Analyse

Israels Einheit bleibt entscheidend

Der israelische Verteidigungsminister und General Mosche Dajan (l.) mit Generalmajor Ariel Scharon auf der ägyptischen Seite des Suezkanals während des Jom-Kippur-Krieges am 18. Oktober 1973 Foto: picture-alliance/ dpa

Um 14 Uhr an Jom Kippur, während das Gros der Israelis in den Synagogen um Vergebung, Frieden und Versöhnung betete, wurde ein Feuersturm aus Granaten und Bomben gegen die Streitkräfte Zions entfacht. Auf den Golanhöhen setzten sich 2000 Panzer der syrischen Armee in Richtung der dünn bemannten israelischen Linien in Marsch. Im Süden überquerten Zehntausende ägyptische Soldaten in Schlauchbooten den Suezkanal.

Die Invasion jährt sich nun in diesen Tagen zum 50. Mal. Kein Jude, der dies miterlebte, und nur wenige Nachgeborene in Zion können den Jom-Kippur-Krieg aus ihrem Gedächtnis verbannen. Was bedeutet der Waffengang für die Zukunft?

vorgeschichte Die Vorgeschichte beginnt mit dem Ende des Sechstagekrieges 1967. Damals gelang es den Israelischen Verteidigungskräften (Zahal), sich aus der tödlichen Umklammerung der Armeen Ägyptens, Syriens und Jordaniens durch eine grandiose Offensive zu befreien. Das von Jordanien besetzte Land westlich des Jordans wurde besetzt, ebenso wie die syrischen Golanhöhen, von denen aus Israel fortwährend terrorisiert worden war, und der von Ägypten besetzte Gazastreifen. Emotional am wichtigsten für Israelis und Juden: Ost-Jerusalem wurde erobert. Nach zwei Jahrtausenden stand ganz Jerusalem wieder unter jüdischer Herrschaft.

»Wir waren siegestrunken«, bekannte David Ben Gurion. Er plädierte für die Rückgabe aller besetzten Gebiete – mit Ausnahme Ost-Jerusalems – im Gegenzug für einen Frieden. Doch alle Staaten der Arabischen Liga beharrten auf den »drei Nein«: »Kein Frieden mit Israel. Keine Anerkennung. Keine Verhandlungen«. Ägyptens Diktator Nasser forderte offen Israels Vernichtung. Konsequent startete Ägyptens Armee mit sowjetischen Waffen einen Abnutzungskrieg am Suezkanal, der einen stetigen hohen Blutzoll forderte.

Schließlich einigten sich Israel und Ägypten 1970 auf einen Waffenstillstand. Israel arrangierte sich mit der Waffenruhe – und fühlte sich unangreifbar. Der Befehlshaber der Südfront, Israels späterer Premier General Ariel Sharon, warnte vor der Illusion. »Mit 20 Festungen, je 15 Mann den 160 Kilometer langen Kanal gegen eine Invasionsarmee von 100.000 Soldaten verteidigen zu wollen, ist Größenwahnsinn.« Sharon schlug einen Rückzug vom Kanal und eine flexible Verteidigung im Hinterland vor. Doch Verteidigungsminister Dayan verlegte lediglich 200 Panzer hinter die Bunker.

Das Ziel der Araber war eindeutig: die Zerstörung des jüdischen Staates.

Anfang Oktober warnte Jordaniens König Hussein Golda Meir vor einem Angriff Ägyptens und Syriens, der Mossad gab ebenfalls Alarm. Doch Israels Premierministerin vertraute US-Beistandsversprechungen. Und Moshe Dayan glaubte der militärischen Abwehr, die vorgab, es drohe keine Gefahr. Auch die Warnung des israelischen Nordkommandos nahm der Minister nicht ernst. Als die Israelis in der Nacht zu Jom Kippur endlich erkannten, dass der arabische Angriff bevorstand, wollte Zahal ihn mit einem Präventivschlag bremsen. Doch US-Außenminister Kissinger verbot Jerusalem jeden Gegenschlag.

invasion Stunden später begann die arabische Invasion. Die israelischen Bunker wurden überrannt, die wenigen Panzer wurden zerstört. Auf den Golanhöhen durchbrachen syrische Verbände die israelische Front. Doch das syrische Oberkommando glaubte an eine Falle Zahals und ließ seine Einheiten stoppen. Das rettete Israel davor, in zwei Teile zerschnitten zu werden.

In der Zahal herrschte zunächst Chaos. Hunderttausende Reservisten wurden alarmiert, sie mussten zu ihren Verbänden transportiert werden. Derweil bauten ägyptische Pioniere Nachschubbrücken über den Kanal. Israels Verluste an Menschen und Kriegsgerät waren gravierend. Es fehlten vor allem Panzer und Flugzeuge, um die wieder vorrückenden arabischen Armeen aufzuhalten. Washington gab vor, Zeit zu benötigen, um über neue Waffen für Israel zu entscheiden. Verteidigungsminister Dayan sprach von der »Zerstörung des dritten Tempels«, der Niederlage Israels.

Golda Meir indes erwies sich als eine bib­lisch »tapfere Frau«. Sie stabilisierte die Moral der Armeeführung und des Landes. An der Front erzwang der aus der Reserve mobilisierte Sharon am Kanal die Wende. Gegen den Befehl des Generalstabs überquerte er mit seinen Panzern den Wasserweg, marschierte gegen Kairo und besiegte so Ägypten. Im Norden kämpfte sich Zahal an Damaskus heran.

abhängigkeit »Israel hat den Krieg militärisch gewonnen, aber politisch verloren«, belehrte Henry Kissinger Golda Meir. So war es – und so bleibt es. Die Israelis mussten ihre Abhängigkeit von den USA einsehen, sie zogen ihre Verbände zurück. Vier Jahre später räumte Israel den Sinai vollständig – im Gegenzug zu einem kalten Frieden mit Ägypten. Israel bleibt trotz seiner modernen Armee auf Amerikas Hilfe angewiesen. Deutschland ist zum wichtigsten Partner Zions in Europa geworden.

Der gefährlichste Feind Jerusalems heute ist das Mullah-Regime im Iran. Es droht, Zion zu vernichten, und baut ein atomares Potenzial auf. Israel dagegen verfügt über nukleare Abschreckung – auch in Form von deutschen U-Booten. Doch entscheidend für Israels Überleben ist seine gesellschaftliche und politische Geschlossenheit. Den nationalen Konsens trotz aller Meinungsverschiedenheiten wiederherzustellen, dies ist die wichtigste Aufgabe aller Israelis. Nicht nur der Politiker.

Der Autor ist Historiker und wurde 1947 in Tel Aviv geboren.

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