Nahost

Israel greift mehr als 100 Stellungen der Hisbollah an

Nach einem Angriff der IDF im September gegen die Hisbollah-Terroristen steigt im Süden des Libanon Rauch auf. Foto: picture alliance / Anadolu

Israel erhöht massiv den militärischen Druck auf die Hisbollah im Libanon. In mehreren Angriffswellen bombardierten Kampfflugzeuge rund 100 Raketenabschussrampen der Terrororganisation, die laut Armee (IDF) mit rund 1000 Abschussrohren bestückt waren.

Die Raketenwerfer seien für unmittelbare Angriffe auf Israel vorbereitet gewesen. Den Angaben zufolge wurden auch Teile der Terror-Infrastruktur, darunter ein Waffendepot der Hisbollah im Südlibanon attackiert.

Libanesische Sicherheitskreise sprachen von einer der schwersten israelischen Angriffswellen seitdem die mit der Hisbollah verbündete Terrorgruppe Hamas den Krieg gegen Israel mit ihren Massakern vom 7. Oktober begann. Seither kam es täglich zu Angriffen der Hisbollah auf den Norden Israels. Es kam zu Todesopfern. Zehntausende Israelis mussten in den vergangenen Monaten evakuiert werden.

Das militärische Vorgehen vergrößert einerseits die Sorge vor einer weiteren Eskalation. Auf der anderen Seite hat Israel laut Beobachtern kaum eine andere Wahl. Der jüdische Staat will die Hisbollah aufgrund ihrer ständigen Attacken wieder aus dem Grenzgebiet verdrängen, um die Sicherheit seiner Bürger im Norden zu gewährleisten.

Luftschutzbunker

Nach den schweren Luftangriffen forderte die israelische Armee Bewohner mehrerer Gemeinden und Städte im Norden Israels auf, sich in der Nähe von Luftschutzbunkern aufzuhalten. Zivilisten sollen sich zudem am Wochenende von militärischen Übungsgebieten im Norden fernhalten.

Das Militär werde dort »Aktivitäten« ausführen, für Unbefugte herrsche daher Lebensgefahr. »Es ist möglich, dass in nahegelegenen Ortschaften Schüsse und Explosionen zu hören sein werden«, hieß es in einer Mitteilung der IDF. Zugleich wurden zuvor in Kraft getretene Bewegungsbeschränkungen für die Bewohner einiger Ortschaften aufgehoben.

Im Libanon herrscht die Sorge, Israel könnte eine Bodenoffensive im Süden des Landes vorbereiten. Im Fall eines solchen Einsatzes müssten im Norden Israels Truppen zusammengezogen werden. Die IDF würden weiterhin die Infrastruktur und die Fähigkeiten der Hisbollah schwächen, um den Staat Israel zu verteidigen, hieß es.

Kriegsziel

Vertreter des israelischen Militärs wollten Ministerpräsident Benjamin Netanjahu am Abend bei Sicherheitsberatungen Pläne für die Nordfront vorstellen, berichteten israelische Medien.

Wie die »Times of Israel« aus Militärkreisen erfahren haben will, möchte die Armee die Rückkehr der Zehntausenden aus dem Norden Israel geflüchteten Bewohner in ihre Häuser erreichen, ohne jedoch den Konflikt mit der Hisbollah zu einem regionalen Krieg auszuweiten. Israel hatte kürzlich die Rückkehr der Bewohner in den Norden zu einem Kriegsziel erklärt.

Die umfangreichen Luftangriffe erfolgten nach einem schweren Raketenbeschuss aus dem Libanon auf Gemeinden im Norden Israels, wie israelische Medien berichteten. Zwei israelische Soldaten wurden getötet - laut Armee ein 20 Jahre alter Soldat und ein 43 Jahre alter Reservist.

Lesen Sie auch

Nasrallah

Dem Zeitungsbericht zufolge starb der Reservist durch eine mit Sprengstoff beladene Drohne der Hisbollah, der jüngere Soldat bei einem Angriff der Hisbollah mit zwei Panzerabwehrraketen. Acht weitere Soldaten seien verletzt worden, hieß es.

Während der Angriffe lief im libanesischen Fernsehen eine Rede des Generalsekretärs der Hisbollah, Hassan Nasrallah. Darin nahm er Bezug auf die tödlichen Angriffe auf Kommunikationstechnik seiner Terrororganisation, warf Israel »versuchten Völkermord« vor und kündigte Vergeltung an.

»Innerhalb von zwei Tagen und binnen einer Minute pro Tag hat Israel darauf abgezielt, mehr als 5000 Menschen zu töten«, sagte er. »Dieser kriminelle Akt kommt einer Kriegserklärung gleich.« Allerdings war es die Hisbollah selbst, die den aktuellen Krieg im Norden am 8. Oktober begann.

Handfunkgeräte

Mindestens 37 Menschen kamen bei den Explosionen manipulierter Pager und Handfunkgeräte am Dienstag und Mittwoch nach Behördenangaben ums Leben. Die meisten von ihnen davon waren Hisbollah-Terroristen. Rund 3000 Personen wurden demnach verletzt.

