Interview

»Es braucht vor allem Geduld«

Ofrit Shapira Berman Foto: privat

Interview

»Es braucht vor allem Geduld«

Traumatherapeutin Ofrit Shapira Berman über ihre Arbeit mit freigelassenen Geiseln und menschliche Stärke

von Sabine Brandes  23.01.2025 12:29 Uhr

Frau Shapira Berman, Sie haben eine Studie über die psychoanalytische Therapie freigelassener Geiseln in Israel geleitet. Wie genau wird therapiert?
Bei den Überlebenden der Massaker, ehemaligen Geiseln und Angehörigen, ist es keine klassische analytische Therapie, wo es um das Unbewusste geht. Bei ihnen dreht sich alles um das Hier und Jetzt. Anfangs versuchen wir, sie zu stabilisieren. Doch das ist nicht leicht, solange der Krieg anhält, solange viele ihrer Liebsten noch in Gaza sind. In den ersten Tagen sehen wir Euphorie, aber dann geht das normale Leben mit allen Schwierigkeiten wieder los. Wir konzentrieren uns vor allem auf die Bedürfnisse der Menschen und die Beziehungen innerhalb der Familie. Die Therapie muss sehr sanft sein. Man kann zurückgekehrte Geiseln mit Frühchen vergleichen, die ex­trem viel Vorsicht und Pflege brauchen.

Welche psychologischen Herausforderungen sehen Sie bei ehemaligen Geiseln?
Es handelt sich um eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die durch Abhängigkeit entstanden ist. Denn das Opfer ist demjenigen, der es gefangen hält, völlig ausgeliefert, was zu großer Verwirrung führt. Viele haben Schwierigkeiten zu schlafen oder aufzuwachen. Auch können Trigger das Gefühl auslösen, dass sie noch in Gaza sind oder zumindest in großer Gefahr schweben. Oft ist es für die Menschen extrem schwierig, Nein zu sagen. Sie sind wie Gefangene der Dankbarkeit.

Sie schreiben auch über ein sogenanntes doppeltes Trauma. Was genau meinen Sie damit?
Viele ehemalige Geiseln aus den Kibbuzim im Süden haben die erschütternden Erfahrungen der Gefangenschaft und der persönlichen Verluste durchgemacht. Ein Beispiel dafür ist das herzzerreißende Wiedersehen einer Mutter mit ihrer Tochter nach 50 Tagen in Geiselhaft, nur um bei ihrer Freilassung zu erfahren, dass ihr Ehemann ermordet wurde. Eines ist klar: Solange sie jemanden haben, der noch in Gaza ist, können sie nicht heilen, denn das Trauma dauert an.

Welche Unterschiede erwarten Sie bei den Geiseln, die nach mehr als einem Jahr freikommen?
Das Trauma wird ein viel komplexeres sein. Es ist unvorstellbar, aber man kann es sich als neunfaches Trauma vorstellen, da sie neunmal so lange gefangen waren. Doch wir sind gut trainiert, diese Menschen zu behandeln. Man sollte auch auf die Stärke von Menschen setzen. Zwar werden Schmerz und Trauma lange da sein, einiges für immer, doch eine Heilung dauert nicht Jahrzehnte. Man muss sich die kleinen Schritte vor Augen halten. Und deshalb braucht es vor allem viel Geduld.

Mit der Traumaexpertin an der Hebräischen Universität Jerusalem und Leiterin der Stiftung First Line Med Anatta für die psychoanalytische Behandlung von Überlebenden, Geiseln und Angehörigen sprach Sabine Brandes.

Medizin-Skandal

Eigenes Baby - falsches Sperma?

Eine Mutter in Israel vermutet eine Verwechslung bei der Samenspende. Der Fall führt erneut zum Assuta-Krankenhaus

von Sabine Brandes  18.08.2026

Meinung

Von Menschen und Monstern

Die neuen Äußerungen des rechtsextremen israelischen Ministers Itamar Ben-Gvir sind schockierend, aber leider nicht überraschend

von Ayala Goldmann  18.08.2026

Wandern

Der Weg ist das Ziel

Auf einer Länge von 111 Kilometern lassen sich zwischen Jaffa und Jerusalem auf einem neuen Trail antike Stätten, wechselnde Landschaften und vielfältige Gemeinschaften neu entdecken

von Sabine Brandes  18.08.2026

Nahost

Israel soll Militärflugplatz in Nordsyrien attackiert haben

Israel hat seit dem Umsturz wiederholt auch Ziele in Syrien ins Visier genommen. Nun wird ein erneuter Angriff gemeldet. Der US-Sondergesandte für Syrien übt deutliche Kritik

 18.08.2026

Tel Aviv

Yoseph Haddad gründet Partei

Der arabisch-israelische Aktivist startet im Vorfeld der für den 27. Oktober vorgesehenen Knesset-Wahlen eine Kampagne

 18.08.2026

Energieminister Eli Cohen

Analyse

Ein neuer Likud?

Eli Cohen liegt bei den Vorwahlen auf Platz eins – und die umstrukturierte Liste zeigt, wie umkämpft die Partei vor der Knesset-Wahl ist

von Sabine Brandes  18.08.2026

Debatte

Zentralrat der Juden übt scharfe Kritik an Itamar Ben-Gvir

Israels rechtsextremer Minister Ben-Gvir wirbt unverhohlen für Tötungen im Gazastreifen. Das sorgt international für Entsetzen - auch beim jüdischen Dachverband in Deutschland

 18.08.2026 Aktualisiert

Konzerte

Rückkehr ausländischer Künstler auf israelische Bühnen

Auch der französische Pianist Richard Clayderman hat zwei Konzerte im jüdischen Staat vor sich. Welche anderen Musiker kommen?

 18.08.2026

Westjordanland

Israelische Sicherheitskräfte räumen illegalen Siedler-Außenposten bei Hebron

Die Bewohner hatten zuvor israelische Polizisten angegriffen und an der Arbeit behindert

 18.08.2026