Geiseln

»Emily flüstert nur noch«

Nach ihrer Freilassung aus den Fängen der Hamas: Emily (9) mit ihrem Vater Thomas Hand Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

»Es ist die traurigste Freude und die glücklichste Trauer.« So fasste es Inbal Tzach, die Cousine von Adi Shoham, zusammen. Sie und viele ihrer Angehörigen saßen am Samstag stundenlang vor dem Fernseher und versuchten, ihre Familie zu erspähen. Seit Freitag werden in der vorübergehenden Feuerpause zwischen Israel und der Hamas durch die Vermittlung von Katar und den USA täglich Geiseln aus der Gefangenschaft in Gaza freigelassen. Darunter waren auch Adi und ihre beiden Kinder.

Plötzlich hätten sie Adi bei der Ankunft in Ägypten gesehen. Der Jubel sei groß gewesen, so Tzach. Und dann sahen sie einen blonden Schopf inmitten der Menschen: die dreijährige Yahel. Noch mehr Jubel. Zusammen mit dem achtjährigen Naveh kamen die Shohams nach 50 Tagen in Gaza frei. Adi und ihre Kinder sind deutsch-israelische Doppelstaatsbürger. Doch die Familie ist nicht komplett. Tal Shoham, Adis Mann und Vater der beiden Kinder, fehlt. Er ist weiterhin in der Gewalt der Terrororganisation Hamas.

Der Abend der Freilassung

»Es war so emotional für die Familien, die ihre Liebsten empfangen haben«, erzählte Tzach über den Abend der Freilassung. »Natürlich warten wir darauf, dass Tal und alle anderen nach Hause kommen. Der Kampf ist noch nicht zu Ende.« Es befinden sich auch immer noch mindestens neun Kinder im Gazastreifen. Darunter der vierjährige Ariel und das erst zehn Monate alte Baby Kfir.

Es ist in diesen Tagen der grausamste Satz in Israel: »Sie stehen nicht auf der Liste.«

Es ist in diesen Tagen der grausamste Satz in Israel: »Sie stehen nicht auf der Liste.« Doch Ofri Bibas, die Schwester des entführten Yarden Bibas, der mit seiner gesamten Familie in den Gazastreifen verschleppt wurde, muss ihn sagen. Darum fleht sie die ganze Welt an: »Bitte helfen Sie dabei, sie nach Hause zurückzubringen.« Das Bild der völlig schockierten Mutter Shiri, die ihre beiden rothaarigen Kinder an sich drückt, während sie am 7. Oktober von bewaffneten Hamas-Männern umringt wird, ging um die Welt.

»Wir haben keine Zeit mehr«, so Bibas. Sie wisse von anderen Gekidnappten, die nach Israel zurückgekehrt sind, dass es nicht ausreichend Essen gebe und auch die Hygienebedingungen schwierig seien. »Kleinkinder, ja ein Baby, dürfen nicht unter diesen unmenschlichen Bedingungen festgehalten werden.« Alle anderen Kleinkinder seien in den vergangenen Tagen befreit worden. »Nur Ariel und Kfir nicht.«

Und verzweifelt fügt sie hinzu: »Wir sind so besorgt, wir wissen weder ein noch aus.« Sie hätten keine Ahnung, wo sich die Familie aufhält. Der Sprecher der israelischen Armee, Avichai Adraee, sagte, dass die Familie von der Hamas gekidnappt und dann an eine andere palästinensische Gruppe übergeben worden sei. Sie werden angeblich in Khan Younis im südlichen Gazastreifen festgehalten.

Hamas-Terrorchef Yahya Sinwar »besuchte« mehrere Geiseln

Berichten in israelischen Medien zufolge »besuchte« Hamas-Terrorchef Yahya Sinwar mehrere Geiseln, die in einem unterirdischen Tunnel festgehalten wurden. Eine Frau gab an, Sinwar habe in akzentfreiem Hebräisch gesprochen und ihnen gesagt, dass sie bei der Hamas in Sicherheit seien und keine Angst haben müssten. Kanal zwölf berichtete, dass die Geschichte vom israelischen Sicherheits­Establishment bestätigt wurde.

