Multimedia

Die Sucht aus dem Netz

Online mit rabbinischer Erlaubnis: Mädchen an einer orthodoxen Schule in Ramat Gan Foto: Flash 90

Israelis lieben die Welt der neuen Medien. Kaum ein Haushalt, in dem nicht auf den allerneuesten Mobiltelefonen und Laptops gesurft wird. Oft sind schon Grundschüler mit iPhone und Konsorten ausgestattet und klicken sich im Sauseschritt durch die Weiten des Internet. Doch die Multimedia-Manie hat ihren Preis: Eine neue Studie der Europäischen Union zeigt, dass israelische Teenager auch in Sachen Onlinesucht ganz oben stehen.

Und zwar offenbar weit vor allen anderen. Mit 11,8 Prozent haben fast zwölf von 100 Jugendlichen im Heiligen Land pathologische Nutzungsgewohnheiten. An zweiter Stelle – mit großem Abstand zu Israel – rangiert Slowenien. Dort gelten 5,8 Prozent als abhängig. Auch in Deutschland ist Internetsucht keine Unbekannte: Mit 4,8 Prozent belegt die Bundesrepublik den vierten Platz. Italien bildete das Schlusslicht der Befragung mit etwas über einem Prozent an krankhaft surfenden Teens.

Umfrage Die EU sammelte für ihre umfassende Untersuchung Antworten von fast 12.000 Teenagern an 178 Oberschulen in elf Ländern. Darunter neben Israel auch Deutschland, Rumänien, Spanien, Frankreich, Italien und Österreich. Die Schüler mussten einen psychiatrischen Fragebogen ausfüllen, dessen Antworten Indizien auf eine Suchterkrankung aufzeigen sollen.

Internet Addiction Disorder (IAD) ist eine relativ neue Diagnose, die erst seit Kurzem das Interesse von Experten auf sich zieht. Die EU-Studie fand heraus, dass die Sucht eher Jungs als Mädchen trifft. Das deutlichste Indiz für Abhängigkeit sei die Nutzungsdauer. Während die nicht abhängigen Jugendlichen bis zu zwei Stunden täglich surften, lag der Durchschnitt bei den süchtigen bei fast vier Stunden.

Juwal Edri kennt das Problem. Der Oberstufenlehrer aus Tel Aviv hat seine Schüler täglich im Blick: »Es gibt eine Gruppe von jungen Leuten, die in jeder freien Minute mit ihren Handys im Netz sind. Man muss sie vor jedem Unterricht förmlich von den Dingern losreißen.« Obwohl er sich bewusst ist, dass die Schüler nach Schulschluss schnurstracks zu ihren Laptops eilen, befürwortet er ein Verbot von Mobiltelefonen und anderen internetfähigen Geräten an Schulen. »Zumindest im Klassenzimmer müssten wir dem unbegrenzten Surfen einen Riegel vorschieben. Ich habe keinen Zweifel, dass die derzeitige laxe Haltung die Abhängigkeit fördert.«

Familie Begünstigende Faktoren für die Entwicklung einer Sucht sind besonders Eltern, die sich nicht ausreichend um ihre Kinder kümmern. Arbeitslosigkeit lasse die Wahrscheinlichkeit, dass die Sprösslinge IAD entwickeln, um 68 Prozent in die Höhe schnellen. Kinder, die nicht in einer klassischen Familie aufwachsen, seien sogar dreimal so gefährdet wie Jugendliche, die mit Mutter und Vater leben. Zudem sind junge Leute in Städten gefährdeter als auf dem Land. Eine urbane Umgebung steigere die Abhängigkeitsrate um 40 Prozent.

Überraschende Erkenntnis: Teenager mit festem Partner verbringen die Zeit nicht vorrangig mit dem Freund oder der Freundin, sondern vor dem Bildschirm. Sie haben ein um 61 Prozent erhöhtes Risiko, internetabhängig zu werden. Vielleicht, um sich online mit dem Liebsten zu treffen. Denn die Favoriten der jungen Surfer sind eindeutig die sozialen Netzwerke wie Facebook oder Twitter. Gefolgt von Videokanälen, etwa YouTube. Onlinespiele sind hauptsächlich für Jungs interessant, Mädchen indes wenden dafür kaum Zeit auf.

Eine weitere Gruppe Jugendlicher wurde in der Studie zwar noch nicht als abhängig, doch an der Schwelle zum Missbrauch eingeschätzt. Auch hier führt Israel mit einem hohen Prozentsatz von 18,2 die Liste an, gefolgt von Estland mit 17 Prozent.

Facebook Im vergangenen Jahr waren Wissenschaftler an der Universität Tel Aviv zu dem Ergebnis gekommen, dass das Internet für Jugendliche – trotz zunehmender Einwände von Eltern und Pädagogen – eher positiv als negativ gesehen werden sollte. Professor Mosche Israelaschwili meint, die meisten Teens nutzten das Web, »um ihre Identität zu stärken und die Zukunft zu gestalten«. Es zeige, dass das Internet ein bedeutendes Werkzeug für die psychische Entwicklung sein kann, sagte er. »Facebook ist wirklich nicht dasselbe wie Spielen.«

Doch die Untersuchenden kamen auch zu dem Ergebnis, dass es einen Zusammenhang zwischen Missbrauch sowie der Entwicklung des Egos und der Selbstwahrnehmung gibt. »Es gibt Nutzungsweisen, die sind destruktiv und isolierend, während andere informieren und die sozialen Kontakte stärken«, so Israelaschwili. Nach derzeitiger Definition wird jemand als abhängig bezeichnet, der mehr als 38 Stunden wöchentlich im Netz verbringt. Israelaschwili will, dass diese Parameter für Teenager geändert werden. Denn: »Es ist die Qualität, die zählt – und nicht die Quantität.«

Jom Hasikaron

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