Die neue militärische Offensive gegen den Iran stellt nach Einschätzung von Amos Yadlin, ehemaliger Chef des israelischen Militärgeheimdienstes und früherer stellvertretender Kommandeur der israelischen Luftwaffe, einen historischen Einschnitt dar. Yadlin, einer der einflussreichsten Sicherheitsexperten Israels, spricht von einer militärischen und geheimdienstlichen Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten, die so zum ersten Mal geschieht.
»Diese Kooperation, diese Intensität – das hat es so noch nicht gegeben«, sagt Yadlin. Entscheidend sei vor allem eine »unvergleichliche Geheimdienstarbeit in Echtzeit«. Sie ermögliche Angriffe mit außergewöhnlicher Präzision. »Die Schläge sind bis auf zwei Meter genau, und das bringt ungemeine Vorteile.«
Bereits im Juni 2025 hatte Israel mit einer Kombination aus verdeckten Operationen im Iran und Luftangriffen zentrale iranische Kräfte geschwächt. Doch diesmal unterscheide sich der strategische Ausgangspunkt grundlegend. Anders als damals habe nicht Israel den Konflikt eröffnet, sondern – zumindest indirekt – die innenpolitische Krise im Iran selbst. »Dieses Mal hat das iranische Volk mit seinen Demonstrationen den Prozess ausgelöst«, meint Yadlin.
Israel und USA schweigen über genaue Abstimmung
Über die genaue operative Abstimmung schweigen beide Regierungen. Yadlin geht jedoch von einer funktionalen Arbeitsteilung aus: Die Vereinigten Staaten konzentrierten sich vermutlich auf Nuklearanlagen, während Israel vor allem ballistische Raketenprogramme, Abschussstellungen sowie militärische Führungsstrukturen angreife. Juristische Einschränkungen könnten Washington davon abhalten, gezielt Mitglieder der politischen Führungsriege zu töten. Israel hingegen nehme offenbar auch ranghohe Kommandeure ins Visier. Auf möglichen Ziellisten stünden Marine- und Raketenkommandeure ebenso wie führende Vertreter der Revolutionsgarde.
Die militärischen Ziele seien klar definiert: Kommandozentren der Raketenstreitkräfte, Abschussrampen, die industrielle Infrastruktur für ballistische Raketen, Luftverteidigungssysteme sowie weitere Schläge gegen Teile des Atomprogramms, die bei der Operation im Sommer 2025 nicht vollständig zerstört worden seien.
Eine vollständige strategische Überraschung wie im vergangenen Jahr gab es diesmal nicht. Teheran habe mit einem möglichen Angriff gerechnet – insbesondere angesichts der amerikanischen Drohkulisse. Entscheidend sei jedoch das Timing gewesen. »Das war eine taktische Überraschung«, so Yadlin.
Hinzu komme eine psychologische Fehleinschätzung innerhalb der iranischen Führung. Nach den Kämpfen von 2025 habe das Regime eine eigene Siegeserzählung entwickelt und geglaubt, Israel erheblichen Schaden zugefügt zu haben. Diese Selbsttäuschung habe die Wachsamkeit reduziert.
Amos Yadlin: »Die israelische Luftwaffe hat im vergangenen Sommer rund 85 Prozent der iranischen Luftabwehr ausgeschaltet – das ist ein fast unmöglicher Erfolg.«
Ein wesentlicher Faktor bleibt laut dem Sicherheitsexperten die Luftüberlegenheit Israels. Die israelische Luftwaffe habe im vergangenen Sommer rund 85 Prozent der iranischen Luftabwehr ausgeschaltet – ein »fast unmöglicher Erfolg«. Iran habe versucht, seine militärischen Systeme mit Hilfe Russlands und Chinas wieder aufzubauen, doch deren tatsächliche Stärke sei unklar. Für Yadlin ist der Vergleich auch persönlich geprägt: Als Offizier im Jom-Kippur-Krieg 1973 habe er erlebt, wie Israel damals an der ägyptischen und syrischen Luftabwehr scheiterte. »Deshalb weiß ich, wie außergewöhnlich das ist, was die Luftwaffe heute erreicht.«
Israel habe eine iranische Gegenreaktion einkalkuliert. Das Verteidigungskonzept habe auf drei Ebenen: präventive Angriffe auf Abschussrampen, Frühwarnsysteme, die der israelischen Bevölkerung etwa zehn Minuten Zeit verschaffen, sowie mehrschichtige Raketenabwehrsysteme wie Arrow, die Geschosse innerhalb und außerhalb der Atmosphäre abfangen können.
