Jerusalem

Hadassah am Tropf

Protest: Krankenschwestern, Pfleger und andere Mitarbeiter vor dem Hadassah-Hospital Ein Kerem Foto: Flash 90

Ein Schild prangt an der Tür: »Hadassah ist geschlossen. Wenden Sie sich an die Regierung.« Noch immer ist das Jerusalemer Krankenhaus im Ausnahmezustand, streikt die Belegschaft und wird lediglich der Notfallbetrieb aufrechterhalten. Aufgrund der immensen Verschuldung von etwa 300 Millionen Euro sind die Januar-Gehälter der Angestellten nicht vollständig bezahlt worden. 6000 Hadassah-Angestellte, darunter 1300 Ärzte, warten noch immer auf ihr Geld. Bis zum 17. Februar war lediglich die Hälfte auf ihren Konten eingegangen. Krankenschwestern, Ärzte und Verwaltungspersonal wollen das nicht länger hinnehmen.

Am Sonntag hatte die Gewerkschaft Histadrut beschlossen, dass die Angestellten für drei Stunden die Arbeit komplett ruhen lassen und auch ansonsten lediglich minimalen Einsatz zeigen. Mit Schildern, Plakaten und Trillerpfeifen gingen Krankenschwestern, Pfleger und andere Mitarbeiter vor den beiden Hadassah-Häusern in Ein Kerem und Mount Scopus auf die Straße. »Da Management und Finanzministerium nur Apathie zeigen, bleibt uns keine andere Möglichkeit«, hieß es vonseiten der Gewerkschaft.

Nachdem in der vergangenen Woche ans Licht kam, wie hoch Hadassah tatsächlich in den Miesen ist, begann der Protest der Angestellten. Die Regierung, allen voran Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, macht vor allem Managementfehler für die Krise verantwortlich. Doch in einem Interview mit »The Marker« erklärt die Direktorin von Hadassah Israel, Audrey Shimron, dass es mehr an der Regierung denn am Management gelegen habe. »Es gibt ein Defizit, und eine kleine Portion davon ist durch Fehler in der Verwaltung zustande gekommen. Der große Teil jedoch summierte sich durch die unfaire Behandlung der Regierung.« Es gäbe natürlich Dinge, die ein Krankenhaus zu tun habe, doch der Staat müsse eine helfende Hand reichen.

Organisation Der Eigentümerin des Privathospitals, der Zionistischen Frauenorganisation Amerikas »Hadassah« , sei kein Vorwurf zu machen, insistiert Shimron. »Das sind Frauen, die geben, um zum Wohl des Staates Israel beizutragen.« Seit Jahren hätten sie um einen Sanierungsplan für das angeschlagene Hospital gebeten, doch nichts sei geschehen. Allerdings haben zwei Ereignisse die Finanzkraft der Organisation stark geschwächt: zum einen die globale Wirtschaftskrise, die 2008 begann. Zum anderen fielen Hadassah-Frauen auf das Schneeballsystem von Bernard Madoff herein und verloren dabei viel Geld.

Die Sprecherin der Krankenhausleitung forderte am Montag alle Betroffenen auf, an ihre Arbeit zurückzukehren. »Jeder Tag, der mit weiteren Unterbrechungen vergeht, vertieft nur den Schock, der die Angestellten und die Patienten immer weiter verletzt.« Das Management fordert stattdessen von den Angestelltenkomitees, dass man sich an einen Tisch setze und gemeinsam einen Rettungsplan erstelle.

Solidarität Niemand will Hadassah fallen sehen. Wie die Belegschaften der anderen Hospitäler im ganzen Land, so solidarisieren sich auch die Jerusalemer, für die Hadassah zu ihrer Stadt gehört wie die Kotel. Fast ohne Murren stehen sie derzeit in anderen Krankenhäusern Schlange, etwa dem Schaarei Zedek. »Ich bin heilfroh, dass ich im Moment nicht auf ein Krankenhaus angewiesen bin«, so die Sportlehrerin Dalit Dor aus Jerusalem. »Das muss ja das reinste Chaos sein. Die Streikenden haben aber völlig recht mit ihren Aktionen. Wer so verschwenderisch mit den Geldern umgeht, der muss die Konsequenzen spüren.«

Genau das wollen die Hadassah-Leute erreichen. Am Sonntag protestieren 1000 Angestellte in Ein Kerem und 500 auf dem Mount-Scopus-Gelände. Anschließend zogen sie weiter zur Residenz des Premierministers Benjamin Netanjahu und forderten ihn mit Sprechchören auf, zu intervenieren – obwohl der gar nicht zu Hause war.

Bürgermeister Nir Barkat aber war da. Er kam auf den Safra-Platz der Stadtverwaltung und sagte: »Ich bin hier, um euch wundervolle Hadassah-Angestellte zu umarmen und meine moralische Unterstützung zuzusichern. Hadassah darf nicht geschädigt werden. Zusammen mit der Hebräischen Universität ist es die Basis für medizinische Forschung.« Hadassah und Jerusalem seien schon in einem Atemzug genannt worden, als er noch ein Kind war. »Als ich im Libanonkrieg verletzt wurde, kam ich zu Hadassah, meine drei Töchter wurden dort geboren.« Offenbar versucht Barkat hinter den Kulissen, die Fäden zu ziehen. »Wir sind mit euch, bis eine Lösung gefunden ist«, versprach er.

Gehälter 20 Millionen Euro sollen jetzt von der Eigentümerin und dem Finanzministerium fließen. Damit will man versuchen, den Betrieb wiederherzustellen. Der Direktor von Hadassah, Avigdor Kaplan, kündigte am Sonntag an, dass der Belegschaft ein weiterer Teil der Gehälter gezahlt wird. Wer bis zu 10.000 Schekel brutto im Monat verdiene (umgerechnet etwa 2000 Euro), wird den gesamten ausstehenden Betrag erhalten. Je höher das Gehalt jedoch darüber liege, desto weniger werde gezahlt. Überstundenvergütung und andere Sonderzahlungen sind komplett gestrichen.

Im Februar könnte es noch magerer in den Geldbeuteln der Hadassianer aussehen. Fehlende Patienten und liegen gebliebene Arbeit durch die Streikaktion bringen weniger Geld als gewöhnlich. Die Angst geht um, dass es sogar noch schlimmer kommen werde. Ein Arzt, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, fürchtet um seinen Job. »Es ist doch logisch, dass bei diesem Schuldenberg versucht wird, am Personal einzusparen. Niemand kann mir erzählen, dass hier alles seinen normalen Gang gehen wird, wenn dem Management ein Milliarden-Minus im Nacken sitzt.«

So könnte es kommen. In der vergangenen Woche hatte das Bezirksgericht sämtliche finanziellen Transaktionen von Hadassah eingefroren, nachdem die horrenden roten Zahlen ans Licht gekommen waren. Dennoch hätte das Management das Gericht bitten können, die kompletten Gehälter zu zahlen, um den normalen Betrieb aufrechtzuerhalten. Da es das nicht tat, gehen viele davon aus, dass massive Einsparungen anvisiert werden, um das Hospital zu retten. Nach dem Gerichtsentscheid kann die Verwaltungsleitung drei Monate lang Gehälter kürzen und Personal entlassen.

»Gesundungsplan« Die Tageszeitung Haaretz berichtete bereits, dass der »Gesundungsplan« des Managements die Entlassung von rund 530 Angestellten, also ein Zehntel der gesamten Belegschaft, bedeuten könnte. Für die Menschen in der Jerusalemer Institution ein Albtraum.

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