierstation, Labor, Blutbank, mobile Röntgengeräte, Kinderkrippe und Synagoge – eine unterirdische Stadt geradezu. »Ein Ort, an dem sich Patienten und Mitarbeiter sicher fühlen können«, bemerkt Liora Utitz, leitende Krankenschwester am Rambam-Hospital und Koordinatorin für Katastrophenschutz. »So sicher es eben hier in Israel geht.«

Alltag Das Notfallkrankenhaus des Rambam ist das größte unterirdische Hospital der Welt und seit dem vergangenen Jahr voll einsatzbereit. Bislang ist der Ernstfall zwar ausgeblieben. Aber es sei nur eine Frage der Zeit, bis sich die Bunker-Klinik in der Wirklichkeit tatsächlich auch bewähren müsse, sagt Utitz. Und setzt lakonisch hinzu: »Gewalt gehört bei uns zum Alltag, leider.«

An Israels Nordgrenze steigt die Gefahr von neuen Raketenangriffen der radikal-islamischen libanesischen Hisbollah-Miliz. Die verfüge mittlerweile über das Waffenarsenal einer regulären Armee, heißt es in israelischen Militärkreisen. 1500 Raketen seien auf Israel gerichtet. Immer wieder wurde das Rambam in den vergangenen Monaten in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt.

Liora Utitz, eine Frau mit fester, ruhiger Stimme, arbeitet seit fast 30 Jahren als Krankenschwester in der Notaufnahme, auf der Intensivstation und in der Kinderklinik des Rambam, und zwischendurch in einem Kibbuz östlich von Haifa. Seit zehn Jahren ist sie für Notfallvorsorge zuständig und hat geholfen, das Bunker-Hospital zu planen.

LibanonKrieg
Das Untergrundkrankenhaus ist aus einem Kriegszustand heraus entstanden. Im Jahr 2006, während des zweiten Libanonkriegs, trafen Tausende Hisbollah-Raketen den Norden Israels. 34 Tage lang schlugen in Haifa und im Stadtteil Bat Galim – dort, wo das Rambam liegt – immer wieder Flugkörper ein. »Wir haben in einem Feuersturm gearbeitet«, erinnert sich Utitz. Damals gab es im Rambam nur einen kleinen Luftschutzkeller, der nur sehr wenigen Patienten und Mitarbeitern Platz bot. »Der einzige Trost war, dass wir alle zusammen in der gleichen Angst lebten.«

Die Raketen schlugen rund um das Krankenhaus ein, verfehlten es aber selbst. »Damals ist uns klar geworden: Beim nächsten Krieg können wir uns nicht auf ein Wunder, auf das Glück, den Zufall oder die Statistik verlassen«, sagt Shimon Reisner, stellvertretender klinischer Direktor des Rambam, Kardiologe und ehemaliger Feldarzt der israelischen Armee.

team In den Monaten nach dem Krieg sammelte ein Team aus Ärzten und Klinikmanagern Anregungen für ein raketensicheres Krankenhaus, sprach mit Katastrophenschutzexperten in aller Welt. Die ausschlaggebende Idee kam beim Besuch einer Klinik in Singapur, deren Tiefgarage in ein provisorisches Nothospital für 400 Patienten umgewandelt werden konnte. So etwas sollte auch in Haifa entstehen, nur größer, sicherer, perfekter.

Die Bauarbeiten begannen 2008, mussten jedoch immer wieder unterbrochen werden, weil es Wassereinbrüche gab. Das Bunker-Hospital ist auf drei Ebenen angelegt, liegt 17 Meter tief unter der Erde und acht Meter unter dem Meeresspiegel. »Man muss sich das Untergrundkrankenhaus wie eine riesige Betonbox vorstellen«, sagt Reisner. »60.000 Quadratmeter groß und umgeben von Wasser.«

Rund 140 Millionen Euro kostete der unterirdische Koloss, mehr als doppelt so viel wie eine normale Tiefgarage. Finanziert wurde das Projekt vom Staat und durch private Spenden vor allem aus Israel und den USA.

Konstruktion Boden und Wände des Tiefgaragenspitals sind aus einem speziell beschichteten und schmutzabweisenden Beton gefertigt. In den Decken wurden Klimaanlagen mit besonders leistungsstarken Luftfiltern installiert, ferner Leitungen für Sauerstoff und Duschanlagen. Die Wände sind von kilometerlangen Röhren durchzogen, in denen Sauerstoff- und Wassertanks, Stromgeneratoren, Medikamente und medizinische Geräte verstaut sind. Riesige Trennwände können im Krisenfall einzelne Bereiche des Notfallkrankenhauses abteilen. Hermetisch, wenn nötig.

Denn das Untergrundkrankenhaus von Rambam soll Schutz vor konventionellen und nichtkonventionellen Kriegen bieten, vor Raketen und Bomben, vor biologischen, chemischen und atomaren Angriffen. Innerhalb von 72 Stunden – so sieht es der Plan vor – kann das gesamte oberirdische Krankenhaus in den Untergrund verlegt werden und mindestens drei Tage lang abgeschnitten von der Außenwelt komplett funktionsfähig bleiben.

