Golan

Hart an der Grenze

Solidarität mit den Glaubensbrüdern in Syrien: Demonstration in Yirka Foto: Flash 90

Die große Wut bricht sich Bahn. Am Montag wurden zwei israelische Armeekrankenwagen, in denen zwei Syrer transportiert wurden, angegriffen. Rund 150 gewalttätige Demonstranten in dem Drusendorf Madj-al-Schams in den Golanhöhen zerrten die Verwundeten aus dem Wagen und schlugen sie brutal zusammen.

Einer von ihnen starb bei dem Angriff, der andere befindet sich in kritischem Zustand. Zwei Soldaten wurden dabei leicht verletzt. Einige Tage zuvor hatte die Nusra-Front unter Drusen in der syrischen Provinz Idlib ein Blutbad angerichtet. Und Israel steckt in einem Dilemma.

terror Es ist das zweite Mal in 24 Stunden, dass Drusen Ambulanzen attackieren, in denen syrische Rebellen in israelische Krankenhäuser zur Behandlung gefahren werden. Die Angreifer kritisieren, dass Kämpfer aus dem Bürgerkrieg, die in Israel medizinisch behandelt werden, vielleicht zu jenen Gruppen gehören, die ihre Angehörigen im Nachbarland bedrohen.

Die israelische Armee verfolgt eine Politik der humanitären Hilfe an der Grenze und fragt nicht, zu welchen Fraktionen die Verwundeten gehören. Der Anführer der Drusen in Israel, Scheich Mowafak Tariq, verurteilte die Attacken seiner Gemeindemitglieder aufs Schärfste: »Dies ist nicht unsere Art. Wir sind in Trauer darüber. Dies ist ein krimineller Akt, der von den Behörden verfolgt werden muss.«

Tagsüber stehen die Drusen oft auf den staubigen Hügeln an der Grenze und verfolgen die Kämpfe im Nachbarland. Die Männer mit den Ferngläsern sind in Sorge um ihre Verwandten und Freunde auf der anderen Seite des Zaunes. Nur einen kurzen Spaziergang entfernt, auf israelischer Seite, stehen junge Männer in einem Hinterhof. Mit vermummten Gesichtern blicken sie in eine Fernsehkamera. »Wir wollen nicht in den Krieg. Aber wir werden gehen, wenn wir müssen. Wir lassen unsere Brüder nicht einfach abschlachten«, sagen sie.

angst Sie haben Angst vor der Gefahr, die nur wenige Kilometer entfernt droht. Fast vier Jahre lang konnten sich die Drusen aus dem Bürgerkrieg weitgehend heraushalten, doch damit scheint es vorbei. Weil sie traditionell gute Verbindungen zur Regierung haben, werden die Drusen jetzt gleichzeitig von den Rebellen, die gegen das Assad-Regime kämpfen und islamistischen Gruppen wie Nusra-Front und IS bedroht.

In der letzten Woche töteten Mitglieder von Nusra, die sich zu Al-Qaida bekennt, 20 Dorfbewohner auf dem Golan. Ohne Grund, ohne Sinn. Zwar erklärte die Terrorgruppe anschließend, es sei »ein Fehler« gewesen und die Schuldigen würden vor ein muslimisches Gericht gebracht, doch nicht nur die Drusen in Syrien sind in Panik.

Die Drusen sind eine friedliche Minderheit, die seit Jahrhunderten ihre Geheimlehre mündlich an ihre Nachfahren weitergibt und sich stets der Regierung des Staates unterwirft, in dem sie lebt. Egal, ob der Israel, Syrien oder Libanon heißt. Für gewöhnlich begehren sie nicht auf. Doch in Israel halten sie nun nicht mehr still. In den vergangenen Tagen gingen drusische Israelis zu Tausenden auf die Straße, um die Regierung in Jerusalem aufzufordern: »Lasst unsere Brüder nicht im Stich.« Gleichzeitig äußern sie Kritik: »Die Armee lässt verwundete Kämpfer aus Syrien zu uns ins Land. Sie pflegen sie gesund, obwohl es vielleicht Al-Qaida-Terroristen sind, die unsere Familien massakrieren«, schimpft einer der Dorfältesten von Madj-Al-Schams, einem Dorf direkt an der Grenze.

zusammenbruch
Die meisten der etwa 700.000 Drusen Syriens leben in der Jabal-Al-Druze-Gegend in der Nähe zu Jordanien. Der Zusammenbruch des Assad-Regimes dort ließ sie ungeschützt vor Angriffen. Tief in syrischem Gelände wird Israel jedoch nicht eingreifen – was auch immer geschehen mag. Eine Einmischung in den Krieg steht nicht zur Debatte. »Daran hat wirklich niemand Interesse«, wird Premier Benjamin Netanjahu zitiert. Es ist eine jahrelange blutige Auseinandersetzung, mit der Jerusalem nichts zu tun hat. Stattdessen forderte Netanjahu die USA auf, ihre Hilfe für die gefährdeten Gemeinden in Syrien aufzustocken.

Doch auch im drusischen Dorf Khader scheint sich die Lage zuzuspitzen. Zwar heißt es von der Zahal, niemand sei bislang in das Dorf eingedrungen, doch die »Free Syrian Army« sieht die Drusen als Verbündete des Noch-Präsidenten an – und damit als Feinde. Allerdings sind die Rebellen Israel wohlgesinnt, nicht zuletzt durch die gute medizinische Versorgung, die ihre Verletzten im jüdischen Staat erhalten. Und Jerusalem machte ihnen klar, dass sie sich von den Drusen fernhalten sollen.

Neben der Zusicherung von humanitärer Hilfe für die Menschen in Khader hatte Armeechef Gadi Eisenkot deutliche Worte: »Wir lassen kein Massaker an unserer Grenze zu.« Doch wenn die Situation weiter eskaliert, werden Tausende von Flüchtlingen an der Grenze zu Israel erwartet.

dilemma Ein riesiges Problem für den kleinen jüdischen Staat. Deshalb lautet das offizielle Statement: »Wer in Israel ist, bleibt in Israel, und wer in Syrien ist, der bleibt dort.« Ob das im Angesicht einer humanitären Katastrophe vor der Haustür allerdings aufrechtzuhalten ist, ist fraglich. Man ziehe daher in Abstimmung mit den Blauhelmen der Vereinten Nationen, die auf dem Golan stationiert sind, die Einrichtung einer Sicherheitszone für die Menschen in Not in Erwägung, gab der Armeechef an.

Auch der drusische Knessetabgeordnete Ayoub Kara vom Likud setzt sich für seine Glaubensbrüder ein: »Wir unterstützen unsere Angehörigen in Syrien als Angehörige der Minderheit, nicht als israelische Regierung.« Diplomatisches Lavieren, damit humanitäre Hilfe auf keinen Fall als Einmischung verstanden wird. Kara kritisierte im selben Atemzug den libanesischen Drusenführer Walid Jumblatt und forderte ihn auf, Soldaten nach Syrien zu schicken. Die Drusen sind eine der regierenden Gruppen des Levantestaates. »Jumblatt hat die Möglichkeit, Truppen zu entsenden, die Grenze ist offen. Wir hier in Israel haben das nicht.«

Taten wünschen sich die meisten Drusen diesseits des Zaunes auch von ihrer Regierung – wenn auch meist nur hinter vorgehaltener Hand. Von der Politik der minimalen Intervention halten sie nicht viel.

Washington D.C.

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