Angehörige der Geiseln

»Ich weiß, dass er lebt. Ich bin seine Mutter«

Angehörige der Geiseln. Hagit Chen (v.r.), Mutter von Itay; Yuval Buchshtab, Bruder von Yagev; Yehiel Yehoud, Vater von Dolev und Arbel Foto: picture alliance/dpa

Das laminierte Foto einer Geisel rutscht immer wieder herunter, schabt über die Tischoberfläche, immer wieder versucht der Mann mit den kurzen weißen Haaren, es aufzustellen. Als wäre es eine Metapher für das Anliegen der Menschen, die am Montag in der israelischen Botschaft Berlin von ihren Angehörigen berichten, die seit 101 Tagen in der Hamashölle verschwunden sind: dafür zu sorgen, dass die Welt ihre Töchter und Söhne, Ehepartner, Tanten und Onkel nicht vergisst. Damit sie endlich nach Hause kommen.

Schließlich hält Yehiel Yehud das Foto in der Hand. Er muss jede Sekunde ertragen, dass seine Tochter Arbel und sein Sohn Dolev in den Händen der Terroristen in Gaza sind. »Seit 2400 Stunden. Das sind 144.000 Minuten. 8.640.000 Sekunden«, präzisiert Efrat Machikawa und dreht eine Sanduhr um, die sie mitgebracht hat. »Sie haben keine Zeit mehr. Sie sterben dort!«, sagt die Israelin, die für ihren 79-jährigen Onkel Gadi Mozes hier ist. Die Frau von Yehuds Sohn Dolev hat neun Tage, nachdem ihr Mann entführt wurde, eine Tochter geboren.

Hagit Chen ist die Mutter von Itay. Der 19-Jährige war schwer verwundet, als die Terroristen ihn verschleppten. Medizinische Versorgung gibt es in den Tunneln nicht, haben zurückgekehrte Geiseln berichtet. Die Mutter holt eine Basketballmedaille hervor. Die erste, die ihr Sohn, der professionell spielt, je gewonnen hat. Ihre Stimme bricht, als sie sagt: »Ich will, dass er wieder Basketball spielt.« Vor jedem Bericht rücken die Journalisten ihre Mikrofone näher an die Angehörigen heran.

Psychoterror als Waffe

Raz Ben Ami aus dem Kibbuz Be‘eri war selbst Geisel und ist vor eineinhalb Monaten zurückgekehrt. Ihr Mann Ohad nicht. »Ich bin immer noch eine Geisel«, sagt sie tonlos. Dieser von der Hamas als Waffe eingesetzte Psychoterror ist auch der Grund, dass die Angehörigen von Itay Svirsky nicht sprechen. Sein Foto wurde am Sonntag mit zwei anderen von der Hamas veröffentlicht, mit dem Hinweis, dass am Montag bekannt gegeben werde, wie es ihm gehe.

Das Leiden der Geiseln sei nicht nur ein israelisches Problem, insistiert Efrat Machikawa. »Diese Extremisten können auch zu Ihnen kommen, zu ihren Familien.« Im Kibbuz Nir Oz wurde jeder Vierte ermordet oder verschleppt, sie zählt die am großen Konferenztisch Sitzenden durch, »eins, zwei, drei, VIER …«.

Shlomit Levinson ist die Mutter von Shay. Er ist 19 Jahre alt und war als Panzerkommandeur am Zaun zu Gaza. »Soldat der Hoffnung« nennt ihn seine Mutter. »Er hat immer an eine Koexistenz mit seinen arabischen Freunden geglaubt, besuchte eine multikulturelle Schule, hat in einem Team aus arabischen und jüdischen Israelis Volleyball gespielt.« Wie alle der hier vertretenen Geiseln hat auch Shay einen deutschen Pass. »Heute ist Shay in Gaza, morgen könnte es Ihr Kind sein«, sagt Levinson.

»Heute ist Shay in Gaza, morgen könnte es Ihr Kind sein.«

Shlomit Levinson

Alon Nimrodis Sohn Tamir war einer der ersten Soldaten, die am 7. Oktober verschleppt wurden. »Um 7.25 Uhr«, sagt der Vater. Mit 18 Jahren war er bereits Ausbilder und arbeitete auf dem Armeestützpunkt nahe dem Übergang Erez. Nimrodi dankt Deutschland für jede Unterstützung, die das Land geben könne. »Israel ist der Schutzschild gegen Terror in Europa«, gibt er zu bedenken. Am 15. November war Tamirs 19. Geburtstag. »Ich weiß, dass er lebt«, sagt der Vater, der seit dem 7. Oktober nichts mehr von seinem Kind gehört hat. Nein, schlafen tue er seitdem kaum.

Auch Rom Broslawsky ist 19 Jahre alt. Sein Vater berichtet, dass er auf dem Nova-Festival gearbeitet habe. Als das Massaker begann, sei er geblieben, um anderen zu helfen, anstatt wegzurennen. Der Vater zeigt ein Video von Shays kleinen Brüdern, die sich dessen schnelle Rückkehr wünschen.

»Tun Sie Gutes!«

Auch Idit Ohel zeigt ein Video, allerdings eines, von dem viele Journalisten den Blick abwenden. Ihr Sohn Alon ist 22 Jahre alt und war auch auf dem Festival. Mit 30 anderen habe er sich in einen Bunker retten können, bis die Terroristen mehrere Granaten hineinwarfen. »Nur sieben haben das überlebt«, sagt Idit Ohel, und auf ihrem iPad ist zu sehen, wie Terroristen drei Menschen wie wertlose Gegenstände auf einen Pick-up werfen. Einem hat die Explosion die Hand abgerissen. Auch Alon blutet und bewegt sich kaum. »Das ist mein Sohn«, sagt Idit. »Ich weiß, dass er lebt. Ich bin seine Mutter, ich fühle es.« Sie bricht in Tränen aus, und viele Menschen im Raum weinen mit ihr. Sie ringt um Fassung, sagt: »Jeder Mensch kann etwas tun. Tun Sie etwas Gutes und denken Sie an die Geiseln! Die Geiseln sind nicht allein, solange Sie ihre Geschichte erzählen. Wenn wir Gutes tun, kommen sie zurück.«

Yehiel Yehud ergreift noch einmal das Wort. »Als meine Enkelin geboren wurde, habe ich sie in den Arm genommen und mit ihr gespielt und gelacht. Da hat mein Sohn Yotam mich plötzlich angeschrien: ‚Wieso lachst du? Dein Sohn ist in Gaza!‘ « Yehud fängt an zu weinen und fügt noch hinzu, »Yotam ist sieben Jahre alt«, bevor er zusammenbricht. »Seine Worte waren ein Messer in meinem Herzen.« Andere Angehörige kommen, um ihn zu trösten. Mit dem Schluchzen dieses Vaters endet das Pressegespräch. Die Pressesprecherin entschuldigt sich.

Der nächste Termin für die Angehörigen ist im Schloss Bellevue, wo sie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier treffen. Efrat Machikawa dreht noch einmal die Sanduhr um.

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