Gesellschaft

Gewalt in arabischen Gemeinden eskaliert: Fünf Tote in zwölf Stunden

Protest gegen die Morde - hier im Krankenhaus von Safed im Norden des Landes. Foto: Flash90

Innerhalb von nur zwölf Stunden starben in Israel fünf Menschen durch Gewalt. In verschiedenen Orten wurden fünf Männer durch kriminelle Akte getötet, bei allen handelt es sich um arabisch-israelische Männer. Polizeichef Danny Levy erklärte am Donnerstagmorgen: »Das Land befindet sich im nationalen Ausnahmezustand.«

Die Zahl der Todesopfer durch Gewaltverbrechen in Israel hat bereits 46 erreicht, nicht einmal sechs Wochen nach Jahresbeginn. »Der Kampf gegen kriminelle Organisationen erfordert eine Bekämpfung der Ursachen«, sagte Levy bei einer Lagebesprechung der Polizei. Alle müssten sich einbringen, um das Problem anzugehen, auch die israelische Armee und gemeinnützige Organisationen aus verschiedenen Bereichen, hob er hervor.

Nach Angaben der Ermittler handele es sich in allen Fällen um mutmaßliche Gewaltdelikte im Rahmen der anhaltend hohen Mordrate. »Die Situation ist sehr besorgniserregend, wir erleben eine dramatische Zunahme von Schießereien und Gewalttaten in verschiedenen Regionen des Landes,« so ein Sprecher der Polizei auf einer Pressekonferenz. Die Opfer, darunter mehrere junge Männer, wurden nach offiziellen Angaben bei getrennten Vorfällen erschossen. Die Ermittlungen in allen Fällen laufen.

Kritik aus großen Teilen der Gesellschaft

Die Brutalität der Gewalteskalation sorgt nicht nur in den unmittelbar betroffenen Gemeinden für Entsetzen, sondern löst mittlerweile Kritik in großen Teilen der Gesellschaft aus. Menschenrechtsgruppen, lokale Politiker, Aktivistinnen und Aktivisten werfen der Regierung seit Monaten vor, der Lage nicht entschlossen genug zu begegnen. Bereits 2025 war mit 252 getöteten arabischen Israelis das tödlichste Jahr seit Beginn der statistischen Erfassung, und auch 2026 setzt sich dieser unheilvolle Trend fort.

Zentraler Kritikpunkt ist die Inaktivität der Regierung, allen voran des rechtsextremen Nationalen Sicherheitsministers Itamar Ben-Gvir, der auch die Polizeiarbeit beaufsichtigt. Er zeigt keinerlei Interesse oder Aktivität, um der Waffenkriminalität, organisierte Banden oder Clan-Gewalt in arabischen Gemeinden Einhalt zu gebieten.

Ben-Gvir selbst hat sich bislang zu der Eskalation nicht geäußert. Im Allgemeinen spricht er öffentlich kaum über die arabische Gemeinde und wenn, dann in spaltenden und diskriminierenden Botschaften wie dieser: »Mein Recht zu fahren ist wichtiger als das Recht der Araber.«

Oppositionsführer Yair Lapid erklärte in Bezug auf das Verhalten des umstrittenen Ministers: »Das Einzige, was er zu tun weiß, ist es, mit Arabern zu streiten und Videos davon zu machen. Das ist keine Politik zur Bekämpfung von Gewalt, das ist politische Show.«

Yair Lapid: »Das Einzige, was er zu tun weiß, ist es, mit Arabern zu streiten und Videos davon zu machen.«

Politiker, Aktivisten und Angehörige von Opfern beklagen schon lange Staatsversagen und strukturelle Ungleichbehandlung. Sie verweisen darauf, dass nur ein Bruchteil der Gewaltverbrechen aufgeklärt wird und die Sicherheitslage in arabischen Städten und Dörfern mit Abstand schlechter ist als in Gemeinden mit jüdischer Mehrheit.

Die anhaltende Gewalt hat in der Bevölkerung eine Welle von Protesten ausgelöst, zunächst in arabischen Gemeinden, die sich in den letzten Wochen landesweit ausgebreitet hat. Vor zwei Wochen demonstrierten rund 40.000 Menschen - Juden und Araber Seite an Seite - in Tel Aviv.

Am vergangenen Wochenende versammelten sich wieder Tausende in mehreren Städten, darunter auch in Jerusalem, Haifa und Jaffa. In Tel Aviv wurde Wasser öffentlicher Brunnen rot gefärbt – ein symbolischer Protest gegen das »Blutvergießen auf den Straßen«.

Einige Protestzüge hatten sich in Konvois aus dem Norden, dem Zentrum und aus dem Negev gebildet, die alle in die Hauptstadt Jerusalem führten, mit der zentralen Forderung, die Regierung müsse endlich handeln und den politischen Willen für Sicherheitsreformen beweisen. Angehörige von Ermordeten machten immer wieder klar. »Das Blut unserer Liebsten ist nicht billig!«

Während sich die meisten Demonstrierende friedlich äußerten, kam es vereinzelt zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. In einigen Fällen wurden Teilnehmer vorübergehend festgenommen, als sie Verkehrswege blockierten oder Wasser färbten.

Tiefe gesellschaftliche Frustration über Ignoriert-Werden

Hintergrund der Proteste ist nicht ausschließlich die steigende Zahl der Opfer, sondern auch eine tiefe gesellschaftliche Frustration über das lange Gefühl des Ignoriert-Werdens. Kritiker sehen in den exorbitant hohen Gewaltzahlen auch eine Frage sozialer Ungleichheit: Armut, Arbeitslosigkeit, mangelnde Perspektiven und ein Überangebot illegaler Waffen würden einen fruchtbaren Boden für kriminelle Netzwerke schaffen.

Jamal Zahalka, Leiter der Grassroot-Bewegung »High Follow-Up Committee for Arab Citizens of Israel«, sagte in Jerusalem: »Wir wollen den tiefen Schmerz der arabischen Gemeinschaft zum Ausdruck bringen. Menschen werden jeden Tag ermordet und verletzt. Unsere ganze Gemeinschaft lebt in Angst vor organisierter Kriminalität. Und nun werden wir nicht länger schweigen.«

Inmitten dieser angespannten Lage ist 2026 ein Wahljahr in Israel, und die Debatte darüber, wie mit Gewalt, Sicherheit und gesellschaftlicher Integration umzugehen ist, gewinnt an politischer Brisanz. Besonders im arabischen Wählerlager wird der Ruf nach politischer Mobilisierung und einem stärkeren Engagement in der Knesset immer lauter. Verschiedene Gruppen und Parteien werben offen dafür, bei den bevorstehenden Wahlen eine höhere Wahlbeteiligung in der arabischen Gemeinschaft zu erreichen. Um politische Repräsentation und Einfluss zu erhalten – und auch als Protest.

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