Jerusalem

Frist verlängert

Politprofi ohne regierungsfähige Koalition: Benjamin Netanjahu Foto: Flash 90

Private Einblicke lässt Premierminister Benjamin Netanjahu nur selten zu. Der Regierungschef von Israel ist durch und durch Politprofi. Kürzlich kam dann aber doch etwas heraus: Dass ihm Pistazien-Eiscreme besonders gut schmeckt und er dafür im Jahr 10.000 Schekel aus dem Staatssäckel verbrät. Ob er das Eis zum Kühlen einsetzt, wurde nicht berichtet. Doch ob der ganzen Koalitionsgespräche, die zu nichts und wieder nichts führen, raucht Netanjahu ganz sicher der Kopf.

Nachdem die 30 Tage abgelaufen waren, um eine regierungsfähige Koalition auf die Beine zu stellen, hatte er Ende der vergangenen Woche bei Staatspräsident Schimon Peres um eine Verlängerung gebeten. Peres gewährte ihm zwei zusätzliche Wochen – dann ist Schluss.

Den einzigen Koalitionspartner, den der Likud bislang für sich gewinnen konnte, ist Zipi Livnis Hatnua. Livni wird demzufolge Justizministerin und soll die Verhandlungen mit den Palästinensern anführen.

Ultraorthoxe Der »natürliche Partner«, wie Netanjahu sie gern bezeichnet, die ultraorthodoxen Parteien Schas und Vereintes Tora-Judentum, stehen derzeit noch draußen vor der Tür. Obwohl sowohl sie wie auch Netanjahu den Füller zum Unterschreiben bereits in der Hand hielten. Doch die Union aus Jesch Atid und dem Jüdischen Haus macht der Verbindung einen dicken Strich durch die Rechnung.

Es ist kein Geheimnis, warum Netanjahu die ultraorthodoxen Parteien nur zu gern mit im Regierungsboot hätte. Sie sind leicht zu navigieren. Er gab ihnen, was sie wollten, beispielsweise die Nicht-Einberufung der religiösen Studenten in die Armee oder Finanzspritzen für ihre Jeschiwas, und sie stimmten allen anderen politischen Entscheidungen zu. Es war ein Geben und Nehmen, wie es Netanjahu behagte.

Vorbedingungen So einfach hat er es nicht mit denen, die mitreden wollen. Allen voran will das Yair Lapid von Jesch Atid. Der Ex-Journalist hat klare Vorstellungen in vielen politischen Bereichen, besonders dem Armeegesetz. »Und mit den Charedim in der Regierung können wir unsere Ziele nicht voranbringen«, machte er deutlich. Für sich selbst beansprucht Lapid das Außenministerium, für seine Parteikollegen zudem das Bildungs- und Sozialministerium. Beides Angelegenheiten, die ihm am Herzen liegen, wie er immer wieder erklärte.

Auch Naftali Bennett weiß, was er will: mitregieren. Er machte deutlich, dass er nicht ohne Lapid in die Regierung gehen werde. »Marathon Verhandlungen« zum Wochenbeginn zwischen seiner Partei und dem Likud seien »positiv, aber ohne Ergebnis« gewesen.

Forderungen Mit ihren gemeinsamen 31 Sitzen in der 19. Knesset können Lapid und Bennett durchaus Forderungen stellen. Denn Netanjahu kann ohne sie schlicht nicht regieren, so groß seine Aversionen gegen die beiden auch sein mögen. Es sei denn, der Premier bricht das Bündnis der beiden oder überredet die Vorsitzende der Arbeitspartei, Schelly Jachimowitsch, der Regierung doch noch beizutreten. Beides ist höchst unwahrscheinlich.

Also ist – so verworren es derzeit auch scheinen mag – eigentlich schon alles klar. Netanjahu hat noch Zeit bis zum 16. März. Dann muss er sich entscheiden oder das Zepter abgeben. Entweder übernimmt danach eine andere Partei die Regierungsbildung, oder es gibt Neuwahlen in Israel. Der Likud-Chef wird sich entscheiden: für den Machterhalt. Wie wenig ihm der dieses Mal auch schmecken mag.

Kochbuch

Quarkkuchen und Palästina-Suppe

Die Nationalbibliothek hat ein seltenes Original der ersten in England veröffentlichten Sammlung koscherer Rezepte erworben. Um die anonyme Autorin ranken sich Legenden

von Sabine Brandes  14.07.2026

Diplomatie

Israel und Libanon verhandeln in Rom

Zu Beginn der Gespräche sind die Fronten verhärtet. Israel fordert die Entwaffnung der Terror-Miliz Hisbollah. Die libanesische Regierung besteht auf Israels Rückzug aus dem Süden

 14.07.2026

Medien

Wechsel im ARD-Studio Tel Aviv: Sophie von der Tann wird abgelöst

Während der BR seine Korrespondentin in höchsten Tönen lobt, wurde extern immer wieder heftige Kritik geübt. Von der Tanns Nachfolgerin in Israel ist Pia-Marie Steckelbach

 14.07.2026

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

Tel Aviv

US-Militär stoppt Abzug von Tankflugzeugen: Sommerflugplan gefährdet

Rund 75 US-Tankflugzeuge und Transportmaschinen nehmen Platz ein, der dringend für zivile Flüge gebraucht wird

 14.07.2026

Jerusalem

Eli Vered Hazan wird neuer Weltvorsitzender des Keren Hayesod

Der bisherige Botschafter folgt auf Sam Grundwerg, der den Hilfsfonds in den vergangenen acht Jahren geführt hat

 14.07.2026

Jerusalem/Teheran

Mossad-Chef soll Irans Ex-Präsident Ahmadinedschad getroffen haben

Laut einem Bericht der »New York Times« soll Israel an einer Operation gearbeitet haben, den früheren Schoa-Leugner und Befürworter eines Atomprogramms zurück an die Macht zu bringen

von Ralf Balke  14.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  14.07.2026 Aktualisiert

Tel Aviv

Generalstabschef kritisiert Gesetzentwurf zu Haredi-Wehrdienst scharf

Es sei »unvorstellbar«, dass die Armee, deren Soldaten seit zweieinhalb Jahren außergewöhnliche Opfer brächten, gleichzeitig an einem System mitwirken solle, das massenhafte Ausnahmen von Strafverfolgung ermögliche, sagt der Armeechef

 14.07.2026