Bis zum Nachmittag seien nach Yadlins Einschätzung lediglich einige Dutzend ballistische Raketen, allerdings in vielen Salven auf Israel abgefeuert worden – deutlich weniger als in einigen Medien berichtet.
Auch regional erkennt der Experte eine bemerkenswerte Verschiebung der Kräfteverhältnisse. Während Israel nach dem 7. Oktober 2023 gleichzeitig mehreren Fronten gegenüberstand, befinde sich nun der Iran selbst unter Druck aus verschiedenen Richtungen – durch Israel, die USA sowie mehrere arabische Staaten, die der Iran angegriffen hat, darunter Saudi-Arabien, Jordanien und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Israel ist auf Angriffe der Huthi und Hisbollah vorbereitet
Eine Ausweitung über Irans Proxys bleibt dennoch möglich. Israel sei auf Angriffe der Huthi im Jemen und der Hisbollah vorbereitet. Zugleich wachse im Libanon der politische Druck, einen neuen Krieg zu vermeiden. Trotz iranischer Finanzhilfen sei die Hisbollah militärisch geschwächt und »nicht mehr dieselbe Organisation«.
Wie lange der Konflikt dauern wird, lässt sich laut Yadlin kaum vorhersagen. »Kriege zu beginnen ist leicht – man weiß nie, wie man sie beendet.« Er beschreibt drei denkbare Entwicklungen. Erstens könnte militärischer Druck innenpolitische Veränderungen im Iran beschleunigen. Ein Regimewechsel werde jedoch nicht allein durch Luftangriffe entstehen. »Ein Machtwechsel braucht Kräfte am Boden oder einen inneren Coup.«
Zweitens sei nach einigen Tagen intensiver Kämpfe eine diplomatische Vermittlung wahrscheinlich – etwa durch China, Russland oder regionale Akteure wie Katar –, gefolgt von neuen Verhandlungen zwischen Washington und Teheran. Dieses Szenario hält Yadlin derzeit für das plausibelste, betont jedoch, dass es noch zu früh für belastbare Prognosen sei.
Stabschef Eyal Zamir: Die Operation ‚Brüllender Löwe‘ soll die Fähigkeiten des iranischen Regimes zerstören, die eine existenzielle Bedrohung darstellen.»
Entscheidend sei vor allem eine Frage: Wer hat die Angriffe überlebt? Sollte Revolutionsführer Ali Chamenei ausgeschaltet worden sein, könnten moderatere Kräfte innerhalb des Systems versuchen, einen politischen Kurswechsel einzuleiten. Einen Machtwechsel durch den im Exil lebenden Kronprinzen Reza Pahlavi hält Yadlin dagegen für unwahrscheinlich. Es werde eher eine neue Führungspersönlichkeit aus dem bestehenden Establishment sein.
Die israelische Armee beschreibt den Einsatz selbst in existenziellen Begriffen. Generalstabschef Eyal Zamir erklärte zu Beginn der Operation «Roaring Lion», Israel habe gemeinsam mit den USA eine «entscheidende und beispiellose Operation» begonnen, um Fähigkeiten des iranischen Regimes zu zerstören, die eine fortdauernde existenzielle Bedrohung darstellten.
Israel befinde sich defensiv wie offensiv in höchster Bereitschaft. Gleichzeitig warnte Zamir die Bevölkerung, es gebe keine vollständige Verteidigung und schwierige Tage stünden bevor. Langfristig gehe es darum, Irans Fähigkeit einzuschränken, Terrornetzwerke im Nahen Osten zu unterstützen und seine nuklearen Ambitionen dauerhaft zu begrenzen – bis hin zu Forderungen nach Null-Urananreicherung und strikten Beschränkungen des Raketenprogramms.
Ob diese Ziele erreichbar sind, bleibt offen. Für Yadlin hängt der Ausgang weniger von militärischen Erfolgen der ersten Tage ab als von den politischen Folgen danach. «Der wichtigste Parameter», sagt er, «ist nicht, was getroffen wurde – sondern wer überlebt hat.»