Die Gesamtzahl der von der Hamas seit Beginn des Waffenstillstands freigelassenen Geiseln betrug bis Redaktionsschluss 81, darunter 60 Israelis, allesamt Frauen und Kinder, sowie 21 Ausländer, viele davon thailändische Landarbeiter. Israel hatte zuvor 150 palästinensische Gefangene in die palästinensischen Gebiete entlassen. Alle Geiseln gehören zu den etwa 240 Personen, die von bewaffneten Hamas-Männern während des Massakers in südlichen Gemeinden Israels am 7. Oktober verschleppt wurden. Es sind dabei mindestens 1200 Menschen von Terroristen ermordet worden, die meisten Zivilisten.

Nach den ersten Freilassungen hatte sich der katarische Premierminister Scheich Mohammed Bin Abdulrahman Al Thani, der dabei vermittelt, in der »Financial Times« geäußert. Angeblich müsse die Hamas Dutzende Menschen, darunter Frauen und Kinder, erst ausfindig machen, weil sie von Zivilisten und anderen Fraktionen in der Enklave festgehalten werden. »Eines der Ziele des Waffenstillstands besteht darin, dass sie (die Hamas) Zeit haben, nach den restlichen Vermissten zu suchen«, fügte Al Thani hinzu.

Die Angabe, dass die Hamas nicht wisse, wo die Geiseln sind, muss zumindest in einigen Fällen stark angezweifelt werden. Denn dasselbe Argument hatte die Terrororganisation am Samstag vorgebracht. Unter fadenscheinigen Begründungen wurde – im Widerspruch zur Vereinbarung, dass Kinder und Mütter nicht voneinander getrennt werden dürfen – die 13-jährige Hila Rotem-Shoshani allein nach Israel geschickt. Ihre Mutter Raya blieb in Gaza. Doch das Mädchen sagte, dass sie noch zwei Tage zuvor mit ihrer Mutter zusammen gewesen war. »Die Hamas trennte uns zwei Tage vor der Freilassung. Ima war in guter Verfassung, wir waren mit Emily zusammen.«

Die neunjährige Emily Hand, die zusammen mit Hila und ihrer Mutter von einer Übernachtungsparty gekidnappt wurde, wurde von ihrem Vater Thomas Hand in die Arme geschlossen. Er wusste erst seit etwa zwei Wochen, dass seine Tochter noch lebt. Zuvor hatten ihm die Behörden mitgeteilt, dass sie bei den Massakern getötet worden sei. Bei ihrer Rückkehr im Schlafanzug hielt Emily einen Teddybären in der Hand.

»Größte Geburtstagsfeier aller Zeiten«

Ihr Vater versprach seiner Tochter, die während ihrer Geiselhaft neun Jahre alt wurde, die »größte Geburtstagsfeier aller Zeiten«. Emilys Mutter starb vor einigen Jahren an Krebs. »Wir haben zu lang auf diesen Moment gewartet. Wir haben keine Worte, um das Glück über Emilys Rückkehr zu beschreiben.«

Drei Tage darauf berichtete Hand in einem CNN-Interview, wie es seiner Tochter geht: »Vorher hatte sie dieses runde Kindergesicht, jetzt ist sie so schmal und ganz blass.« Das kleine Mädchen habe viel Gewicht verloren. »Und das Verstörendste ist, dass Emily nur noch flüstert. Ich muss mein Ohr fast an ihre Lippen bringen, um zu verstehen, was sie sagt.« Sie sei konditioniert worden, leise zu sein, erzählt der Vater unter Tränen. »Und nachts weint sie sich in den Schlaf.«

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