Zivilschutzübung Die Evakuierung der Klinik in den Keller erfolgt nach einem strengen Protokoll. Bis zu achtmal im Jahr finden im Rambam Zivilschutzübungen statt, oft zusammen mit dem Militär. »Jeder Arzt, jede Schwester, jeder Pfleger, jeder IT-Spezialist und jede Reinigungskraft weiß genau, was in jedem einzelnen Moment auf ihrer jeweiligen Position zu tun ist«, erklärt Liora Utitz. Welche Abteilungen und welche Patienten in welcher Reihenfolge evakuiert werden. Oder welche Geräte, Medikamente und Materialien mit in den Untergrund genommen werden. Soldaten und Freiwillige spielen bei den Trainingsübungen die Rollen von Patienten.

Israel exportiert seit Jahrzehnten seine Expertise im Zivilschutz und in der Notfallmedizin. So geben sich auch im Rambam regelmäßig Besucher aus aller Welt die Klinke in die Hand, von Regierungsvertretern aus China über Ingenieure aus den Tsunami-Regionen in Südostasien bis hin zu Katastrophenschutzexperten aus Kalifornien.

Einer der Besucher war Colonel John McManus. Er diente mehr als 20 Jahre lang in der US-Armee, war als Militärarzt in Bosnien, in Kuwait und im Irak im Einsatz. »Das Rambam ist einzigartig«, sagt McManus, der heute Notfallmedizin an der Augusta University im US-Bundesstaat Georgia lehrt. »Der Platz wird effizient genutzt: Tiefgarage im Frieden, Krankenhaus im Krieg. Das ist genial.«

patienten Ferner sei das Untergrundhospital in Haifa, anders als viele Feldkrankenhäuser oder befestigte Schutzräume, nicht nur auf die kurzfristige und provisorische Versorgung von Kriegs- und Katastrophenopfern angelegt, sondern auch für eine längerfristige Behandlung von Patienten bestimmt.

Schließlich: Israel sei aufgrund seiner historischen Erfahrung und politischen Situation eher als andere Länder bereit, massiv in Notfallvorsorge zu investieren und, so McManus, »sich proaktiv gegen Gefahren zu wappnen«.

Das ist teuer. »Viele Millionen Dollar im Jahr«, so beziffert das Krankenhaus die Kosten für die dauerhafte Einsatzbereitschaft, für die Notfallübungen, die Wartung und Instandhaltung der Geräte, die in der Tiefgarage verstaut sind, für die ständige Auffrischung des Bestandes an Wasser, Sauerstoff und Medikamenten mit Verfallsdatum. »Die Motivation, kontinuierlich und mit langem Atem in eine Situation zu investieren, die eintreten kann, aber nicht eintreten muss, ist außerhalb Israels nicht besonders groß«, sagt John McManus. Nicht in den USA und nicht in Europa.

herausforderungen Bei allem Lob für das Notfallkrankenhaus von Rambam birgt das Leben 17 Meter unter der Erde seine eigenen Herausforderungen. Ein offener Raum in einer geschlossenen Welt – so beschreibt Liora Utitz das Tiefgaragenhospital. Und zeichnet ein plastisches Bild vom Alltag im Untergrund: »Hier steht Bett an Bett in einer riesigen Halle. Hier gibt es keine Privatsphäre.« Da bringt eine Frau ein Kind zur Welt.

Ein paar Betten weiter ringt ein Mann mit dem Tod. Daneben bekommt ein Patient eine intravenöse Chemotherapie. Und noch ein Bett weiter liegt ein Soldat, dem die Ärzte gerade einen Granatsplitter aus dem Auge operiert haben.

Daneben lauern auch praktische Gefahren: ein erhöhtes Infektionsrisiko in den Behandlungsräumen, die trotz aller Trennwände schwer steril zu halten sind. Geringe Sauerstoffversorgung bei einer großen Zahl von Menschen. Oder eine unkontrollierte Verbreitung von Erregern nach einem biologischen Angriff.

Ernstfall Die vier Operationssäle im Untergrundkrankenhaus seien nur für absolute Notfälle eingerichtet, sagt Shimon Reisner. Sie sollen die zwölf überirdischen OPs unterstützen, die ebenfalls bombensicher sind. »Aber wenn ein solcher Notfall eintritt, können wir im Untergrund jede Operation durchführen.« Auch Eingriffe am offenen Herzen, sagt der Kardiologe ganz ungerührt.

John McManus hofft, dass es nicht so weit kommen wird. Dass der Ernstfall nicht eintritt, zumindest nicht für eine lange, lange Zeit. Liora Utitz denkt bescheidener, und sie hofft, dass der Ernstfall nicht ganz so bald eintritt. Dass sie noch möglichst oft das kleine Glücksgefühl genießen kann, am Morgen, wenn sie ihr Auto parkt – in der Tiefgarage des Rambam.

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