Interview

»In Ägypten blieb mir der Mund offenstehen«

Rabbi Berman, wie sind Sie auf die Idee einer Pessach-Haggada aus der Sicht des Alten Ägypten gekommen?
Ich hatte schon lange vor, ins Nachbarland zu reisen und Verbindungen zwischen ägyptischen Inschriften und dem Tanach zu entdecken. Allerdings wollte ich mir die Pyramiden und Ausgrabungen nicht einfach als Tourist anschauen, sondern sie von einem Spezialisten erklären lassen, der Bezüge auf verantwortungsvolle Weise herstellt. Als ich von einer Reise hörte, die der Alttestamentler und Ägyptologe James K. Hoffmeier für Gelehrte und Geistliche anbot, war ich sofort begeistert.

Und dann sind Sie einfach nach Ägypten gereist?
Das bin ich. Einfach war es allerdings nicht, denn wir befanden uns auf dem Höhepunkt der Pandemie im Januar 2021. Der Ben-Gurion-Flughafen war eigentlich gesperrt, öffnete jedoch genau am Tag meines Fluges und schloss unmittelbar danach wieder. Es klingt unglaublich, war aber tatsächlich so. Es fühlte sich an, als hätte sich das Meer plötzlich für mich geteilt. Ich flog über Istanbul, direkte Flüge gab es nicht.

Waren Sie schon einmal in einem muslimischen Land?
Noch nie, und ich war etwas nervös, denn es ist mein Prinzip, meine Kippa offen – also ohne Hut darüber – zu tragen. Allerdings hatte ich keine einzige negative Begegnung. Und dann stand ich am Gate mit dem Schild »Kairo«.

Wie war es, Ägypten persönlich zu erleben?
Es war eine absolute Entdeckung, mir blieb der Mund offenstehen. Während man in Israel bei Ausgrabungen oft viel Fantasie braucht, um sich vorzustellen, wie es einmal war, ist in Ägypten so viel erhalten und klar zu erkennen. Ich hatte zwar bereits Studien verschiedener Gelehrter gelesen, spürte aber, dass es dort noch mehr gibt. Und es ist tatsächlich so viel mehr! Die Inschriften an den Wänden sind schier unendlich. Wir gingen etwa an einem der Gräber im Tal der Könige entlang, Hoffmeier erklärte mir etwas, und ich dachte nur: »Unglaublich!«

Geben Sie uns ein Beispiel für die Verbindungen, die Sie gefunden haben?
Die Symbolik, dass »G’tt das Volk Israel mit einer mächtigen Hand und einem ausgestreckten Arm aus Ägypten führte«, findet sich in der Tora ausschließlich im Zusammenhang mit dem Exodus, sonst nirgends. Schaut man sich die königlichen Inschriften aus der Epoche des ägyptischen Neuen Königreichs an, begegnet einem dieselbe Formulierung. Die Tora bedient sich hier also einer kulturellen Aneignung.

Ein weiteres Beispiel ist die Unterredung mit G’tt. Zu den faszinierendsten und eindrucksvollsten Bildern in Ägypten gehören Darstellungen, auf denen ein Pharao neben Götterfiguren abgebildet ist. Beide haben exakt dieselben Proportionen. Für das ungeübte Auge ist es schwer zu erkennen, wer Gottheit und wer Pharao ist, denn sie blicken einander direkt in die Augen. Augen und Nase befinden sich auf gleicher Höhe, die Lippen sind nur einen Hauch voneinander entfernt. Die Gottheit legt ihre Arme um die Taille des Pharaos und zieht ihn an sich – mit beinahe erotischen Untertönen.

Diese Bilder, die an Hunderten von Orten in Ägypten zu finden sind, sollen vermitteln, dass der Pharao von G’tt geliebt und auserwählt ist. In der Tora hingegen heißt es, dass Menschen G’tt im Allgemeinen nicht sehen können. Als Moses darum bat, G’tt zu sehen, antwortete dieser: »Du kannst mich nicht anschauen und am Leben bleiben.« Als die Israeliten jedoch zum Berg Sinai kamen, erklärte Moses, er habe »panim el panim« mit G’tt gesprochen, also »von Angesicht zu Angesicht«. Ich glaube, die Israeliten haben das Bild von den Ägyptern übernommen. Es war ihnen sicherlich vertraut, da es allgegenwärtig war.

Das, was Sie erklären, ist auch bildlich in Ihrer Haggada »Echoes of Egypt« zu finden. Was macht sie besonders?
Es ist die erste Haggada weltweit, die den Aspekt des Alten Ägypten ausführlich beleuchtet. Zudem ist es ein sehr visuelles Buch. Die Bilder sind nicht bloß schmückendes Beiwerk, sondern dienen als Erläuterungen zu meinen Kommentaren. Viele Haggadot mit textlastigen Kommentaren richten sich eher an ein intellektuelles Publikum. Doch oft lernen Menschen, besonders Kinder, besser visuell. Mir wurde häufig gesagt: »Ich habe das Buch gekauft, weil ich mich für Archäologie interessiere, aber meine Kinder lieben die Bilder und stellen Fragen dazu.« Das freut mich sehr.

Gleichzeitig hat sie intellektuelle Tiefe. Es gibt viele Menschen, die behaupten, es habe nie einen Exodus aus Ägypten gegeben, obwohl sie eine spirituell-religiöse Seite haben. Ihre intellektuell-kritische Ader lässt dies jedoch nicht zu. Oft fällt es ihnen schwer, die beiden Aspekte ihrer Persönlichkeit miteinander zu verbinden. Wenn die akademische Welt ihnen sagt, dass es so etwas wie Israeliten in Ägypten nie gegeben habe, möchte ich ihnen helfen, eine Brücke zu bauen.

Veränderte sich durch diese Reise auch persönlich etwas für Sie?
Oh ja. Eines Tages saß ich am Nil, trank einen Kaffee und stellte mir vor, wie ich – wenn der Messias kommt – Juden nach Ägypten bringe und ihnen mit einem Tanach in der Hand all das erkläre, was ich entdeckt habe. Das war etwa sechs Monate nach dem Abschluss der Abraham-Abkommen, die bei mir einen Sinneswandel ausgelöst hatten. Dann korrigierte ich mich: »Warum warten? Es ist doch bereits jetzt möglich.« So begann ich, selbst Reisen nach Ägypten zu organisieren und zu leiten.

Führen Sie diese heute noch durch?
Seit dem 7. Oktober und dem Ausbruch des Krieges ist das leider nicht mehr möglich. Deshalb wollte ich »ein Stück Ägypten« zu den Juden bringen. So entstand die Haggada mit den Echos von Ägypten.

Sie erwähnten die Abraham-Abkommen, die einen positiven Sinneswandel in Ihnen ausgelöst haben. Haben Sie nach wie vor Hoffnung?
Aber natürlich. Auch wenn ich glaube, dass die vergangenen zweieinhalb Jahre für uns die wahrscheinlich schwierigste Zeit ist, die wir als Juden je erlebt haben, gilt weiterhin das alte hebräische Sprichwort: »Awarnu et Par’o, na‘awor gam et se« – Wir haben Pharao überstanden, und das überstehen wir auch.

Die Fragen an Rabbiner Joshua Berman, Professor für Tanach an der Bar-Ilan-Universität, stellte Sabine Brandes

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