Israel hat sich bislang nicht öffentlich zu den Angriffen bekannt. Nicht nur Nasrallah, auch Militär- und Geheimdienstexperten sehen Israel als Drahtzieher hinter den Explosionen.

»Kurzfristig ist dies eine außerordentliche taktische Leistung«, sagte Eyal Pinko, ein ehemaliger israelischer Geheimdienstmitarbeiter, dem »Wall Street Journal«. »Langfristig gesehen bringt das keinen militärischen oder politischen Erfolg«, meinte er.

Nasrallah kündigte an, den Beschuss Nordisraels fortzusetzen. Der »Widerstand im Libanon« werde seine Angriffe auf Israel nicht einstellen, bevor die »Aggressionen (Israels) gegen Gaza« aufhörten, sagte er in seiner im Fernsehen übertragenen Rede. Israel könne erst dann wieder Menschen in Sicherheit in den Norden zurückkehren lassen, wenn der Krieg im Gazastreifen gestoppt werde. Diesen Krieg begann die mit Nasrallah verbündete Hamas mit ihren Massakern.

Druck

Die Verhandlungen über ein Ende des Gaza-Kriegs, bei denen die USA, Ägypten und Katar zwischen Israel und der Hamas vermitteln, drehen sich jedoch seit Monaten im Kreis. Ranghohe US-Beamte räumten inzwischen in privaten Gesprächen ein, dass sie während der Amtszeit von US-Präsident Joe Biden, die im Januar enden wird, keine Einigung zwischen Israel und Hamas mehr erwarten, berichtete das »Wall Street Journal«.

»Eine Einigung steht nicht unmittelbar bevor«, sagte einer der US-Beamten. »Ich bin mir nicht sicher, ob sie je zustandekommt.«

Israel will derweil durch militärischen und diplomatischen Druck erreichen, dass der Beschuss des Nordens aufhört und sich die Hisbollah hinter den 30 Kilometer von der Grenze entfernten Litani-Fluss zurückzieht - so wie es eine UN-Resolution vorsieht. Danach sollen rund 60.000 Menschen, die sich aus der Region an der Grenze zum Libanon in andere Landesteile in Sicherheit bringen mussten, in ihre Häuser und Wohnungen zurückkehren können.

Israels Verteidigungsminister Joav Galant kündigte an, Israel werde die Angriffe auf die Hisbollah fortsetzen. »Die Serie unserer Militäraktionen wird weitergehen«, sagte er. »Mit der Zeit wird die Hisbollah einen wachsenden Preis zahlen.« dpa/ja

Interview

»Die meisten arabischen Staaten wollen, dass Israel gewinnt«

Dan Schueftan gilt als wichtigster israelischer Sicherheitsexperte. Er sieht Jerusalem so stark wie nie zuvor – und Europa auf einem ideologischen Irrweg

von Detlef David Kauschke  03.09.2026

Umfrage

Umfrage: Netanjahu-Lager holt auf, beide Blöcke bei 53 Mandaten

Noch vor einer Woche hatte dieselbe Umfrage ein deutlich anderes Bild ergeben. Damals lag die Opposition mit 57 Sitzen vorn

 03.09.2026

Missbrauch

Razzia gegen Kinderehen

Die Polizei ermittelt gegen eine strengreligiöse sektenähnliche Gruppe wegen illegaler Hochzeiten von Minderjährigen

von Sabine Brandes  03.09.2026

Jerusalem

Die Gewalt hat am Schabbat gesiegt

Wegen ultraorthodoxer Randalierer: Das Café Besimta der Bewegung »Juden für Jesus« öffnet samstags nicht mehr

von Sabine Brandes  03.09.2026

Gesellschaft

Rafael schlägt David

Die beliebtesten Kindernamen der Erstklässler in den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen von Jerusalem

von Sabine Brandes  03.09.2026

Debatte

Öffentlich-Rechtliche Medien: Macht euren Job, aber macht ihn besser!

Ein Appell von Esther Schapira

von Esther Schapira  03.09.2026

Jerusalem

Netanjahu sagt, Sicherheitschefs hätten ihn am 7. Oktober absichtlich nicht geweckt

Neu ist vor allem die Behauptung, die Sicherheitsführung habe ihn nicht lediglich aus einer Fehleinschätzung heraus nicht informiert, sondern sich bewusst dagegen entschieden

 03.09.2026

Rehovot

Israelische Forscher melden Erfolg bei Krebsforschung

Forscher des Weizmann Institute of Science entdeckten gemeinsam mit amerikanischen Wissenschaftlern einen bislang unterschätzten Mechanismus bei der Entstehung genetischer Mutationen

 03.09.2026

Jerusalem

Katz: Israel ist bereit, die freiwillige Ausreise aus Gaza zu ermöglichen

Die Hintergründe

 03.09.2026