Redezeit

»Hedonismus mit Hirn«

Marko Martin Foto: picture alliance / Metodi Popow

Herr Martin, in einem Porträt über Sie stand einmal, Sie seien »bekennender Ossi«. Wie lernten Sie als solcher Israel lieben?
Ich selbst würde diesen Begriff nicht verwenden, aber selbstverständlich gibt es Prägungen, die mir die Fremdheitserfahrung von Juden sehr nah sein lassen. Wenn man im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer aus der DDR kommt und mit einem Koffer in den Westen einreist, ergibt sich wohl automatisch eine gewisse Affinität zu Biografien, die komplex sind anstatt stromlinienförmig. Und dann zu sehen, wie man eben daraus Gewinn zieht und intellektuelle Neugier und Flexibilität entwickelt: Genau das war und ist mein Bild von Israel, und deshalb bin ich seit meiner ersten Reise im Sommer 1991 immer wieder in dieses Land, vor allem aber in die Stadt Tel Aviv zurückgekehrt und fühle mich dort pudelwohl.

Mit welchem Israel-Bild sind Sie in der DDR aufgewachsen?
Die Ost-Medien hatten selbstverständlich gegen Israel gehetzt, und das systematisch. Im Fernsehen tauchte Arafat regelmäßig an Honeckers Seite auf, die geballte Faust erhoben. Über den jüdischen Staat wurden Lügen und Diffamierungen verbreitet. Nicht zuletzt deshalb, aber auch weil ich zum Glück aus einer regimekritischen Familie stamme – mein Vater verbrachte als Kriegsdienstverweigerer zwei Jahre im Gefängnis –, wurde Israel für mich Heranwachsenden besonders sexy, eine Art nahöstliches Pendant zum freien Westberlin, dessen pure Existenz das SED-Regime ja ebenfalls in Rage versetzt hatte.

Sie arbeiten als Schriftsteller und Reise-Essayist. Kompensieren Sie damit, dass Sie als Ostdeutscher nicht ins Ausland reisen durften?
Außer in die damalige CSSR durfte man ohne Visum und despotische Erlaubnis nirgendwo hin. Ich habe deshalb meine Kindheit und Jugend in der DDR als permanente Behinderung meiner Wünsche erlebt. Schon allein die Tatsache, dass sich ein Staat, eine Partei das Recht anmaßte, »ihren« Bürgern das Reisen zu verbieten, war eine Ungeheuerlichkeit. Aber wie gesagt: Das sind Prägungen und zum Glück keine Traumata. Mein geradezu jugendliches Vergnügen, die Welt und Menschen zu entdecken, ist jedoch in der Tat ungebrochen.

Unsere Leser kennen Ihre Israel-Reportagen aus der Jüdischen Allgemeinen. Ihr neues Buch »Kosmos Tel Aviv« umfasst diese und andere Texte über Israel. Was genau fasziniert Sie an dem Land?
Israel ist für mich eine Insel von Freiheit und Toleranz inmitten eines riesigen Meeres arabischer Diktaturen. Die israelische Balance zwischen Selbstbewusstsein und Stärke auf der einen Seite und der Fähigkeit, sich selbst zu hinterfragen, auf der anderen, habe ich in dem Maße nirgendwo anders angetroffen. Dazu ist die dortige Literatur von einer ungeheuren Vitalität und Nuanciertheit, und ich hoffe, die potenziellen Leser meines Buches ein wenig mit meiner Emphase anzustecken.

Was nervt am jüdischen Staat?
Die politische Ultra-Rechte. Wie überall auf der Welt ist sie auch dort eine Ansammlung von ressentiment-gesteuerten Reaktionären. Die notwendige Kritik an der Linken und deren partieller Teilhabe etwa an den Verbrechen des Kommunismus oder ihres fortgesetzten Antisemitismus kann ja nicht automatisch Nonchalance gegenüber ultrarechten Positionen bedeuten. Mein von mir bewunderter, guter alter Freund Ralph Giordano brachte es einmal auf die unschlagbare Definition von »jener Internationale der Einäugigen, die in einem Teil der Welt das anklagt, was sie in einem anderen Teil rechtfertigt«. Ich glaube, es ist die Mindestbasis intellektueller Anständigkeit, dieser überall herumheuchelnden Internationale fernzubleiben.

Welche Orte suchen Sie immer wieder auf, wenn Sie in Israel sind?
Nach unzähligen und intensiven Reisen kreuz und quer durchs Land konzentrieren sich meine Besuche inzwischen mehr oder weniger auf Tel Aviv, Abstecher nach Jerusalem inklusive. Und am liebsten in Tel Aviv ist mir die so pittoresk heruntergekommene Allenby Street: das 20. und 21. Jahrhundert in einer Nussschale. Von den noch lebenden Jeckes bis zu den russischen und äthiopischen Juden trifft man dort wirklich alle. Diese Mischung, ja das faszinierende Unmaß an Geschichte, die Fähigkeit, sich zu erinnern und einander sogleich ins Wort zu fallen, die Antiquariate, Cafés und auch die Clubs, in denen es, nun ja, nicht eben katholisch zugeht – das ist einfach sagenhaft.

Welches Erlebnis in Israel steht stellvertretend für Ihre Sicht auf das Land?
Vielleicht eine Begegnung, die ich kürzlich in Tel Aviv hatte. Dort sprach mich jemand an und erzählte, wie er im Gaza-Krieg schießen musste, um seinen Kameraden zu retten. Versehentlich hatte er auf Dauerfeuer gestellt und dabei ungewollt einen unbeteiligten Passanten zumindest schwer verletzt. Über diese Erfahrung wollte er nun ein Theaterstück schreiben, kam aber nicht voran, da es ihm nicht gelang, sich auch in einen Palästinenser hineinzuversetzen. Das hat er mir erzählt, und genau diese skrupulöse Ernsthaftigkeit ist für mich das Beste und Wertvollste an Israel. Und wohlgemerkt: Die Begegnung fand nicht etwa in einem Intellektuellen-Café statt oder einer Selbsthilfegruppe – sondern im Whirlpool eines Gay-Clubs, in dem mit 180 Beats per Minute Trance-Techno lief. Genau diese israelische Mischung aus Hedonismus und Hirn ist weltweit einzigartig – und ich habe als Reiseschriftsteller wohl schon eine Menge gesehen.

Das Gespräch führte Philipp Peyman Engel.

Marko Martin: »Kosmos Tel Aviv. Streifzüge durch die israelische Literatur und Lebenswelt«. Wehrhahn Verlag, Hannover 2013, 224 S., 19,80 €

Marko Martin, Jahrgang 1970, verließ im Mai 1989 als Kriegsdienstverweigerer die DDR und lebt, sofern nicht auf Reisen, als freier Schriftsteller und Publizist in Berlin.

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